Netz-Depeschen Vom kleinen Däumling

Es ist viel Häme ausgeschüttet worden über den Regierungssprecher, der Termine via Twitter bekannt gab. Dabei zeigt der Fall doch nur, dass in der Informationsaufnahme nichts mehr so ist wie bisher.

Von Niklas Hofmann

Es ist viel Häme ausgekippt worden über die in der Bundespressekonferenz versammelten Hauptstadtjournalisten und ihre so indignierte Reaktion auf den Umstand, dass der Regierungssprecher sich des Mediums Twitter bediente, um Termine bekannt zu geben. Das mag im Einzelfall so unverdient gewesen sein, wie zusammen genommen der beleidigte Unterton der Damen und Herren im Saal peinlich war.

Spart man sich aber billige Überlegenheitsgefühle, so offenbart der kleine Vorfall erneut eines: Wie mühsam gelegentlich nur die Erkenntnis reift, dass in der Informationsaufnahme eben nichts mehr je wieder so sein wird wie es jahrzehntelang war, und vielleicht gut war. Und dass das beste Gegenmittel gegen den Abschiedsschmerz die unbedingte Neugier auf das Neue ist.

Von diesem Gefühl ganz und gar durchdrungen ist jedenfalls die bemerkenswerte Rede, die vor wenigen Wochen der 80-jährige Philosoph Michel Serres zur Eröffnung der Sitzung des Institut de France gehalten hat, also unter anderem vor den Mitgliedern der Académie française, zu denen Serres seit gut zwanzig Jahren zählt. Vor dieser erlauchten Zuhörerschaft hat Serres sich mit der Frage der Erziehung im 21. Jahrhundert beschäftigt und dazu zunächst einmal untersucht, mit welchen Schülern man es denn überhaupt zu tun bekommt.

Der kleine Däumling, so nennt Serres den Jugendlichen von heute, wegen dessen Fähigkeit sich mit dem Daumen auf der Smartphone-Tastatur die Welt zu erobern, der kleine Däumling also und die kleine Däumeline lebten nicht mehr im selben Raum und der selben Zeit wie die Generationen, die ihnen vorangegangen seien. Der Wandel aller ihrer Lebensbedingungen, nicht zuletzt der technischen, sei so grundstürzend, dass man sagen müsse: "Ohne dass wir es gemerkt haben, ist ein neuer Mensch geboren worden."

Dieser Umbruch im Denken, Fühlen und Sein sei für die Menschheit so wichtig wie das Neolithikum und die Renaissance. Die gesamte Pädagogik werde sich daher vollkommen wandeln müssen, sei sie doch bislang darauf ausgerichtet, Wissen zu vermitteln. Alles Wissen aber sei heute "immer und überall bereits vermittelt", nicht konzentriert, aber diffundiert in der vernetzten und verlinkten Gesellschaft. Kein Guru, keine Methode, kein Lehrer, nur Wikipedia, Facebook und Twitter.

So drastisch er die Differenz auch ausmalt, so wenig versteckt Serres seine Zuneigung zu den neuen Menschen und die Vorfreude auf ihre Zeit. Der Vortrag endet mit dem emphatischen Ausruf des greisen Académicien, wie gerne er noch einmal 18 wäre, in einer Welt, in der "alles neu gemacht", nein, alles überhaupt erst gemacht werden müsse. Ein derart ansteckender Optimismus weht (trotz manch vergröbernder Verallgemeinerung in der Analyse) durch Serres' Vortrag, dass die Rede im französischsprachigen Teil des Netzes seither eine respektable Karriere gemacht hat, vielfach zitiert und begeistert weiterempfohlen wurde.

Der Journalist Paul-Henri Moinet merkte im Magazin Le nouvel Économiste noch an, dass hinter dem Rekurs auf das Wort Däumling wohl mehr stecke als nur Witzelei über den intensiven Einsatz des Pollex: Schließlich werde die anfangs von allen unterschätzte Figur aus Perraults Märchen ja zum Retter der älteren Brüder. Autonom, einfallsreich, erfinderisch werde die neue Generation sein. Und in diesem Sinne sei der aufmüpfige, unerschrockene Däumling, so Moinet, wohl "eine vorweggenommener Hybride aus Julian Assange und Stéphane Hessel".