Oswald Spengler Der Untergang

Oswald Spengler gilt vielen als geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus. In Italien wird nun seine Philosophie wieder ausgegraben - und nicht nur dort.

Von Hermann Baer

Man kann es drehen und wenden wie man will: Oswald Spenglers Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes", ein konservativer Abgesang auf den blinden Fortschrittsglauben, hat seit dem ersten Erscheinen vor fünfundachtzig Jahren die Qualität eines Dauerbrenners entwickelt. Der kühne Versuch, den Gang der Geschichte vorauszubestimmen, trotzte in seiner Rezeptionsgeschichte allen Schmähungen aus dem Parkett der Historiker und Philosophen.

Nun ist im renommierten Mailänder Verlag Longanesi das kontroverse Werk unter dem Titel "Il tramonto dell' Occidente" als Neuauflage erschienen. Dieser publizistische Vorgang lässt aufmerken. Überrascht fragt man sich: Was bewog den Mailänder Verlag, das in die Jahre gekommene Buch des Untergangs-Philosophen neu zu lancieren? Ganz einfach: Die Mailänder haben angesichts des krisengeschüttelten Italiens verlegerisch Witterung aufgenommen. Denn in dem Land, wo zu Goethes Zeiten nicht allein die Zitronen blühten, lassen sich die offenkundigen Symptome des Niedergangs nicht mehr kaschieren. Daher ist für Italien, wo die Stadt Rom jetzt von einem postfaschistischen Bürgermeister regiert wird, Spenglers erkältende Prophetie offenbar alarmierend aktuell.

Longanesi-Verlagsdirektor Luigi Baiosecgi Brischoi sagt im Gespräch: "Spenglers provokantes Buch zählt unbestritten zu den Klassikern der modernen Kulturkritik. Für die Neuauflage griffen wir auf den Text der italienischen Erstausgabe von 1957 zurück." Neu indes sei, sagte Signor Brischoi, dass man dem Buch eine ausführliche Einführung des Mailänder Professors Stefano Zecchi vorangestellt habe.

Revidiert

Zweifellos hat sich da ein Blatt gewendet, zumal seit der italienischen Erstausgabe Oswald Spengler so gut wie totgeschwiegen wurde. Wesentlich dazu beigetragen hat Benito Mussolini, der sich wiederholt als Spengler-Anhänger bekannte. Er soll gar Spenglers 1933 erschienene Schrift "Jahre der Entscheidung" damals in der Zeitung Il Popolo d'Italia rezensiert haben. Spengler hatte in seiner Schrift das Heraufziehen eines neuen Cäsarismus prognostiziert, dessen Führer er in Mussolini sah. Er geriet so nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Intelligenzia in Acht und Bann.

Das unterkühlte Verhältnis zu Spengler, das den Zugang zu seinem Hauptwerk versperrte, wich inzwischen in Italien einem revidierten Urteil. Man empfindet, dass sein Untergangs-Szenario beunruhigend die heutige gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegelt. Nicht ohne Absicht betraute daher der Longanesi-Verlag Stefano Zecchi mit einer Einführung zur Neuausgabe. Schon zu Beginn der neunziger Jahre hatte Zecchi sich in einem Essay zu Fragen der Decandence, des Nihilismus und der Technik im Denken Spenglers, Nietzsches, Jüngers und Heideggers geäußert, ebenso in seinem Buch "Ästhetik: Über das Schicksal".

Ein internationales Symposium an der Mailänder Universität, bei dem namhafte Gelehrte sich mit diesen deutschen Denkern befassten, trug das Seine zur Wiederentdeckung Spenglers in Italien bei. In einer Zusammenfassung dieser Gespräche in der Zeitschrift Il Domenicale vom 3. Juli 2004 unterstrich Zecchi, Spenglers Gedanken seien zeitaktuell.

Der Mailänder Professor, ein scharfer Beobachter, ist der Ansicht, man müsse sich auch einmal fragen, ob die heutige Tendenz zu einem Miteinander unterschiedlicher Kulturen im selben Land nicht eine Selbsttäuschung sei. Der Dialog zwischen den Kulturen leiste der Auflösung der Nationen in eine formlose kosmopolitische Massengesellschaft Vorschub. In der unaufhaltsamen Globalisierung sieht Zecchi den Niedergang unserer Zivilisation. In Spenglers Worten: "Der Weg senkt sich." Auch in Deutschland übrigens werden Werke Oswald Spenglers in den letzten Jahren vemehrt wiederaufgelegt.