Es fällt auf, dass zunehmend Intellektuelle als Parteigenossen geoutet werden, die Zeit ihres Lebens linksliberale Ansichten vertreten haben.
Im Herbst und Winter des Jahres 2003 haben die Deutschen anhand der nachgelassenen Karteikästen der NSDAP darüber gefachsimpelt, ob Walter Jens und andere davon gewusst hatten, dass sie als Teenager in die Partei aufgenommen worden waren. Jetzt erleben wir ein Remake dieser Inszenierung. Ihre zentralen Aufzüge gleichen denen des Possenspiels von 2003, nur dass die jetzt inkriminierten Intellektuellen zum Zeitpunkt ihres angeblichen Beitritts noch jünger waren als die seinerzeit genannten Gelehrten.
Martin Walser (li.), Dieter Hildebrandt (Mitte) und Siegfried Lenz sind die neuesten "Geouteten". (© Foto: AP)
Anzeige
Jens war neunzehn Jahre alt, als er als Parteigenosse verzeichnet wurde, Dieter Hildebrandt war erst sechzehn, Martin Walser und Siegfried Lenz waren siebzehn. Das restliche Ensemble - Historiker, Archivare, Journalisten - ist im Wesentlichen gleich geblieben.
Auch an der Sachlage hat sich nichts geändert. In einem sind alle Experten sich nämlich einig: Die Aktenlage ist zu lückenhaft, als dass sich zweifelsfrei klären ließe, was es mit diesen ominösen Parteieintritten auf sich hat. Manche ziehen daraus den Schluss, Walser, Hildebrandt und Lenz unterstellen zu dürfen, sie sagten "wahrscheinlich" die Unwahrheit. Oscar Wilde hätte mit Vergnügen konstatiert, wie recht er hatte, als er schrieb, der moderne Journalismus habe viel für sich: Indem er uninformierte Meinungen verbreite, halte er die Leser über die Ignoranz der ganzen Gesellschaft auf dem Laufenden.
Brauner Mist, weiße Weste
Bleibt zu fragen, was das Ganze soll. Warum interessieren sich die Medien für die NSDAP-Zentralkartei im Bundesarchiv? Die Deutschen haben ein Faible für NS-Geschichten. Das ist zweifellos ein Grund. Jeder Feuilletonredakteur weiß: Wenige Themen vermögen die Leserbriefschreiber so zu motivieren wie Artikel über den Nationalsozialismus.
Mit der zunehmenden zeitlichen Entfernung zum NS-Staat ist das Spektrum der Enthüllungen immer bunter geworden. Von Themen wie Hitlers Generäle, Hitlers Frauen oder Hitlers Wehrmacht ist die Publizistik längst zu anderen Dingen übergegangen: Mal wurde Hitler für homosexuell erklärt, mal hieß es, die Nazis hätten die Atombombe gehabt. Die Geschichte, dass der "Führer" noch am Leben sei, lässt sich fast 120 Jahre nach seiner Geburt leider nicht mehr verkaufen.
Dieser Tage geht es also um Hitlers Parteigenossen. Möglicherweise dürfen Walser, Hildebrandt und Lenz sich bei Günter Grass dafür bedanken, dass sie nun vorgeführt worden sind: Kein Journalist hatte Grass' Jugendvita je recherchiert, alle warteten ab, bis der Nobelpreisträger selbst erklärte, er sei in der Waffen-SS gewesen. Das Versäumnis war nur wettzumachen, indem man die Namen anderer Prominenter hervorkramte. Mehr als eine angebliche Parteimitgliedschaft kam dabei zwar nicht zutage, aber das war immerhin besser als gar nichts.
Das Bestreben der Medien, schwarze Schafe in der bundesdeutschen Demokratie ausfindig zu machen, ist an sich begrüßenswert: Opportunisten, die ihr Mäntelchen freiwillig durch den braunen Mist zogen, um es hernach persilweiß als demokratisches Outfit zu präsentieren, verdienen die Brandmarkung. Das damalige Alter der drei Delinquenten spricht freilich gegen diese Vermutung. Das gilt übrigens nicht bloß für das Trio, von dem jetzt die Rede ist, sondern für jeden Bürger dieses Landes: Nachdem sie unter der ideologischen Haube aufgewachsen waren, die das NS-Regime der Volksgemeinschaft verpasst hatte, dürften viele Teenager der NSDAP beigetreten sein, ohne die Bedeutung dieses Schrittes ermessen zu können.
Von halben Kindern und unter den damaligen Umständen kann man das im Nachhinein auch nicht verlangen. Für die Gesellschaft ist es heute nicht von Belang, ob ein Jugendlicher Parteigenosse war. Eher schon interessant ist die Frage, wie er sich damals verhielt, wie er, unter den Bedingungen der Diktatur, die ihm offenen Handlungsspielräume ausnutzte. Diesbezüglich gibt es im Hinblick auf das Trio keine neuen Erkenntnisse. Die ganze Sensation ist also keine, was abermals die Frage aufwirft, warum das Spektakel nötig war.
Genugtuung für Globke
Es fällt auf, dass alle Leute, die in den vergangenen Jahren als PGs, als Parteigenossen, geoutet wurden, Intellektuelle sind, die zeit ihres Lebens vornehmlich linksliberale Ansichten vertreten haben. Der Historiker Ulrich Herbert fasst die Debatte mit dem lapidaren Satz zusammen: "Das ist ein Rückspiel". Indem sie sich an den wenig aussagekräftigen Karteikarten aus dem Bundesarchiv festhalten, folgen manche Medien einer Devise, die vor Jahren die "Neue Frankfurter Schule" ausgegeben hat: "Die stärksten Kritiker der Elche waren früher selber welche."
