Netzdepeschen (19) Kunst, die Kopfweh macht

Die Kunstgeschichte hat die Op-Art nie so richtig ernst genommen. Auch im Netz dienen die optischen Täuschungen eher der Unterhaltung.

Von Andrian Kreye

Die Kunstgeschichte hat die Op-Art nie so richtig ernst genommen. Was da Anfang der sechziger Jahre mit strenger Geometrie und optischen Täuschungen in die Galerien drängte, war gleichzeitig zu mathematisch und zu dekorativ, um irgendeinem Kunstanspruch gerecht zu werden.

Ganz zu schweigen vom spekulativen Spiel mit dem menschlichen Sehvermögen, das zu Flimmereffekten, Nachbildern und Farbvibrationen führte. Und so blieben Victor Vasarely, Bridget Riley und Julio Le Parc bloße Fußnoten zwischen dem Aufbruch der Pop Art und den Experimenten der Psychedelik. Doch gerade weil Op-Art auf so mathematische Weise mit den Sinnen spielt, trifft sie heute den Nerv der Hacker und Blogger als eine Art algorithmischer Psychedelik.

Natural Hallucinogen, Hipnotize oder Dr. Hipnosis

Als Kunst nimmt auch das Netz die Op-Art nicht ernst. So hat der amerikanische Webdesigner Christoph Stangland 73 bewegte Op-Art-Muster entwickelt, die mit dem Prinzip der Komplementärfarben und geometrischen Verschiebungen die optischen Verstörungen der Op-Art auf die Spitze treiben. Das wirkt wie das visuelle Pendant der Noise Music und so hat Stangland seine Seite auch The Headacher genannt - der Kopfwehmacher.

Der Headacher nutzt die Op-Art zur reinen Unterhaltung. Auch The Explorartorium sammelt optische Täuschungen vor allem zur Unterhaltung. Und auf YouTube findet man inzwischen eine ganze Reihe psychedelischer Videos, die mit Op-Art-Effekten spielen. Die nennen sich dann Natural Hallucinogen, Hipnotize oder Dr. Hipnosis.

Die interessantesten Arbeiten finden sich jedoch auf den Webseiten von Wissenschaftlern und Ärzten, die sich mit visueller Wahrnehmung beschäftigen. Eine Art Crashkurs in der Wissenschaft optischer Täuschungen hat Professor Michael Bach zusammengestellt, der die Sektion Funktionelle Sehforschung an der Universitäts-Augenklinik in Freiburg leitet.

Kernstück sind die Darstellungen von 72 optischen Täuschungen mit den dazugehörigen wissenschaftlichen Erklärungen, die von den Modellen von Edward Hering, dem Ludimar-Hermann-Gitter bis hin zu einer Analyse des Stroboskop-Effektes reicht.

Rotierende Schlangen

Bach setzt sich auch kritisch mit den Theorien zu optischen Phänomenen auseinander. Unter anderem untersucht er die rotierenden Schlangen des Psychologen Akiyoshi Kitaoka von der Ritsumeikan Universität in Kyoto. Der hat mit Hilfe von geometrischen Berechnungen und Farben die derzeit interessanteste optische Täuschung erzeugt.

Betrachtet man das großflächige Muster, scheint es, als ob mehrere Schlangen ineinander greifend rotieren. Dass es sich dabei nicht um eine Animation handelt, lässt sich ganz einfach beweisen, wenn man die Arbeit hoch aufgelöst ausdruckt.

Die Op-Art-Experimente sind inzwischen so beliebt, dass die Vision Sciences Society seit drei Jahren einen alljährlichen Wettbewerb ausruft, deren Sieger anlässlich ihrer Jahresversammlung verkündet werden. Die Gewinner dieses Jahres sind nun auf dem Netz. Bewerbungen für die nächste Runde werden schon angenommen.