Open-Air-Festival Friedlich feiern

Von den "Toten Hosen" bis "Rammstein": 88 500 Besucher haben ihren Spaß beim Festival "Rock im Park" in Nürnberg

Von Dirk Wagner, Nürnberg

"Gewonnen haben sie erst, wenn wir einknicken", ermahnte Campino, Sänger der Toten Hosen , am ersten Festivaltag das Publikum von "Rock im Park" auf dem Zeppelinfeld, nachdem es über die Evakuierung des dreitägigen Zwillingsfestivals "Rock am Ring" informiert worden war. Eine von der Polizei erkannte "terroristische Gefährdungslage", die solche Sicherheitsmaßnahmen in der Eifel notwendig hatten erscheinen lassen, wurde zum Glück nicht bestätigt. Trotzdem gingen den dortigen Besuchern dadurch einige Konzerte am Freitagabend verloren. Und vorausgegangene Terroranschläge wie der in Manchester haben zur Folge, dass die Festivalbesucher nicht mehr - wie in den Vorjahren perfektioniert - Erfrischungen in Getränkekartons aufs Festivalgelände mitbringen dürfen, die sie früher mit Klebebändern zu regelrechten Tetrapack-Batterien verschnürten.

Weil die neuen Regeln aber bereits im Vorfeld in den Medien thematisiert wurden, traf das die Festivalbesucher nicht unvorbereitet, bestätigt Veranstaltungsleiter Martin Reitmeier. Im Gegenzug wurden zudem mehr Wasserstellen als in den Vorjahren eingerichtet, an denen man kostenfrei den Durst löschen konnte. Und auch Mineralwasser wurde deutlich billiger als die restlichen Getränke verkauft. Aber Einschränkungen wie diese oder auch das Taschenverbot für das Festivalgelände taten der guten Stimmung keinen Abbruch. Ein Polizist meinte sogar, dass die befürchteten Terroranschläge, gegen die jene Sicherheitsmaßnahmen gerichtet sind, die Festivalbesucher dahingehend sensibilisiert hätten, dass sie selbst aggressive Handlungen zumeist vermeiden. Und auch Jürgen Kohl vom Bayerischen Roten Kreuz lobte, dass seine Kollegen das Festival "noch nie so ruhig und gesittet erlebt" hätten.

Drei Tage Partystimmung und Musikbegeisterung wie hier beim Auftritt der "Beatsteaks" bei "Rock im Park" auf dem Nürnberg Zeppelinfeld.

(Foto: Joerg Koch/Redferns)

Wie hätte man sich aber auch der guten Stimmung entziehen können, wenn vor der größten von drei zeitgleich bespielten Bühnen ausnahmslos alle Menschen auf dem Zeppelinfeld zu Dean Martins "Papa Loves Mambo" tanzen, bevor die Beatsteaks die Bühne betreten? Mit dem Motörhead-Cover "Ace Of Spades" gedenken sie einer Rocklegende, die vor dem Tod ihres Bassisten Lemmy gefühlt zum festen Inventar von "Rock im Park" zählte.

Begeistert grölen die Zuschauer darum mit, wie sie auch im Anschluss den zweieinhalbstündigen Auftritt der Toten Hosen lauthals feiern. Sara aus der Oberpfalz darf sogar mit den Hosen gemeinsam auf der Bühne singen. So, wie sie es sich auf ihrem von Campino im Publikum entdeckten Transparent gewünscht hatte. Gerade solche Aktionen, die die Nähe zwischen Stars und Fans zulassen, statt einen Sicherheitsabstand zu bewahren, untermauern die herrlich entspannte Festival-Stimmung.

Gut gelaunt flanieren die Zuschauer darum auch durch die Einkaufsgassen, die außerhalb der eigentlichen Konzertareale neben Speisen und Getränken auch Band-T-Shirts und sonstige Fanartikel anbieten. Selbst vor Ort gedrechselte hölzerne Dildos werden hier im dritten Jahr in Folge erfolgreich angepriesen. "Zum Einführungspreis", wie Elmar Thüry, der Chef des angereisten "Waldmichls Holdi"-Teams aus dem Odenwald, immer wieder scherzhaft betont. Weil angesichts von 88 500 Besuchern eines ausverkauften Festivals der Zugang zu den beiden kleineren Konzerträumen auf dem Gelände temporär auch mal wegen Überfüllung geschlossen sein kann, haben zumindest die erfahrenen Festivalgänger das Programm schon zuvor gründlich studiert. Ein nicht zu verachtender Tipp ist hier: Suchen Sie sich einen zugkräftigen Headliner aus, der Ihnen nicht so zusagt, und schauen Sie dann, wer parallel zu dessen Auftritt spielt.

Die kleine Gruppe nämlich, die nicht das rappelvolle Rammstein-Konzert samt der allseits gepriesenen Pyrotechnik und Bühnenshow beäugen wollte, und auch nicht den deutlich witzigeren Auftritt der britischen Indie-Rockband Bastille auf der zweiten Open-Air-Bühne genoss, darf man ruhig als die eigentlichen Gewinner des Festivals ausrufen. Denn sie erlebten in der Arena, die immerhin über zehntausend Zuschauer fasst, ein regelrechtes Privatkonzert der australischen Rockband The Living End. Entgegen seinem Namen steht dieses Trio für einen erfrischenden Neubeginn der Rockmusik, die mit einigen Rockabilly-Referenzen auf Kontrabass, Schlagzeug und E-Gitarre aufregend ausgelebt wird. Statt mit einem Bottleneck schmiert der Gitarrist da auch mal mit einer gut gefüllten Bierflasche über die Saiten. So schnell, dass ob der Erschütterung das Bier heraus spritzt und die Gitarre mit Bierschaum bedeckt. Fiebrig pulsierend stimmt das Gitarrenspiel dabei auch mal Klassiker an wie Junior Parkers "Mystery Train", den die meisten wahrscheinlich in der 1955er Version von Elvis Presley kennen.

Solche Rückbesinnung auf die Ursprünge der Rockmusik hatte am selben dritten Festivaltag bereits nachmittags das mitreißende Programm der Welshly Arms aus Cleveland, Ohio geprägt. Gospel-artige Soul-Chöre kombiniert diese Band spannend mit einer Bluesgitarre, die in ihren Tappings, dem Anschlagen der Saiten also mit den Fingerkuppen der greifenden Hand, durchaus an die wegbereitenden Soli eines Jimi Hendrix erinnert. Jene Rückbesinnung auf die offenbar zeitlosen Ursprünge einer Rockmusik prägte aber auch das Konzert des stimmgewaltigen Rag'n'Bone-Man, der seinen Blues nur dezent mit Zutaten aus einer Hip-Hop-Sozialisation anreichert. Nichts hätte den Sonnenuntergang am Dutzendteich schöner rahmen können, als der auch mal nur von einem Piano begleitete Gesang jenes britischen Sängers, der sich bezeichnenderweise auf seinen Hals das Abbild des legendären Shure 55S-Mikrofons tätowieren ließ. Spätestens da wurde klar: Gleichwohl Zugpferde wie System Of A Down das Festival in solcher Größe erst ermöglichen, wird es letztlich doch von den kleineren, aber feineren Neuentdeckungen belebt.