Obskure Hefte im Schrank War Kafka Pornograph?

Kafka war doch nur ein Normal-Heiliger: Nicht nur, dass er stetig ins Bordell ging, auch Pornohefte soll er besessen haben. Doch Ferkeleien sehen heute anders aus.

Von Burkhard Müller

So, jetzt sollen wir auch das wissen: Franz Kafka war Besitzer pornographischer Schriften. Vielleicht nicht geradezu stolzer Besitzer, denn er soll sie sorgsam in einem Schrank verwahrt und den Schlüssel mitgenommen haben, wenn er fortging.

Diesen Teil des Nachlasses will sein angeblicher Entdecker James Hawes, Professor für Kreatives Schreiben an der Brookes University in Oxford, keineswegs besonders tief verborgen in der British Library und in der Bodleian Library in Oxford gefunden haben.

Es müssen aber, meint er, vor ihm schon andere darauf gestoßen sein; die Scham soll sie abgehalten zu haben, davon zu sprechen. Er selbst empfindet nicht so; und seine Forschungsresultate wird er demnächst in einem Buch mit dem Titel "Excavating Kafka" (Quercus Publishers, London) vorstellen.

Kaum haben wir uns von der Nachricht erholt, dass Kafka offenbar regelmäßig ins Bordell ging, müssen wir nun dies verkraften. "Franz Kafka's porn brought out of the closet", "Franz Kafkas Pornohefte aus dem Schrank geholt", meldet groß die Londoner Times.

Ein achtungsvolles Gefühl

Kafka war also normal, ja mehr als das, gewissermaßen normal-pervers, wenn es so etwas gibt. Noch immer, meint James Hawes, täten sich Forschung und Publikum schwer mit dieser Einsicht - als wäre es normaler, dass er ein Heiliger ist. Was die Forschung betrifft, hat James Hawes dabei sicherlich unrecht. Das Publikum hingegen hält es mit der Heiligkeit womöglich anders.

Das Bild von Kafka als Heiligem hatte einst sein Freund und Herausgeber Max Brod in die Welt gesetzt, mit erheblichem Erfolg. Man sollte ihn nicht allzu sehr verspotten dafür, denn es drückt sich darin das Gefühl von der Einmaligkeit dieses literarischen Werks aus, in denkbar unbeholfener Weise zwar, aber doch unverkennbar und achtungsvoll.

Wenn man sich diese Heiligkeit allerdings im Reich des Persönlichen zu Hause vorstellt und daraus bestimmte Erwartungen an den Lebenswandel herleitet, kommt man um Enttäuschungen nicht herum.

Dass ein Dichter besonders keusch leben sollte, ist ja ein gänzlich unangemessenes, sachfremdes Postulat, so wie wenn man für die Führerscheinprüfung den Nachweis der Musikalität verlangen wollte.

Der Zauber der Reliquien

Bei einem Dichter reicht es völlig, wenn er gut dichtet, damit tut er genug für uns; ansonsten darf er im moralischen Bereich sogar unter dem Durchschnitt liegen, das ist seine Sache oder höchstens die Sache derer, denen er damit zu Lebzeiten beschwerlich fiel.

Wie steht es mit dem Amethyst?

Längst erregt alles Private, was mit Kafka zu tun hat, ein so eminentes allgemeines Interesse, wie es sonst die Stars unserer Gegenwart begleitet.

Man mag es zehnmal mit der Vernunft begriffen haben, dass Kafka nicht im liturgischen Sinn ein Heiliger gewesen sein kann: Die Reliquien üben ihren Zauber dennoch aus. Jeder banale Gegenstand kann als Reliquie gelten, sofern er nur mit dem Heiligen in leiblicher Beziehung gestanden hat. Die wird man den angeblichen Pornoheften schwer absprechen können. Kafkas Einhandlektüre! Da verblasst selbst Büchners Locke.

"Dark and shocking" soll das Material sein, behauptet James Hawes. Schon wer je pornographische Bilder der Zeit gesehen hat, wird sich angesichts dieser Behauptung erheitert fühlen.

Das, verglichen mit den heutigen Möglichkeiten, Unausgereifte der Technik verleiht ihnen etwas Unschuldvolles, und zwar gerade dort am meisten, wo sie so richtig verrucht sein wollen, wie bei einem der rasenden Automobile jener Zeit, wenn der Futurismus es malt.

Das Dämonische, das Tote, das Höllische, das seinen Weg in die jüngere Pornographie gefunden hat, steht der Zeit vor hundert Jahren noch fern; sie freut sich arglos daran, das Verbotene auch noch knipsen zu können.

Kafkas Magazine hießen Amethyst und Opale, und ihre Darstellung bei James Hawes ist durchaus unangemessen. "Girls on girls" gebe es darin zu sehen, berichtet er, ja "animals committing fellatio". "Quite unpleasant" seien diese Bilder - sagt entrüstet der, der bislang alleine über sie zu verfügen können behauptet, um die Neugier auf sein Buch anzufachen.

Heiligkeit für den Privatgebrauch

Tatsächlich handelt es sich bei diesen beiden, von Franz Blei veröffentlichten und der Forschung wohlbekannten Magazinen um Privatpublikationen, die neben Bildern unbekleideter Frauen Arbeiten von Aubrey Beardsley und Felicien Rops enthielten sowie Texte von Jules Laforgue und Paul Verlaine. In den Opalen, die jährlich in einer Auflage von achthundert nummerierten Exemplaren erschienen, wurde Carl Einsteins "Bebuquin" veröffentlicht, der erste deutsche expressionistische Roman überhaupt.

Diese Hefte (die preziösen Titel deuten es an) waren im Übrigen keineswegs billig; Kafka teilte sich mit seinem Freund Max Brod in die Kosten für das Abonnement. Und Franz Kafka schrieb im Februar 1906 an seinen Freund in einem Brief, der in Klaus Wagenbachs Biographie schon in der ersten Ausgabe von 1958 zitiert wird (Seite 132/133): "Wie steht es mit dem Amethyst? Mein Geld ist schon vorbereitet."

Das lehrt uns zweierlei: Zum einen, dass die Sensation, die der englische Professor nun unter die Leute bringen will, keine solche ist. Zum anderen, dass Max Brod zumindest für den Privatgebrauch die Sache mit der Heiligkeit doch etwas modifiziert zu haben scheint.

Sprache als Lebensstoff

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