Jetzt soll gezeigt werden, dass jene, die sich um den Aufbau einer freiheitlichen Demokratie in der Bundesrepublik verdient gemacht haben, selbst Dreck an den Fingern haben, mit denen sie auf andere wiesen, auf die Filbingers und die Globkes, die als reife Menschen im nationalsozialistischen Regime mitmischten und ihre Karrieren nach 1945 ohne Unterbrechung fortsetzten.
Was noch aussteht, ist die umfassende Recherche, wie viele illustre Bundesbürger einst als Kinder ihre störrischen Eltern anbettelten, in die Hitlerjugend oder den Bund Deutscher Mädel eintreten zu dürfen. Da bleibt sehr viel zu tun.
(SZ vom 4. 7. 2007)
Bundespräsident Gauck in Israel
Aus Erzählungen meiner Mutter (sie war Jahrgang 1914) weiß ich, daß sie bei der Wahl zu Hitler zwei Möglichkeiten hatte: "ja" oder "nein". Es hieß im Wahllokal: "Nur Denunzianten gehen in die Kabine", weil man erwartete, daß jeder öffentlich mit "ja" abstimmen müßte. Das Ergebnis nach der Wahl war eindeutig: 100 % hatten mit "ja" gestimmt. Meine Mutter wußte, daß sie nicht dazugehörte und richtete ihre mutige Frage an einen Wahlhelfer, den sie persönlich kannte, warum sie nicht wenigstens eine Neinstimme im Ergebnis gelassen hatten, um jedem, der mit "nein" stimmte, glauben zu lassen, er sei der einzige gewesen. Die kurze Antwort war: "Wir lassen uns von ein paar solchen Schweinen das Wahlergebnis nicht versauen".
Warum sollte die NSDAP ihre Mitgliederlisten nicht einfach selbst zusammengestellt haben, um sich auch in diesem Fall ihre Statistik nicht zu versauen ??
das hat man erreichen wollen, das hat man erreicht. user @friedeman beschreibt's ja sehr anschaulich. Seine Verurteilung Hildebrandt's kann ich allerdings genauso wenig teilen, wie die Klage @legpatnosts über die mangelnde Standhaftigkeit (soll wohl heißen: Charakterfestigkeit) Walsers.
Glückwunsch! Den Hofnarren (denn das sind sie) hat man die Schellenkäppchen abgenommen, nun stehen sie barhäuptig da: "Packt sie! Packt sie! Packt sie und zerhackt sie!" (R. Kunze) - es bleiben nicht mehr viele, die den (im Kern?) verrotteten Hofstaat noch kritisieren könnten.
Wie sollten sie sich auch verteidigen können? Narren verteidigen sich nicht, Narren machen lächerlich, indem sie auf Differenzen verweisen. Sie ihrer Funktion zu berauben und die Leerstelle unbesetzt zu lassen, schwächt das Ganze.
Die Vorwürfe an Hildebrandt und Co. sind lächerlich - noch einmal, wie sollten sie (sollten sie?) sich denn verteidigen? Unsere politische Kultur hat dafür keine Handlungsroutinen, es gibt hier nur den Modus der Scham, des Rückzugs, des Kopfsenkens (legpatnost!).
Das wissen doch alle (oder nicht?!), deshalb ist es so BILLIG, darauf 'rumzureiten! Die "Enthüllungen" und die damit verknüpfte "Erregung" verweisen vor allem auf eins: "wir" sind noch lange nicht in der Normalität angekommen, die "wir" "uns" alle (von verschiedenen Richtungen kommend) wünschen. Glückwunsch! Beifall! Vorhang zu.
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
...dass man mit 16 nicht völlig politisch entscheidungsfähig ist. Interessant, dass man das neu entdeckt, wo doch heute jedes Kleinkind wählen können soll, damit die Eltern mehr undemokratische Macht erhalten. Aber ich würde mich schon erinnern, ob ich damals mit 16 bewusst oder unbewusst eingetreten bin - insbesondere wenn ich mich im Nachhinein wie Grass und Hildebrandt als Obermoralapostel der Republik aufspiele. Und es drängt sich das biblische Wort vom Splitter und dem Balken auf.
Also: strafen wir doch nicht den überbringer der Botschaft, egal wie er heißt, sondern gehen wir mit der Botschaft um. Und die Herren Grass, Hildebrandt et al. (genauso die Globkes etc.) sollen doch bitte erklären, warum geschah, was geschah. Herr Grass erinnert sich doch plötzlich ganz klar, wie das damals alles war. Es ist also nicht alles lediglich die böse Nachricht des F-Magazins. Schön, wenn auch die Adepten der Gutmenschen einmal akzeptieren würden, dass für die Gutmenschen erst recht die Regeln gelten, die sie an andere anlegen und angelegt haben, um sie Jahre und Jahrzehnte lang aufzuspießen und sich über sie lustig zu machen.
Ich bin weiß Gott kein Konservativer, aber diese Doppelmoral macht mich wütend.
Zitat: "hastalavictoria: Fortsetzung:
Da fehlt doch noch der Herr Ratzinger...
Verstehe ich nicht :
Der hat doch nur die "Katholische Glaubenskongreation" geleitet ehe er "Beni16" wurde.
War etwa die Vorgängerbehörde "Inquisitionsamt" Teil der NSDAP ? - Die haben nämlich die "Hexen und Teufel" im Mittelalter lebendig verbrannt.
Zivilisierte Päpste haben "nur", auch in AIDS-Gebieten Afrikas, verboten Kondome zu benutzen. :)
Paging