Neues Album von Eminem: Relapse Verbaler Amoklauf

Eminem schimpft wieder über seine Mutter, beklagt seine Schwäche und rechnet einfach selbst mit seiner Medikamentensucht ab: Der berühmteste Rapper aller Zeiten ist wieder da.

Von J.-C. Rabe

Der berühmteste und erfolgreichste Rapper aller Zeiten hat ein neues Album veröffentlicht, "Relapse" (Interscope, 2009) heißt es, und da nun überall die Frage verhandelt wird, ob eben diese Platte das fast zwei Jahrzehnte lang dominante, zuletzt jedoch unüberhörbar schwächelnde Pop-Genre Hip-Hop retten kann, hier erstmal die schnelle Antwort: nein. Eminem hatte in den fünf Jahren seit seinem 2004 erschienenen fünften Studioalbum "Encore" bekanntermaßen schon genug damit zu tun, sich selbst zu retten. Auf seiner neuen Platte legt er davon ausführlich Zeugnis ab. Fast im Stil eines klassischen Konzeptalbums geht es also um seine inzwischen wohl vorerst überwundene schwere Drogen- und Medikamentensucht.

Nach fünf Jahren Pause hat Eminem wieder ein Album aufgenommen. Das Cover, zusammengesetzt aus Tabletten, spielt auf seine Drogen- und Medikamentensucht an - den Grund für die lange Studiopause.

(Foto: Foto: Universal)

Schon das Coverporträt des Künstlers setzt sich bei näherem Hinsehen aus unzähligen kleinen Tabletten zusammen und zu den im Booklet komplett abgedruckten Texten ließe sich ohne weiteres eine eigenes medizinisches Sachregister erstellen.

Kaum ein Song kommt ohne die Nennung verschiedenster kleinerer und größerer Helfer aus: Mantalin, Lanalin, NyQuil, Valium, Methadon, Hydrocone, Kreatin, Ritalin, Ventolin, Xanax, Percodan und Vicodin - alles drin. Und noch einiges mehr. Abgesehen natürlich von ebenfalls prominent vertretenen Stimmungsutensilien wie Bier, Rotwein, Kokain und Jack Daniel's Whiskey.

Die Tonspur liefert wie gewohnt Dr. Dre, der Überproduzent des Gangster-Rap der vergangenen zwei Jahrzehnte. Etwas bislang Ungehörtes gelingt ihm nicht, es dürfte auch gar nicht seine Absicht gewesen sein. Auf demonstrative Weise distanziert sich die Musik von den Autotune-Sound-Exzessen des Genres in der jüngsten Vergangenheit. Man muss sich das Soundbett des Albums vielmehr als die virtuose Vertonung eines großen Hip-Hop-Hörspiels vorstellen. Die Beats schleppen sich mittelschwer rumpelnd dahin, während zweifellos mit einem großen Popohr ausgesuchte Melodiefetzen und Signature-Samples aus Piano- und Orchester-Sounds sparsam Akzente setzen.

Das muss einem erst einmal so gut gelingen. "Crack A Bottle", "We Made You", "3. a.m." oder "Old Time's Sake" haben so ihren Weg in die Charts entweder schon gefunden oder werden ihn alsbald finden. Todsicher. Ohne den geschmackssicheren Minimalismus Dr. Dres, das wird oft allzu gerne unterschlagen, hätte es den Weltstar Eminem nie gegeben. Um also keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: "Relapse" mag es zwar etwas an genuiner musikalischer Innovationskraft mangeln, es bleibt dennoch ein außergewöhnlich gutes Pop-Album.

Unbestritten im Mittelpunkt steht einmal mehr der fintenreiche Geschichtenerzähler Eminem, dem einst sogar der Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney eine mit Bob Dylan vergleichbare literarische Begabung attestierte. Natürlich völlig zu Recht, auch wenn nie ganz klar wurde, ob der ehrwürdige Ire das verwinkelte Schaffen des amerikanischen Rappers gänzlich überblickte.

Kontrollierte Defensive

Es ist im Kern als verbaler Amoklauf angelegt und bricht auf "Relapse" vielleicht deutlicher als je zuvor nicht nur mit jedem gesellschaftlichen Konformismus (das gehört im bösen Rap zum guten Ton), sondern auch mit den zwei ideologisch konstituierenden Regeln des eigenen Genres. Die Gewaltphantasien, die seine Mutter betreffen, die er schon früher etwa in dem Song "Kill You" auslebte, in dem er von ihrer Vergewaltigung und Ermordung phantasierte, erleben nun in "My Mom" noch einmal eine drastische Aktualisierung.

In dem als eine Art Homestory angelegten Text heißt es: "But this is just a story of when I was just a shorty and how I became hooked on va-al-iu-um / valium was in everything, food that I ate / the water that I drank, fuckin' peas on my plate." Hier ist Eminem, wie der amerikanische Poptheoretiker John Leland einmal bemerkte, wo vor ihm kein schwarzer oder weißer Rapper je war. Die Ehrerbietung gegenüber der Mutter ist im strukturkonservativen Hip-Hop obligatorisch. Die Geringschätzung der Mutter gilt als größtmöglicher Ausdruck der Verachtung.

Der andere fundamentale Regelverstoß Eminems ist im Grunde die gesamte Anlage des neuen Albums als Offenbarung der eigenen Schwäche. Die ist im Hip-Hop als idealtypischer Musik der Selbstbehauptung im Grunde nicht vorgesehen. Allenfalls im Zusammenhang mit einer Erfolgsgeschichte, die den Protagonisten in der Rückschau nur umso stärker erscheinen lässt. Diese Interpretation scheint natürlich auch auf "Relapse" mehr als einmal durch, aber ein echtes Bemühen um eine konsequent positive Umdeutung, wie sie etwa der ehemalige Dealer 50 Cent betreibt, in dem er sich mit dem Autor Robert Greene zusammentut für eine Version von dessen Bestseller "The 48 Laws Of Power" - so eine konsequente Umdeutung der eigenen Unkonventionalität gibt es bei Eminem nicht.

Wenn also nun mancherorts beklagt wird, dass sich das Album allein um den zuletzt schwer versehrten Eminem selbst und seine Scheinwelt drehe, dann stimmt das natürlich. Viel interessanter ist jedoch, wofür diese Konstellation ein Beispiel gibt. Für etwas nämlich, dass in der ultra-maskulinen und dementsprechend angriffslustigen Welt des Rap und Hip-Hop - aber längst nicht nur dort - allenfalls strategisch erlaubt ist, niemals aber eben so bekenntnishaft wie hier: kontrollierte Defensive. Er habe, sagte Eminem gerade in einem Interview schon in seiner Jugend Rap-Battles mit der Taktik gewonnen, alles selbst zu verdichten, was man eventuell gegen ihn verwenden konnte. Heute ist er der Star, der nicht wegen, sondern - wenn schon - trotz allem Erfolg hat. Ob das ein Trost ist, muss jeder selbst entscheiden.