Netz-Depeschen Bis zum letzten Tweet

Kaum ist in Tunesien das Regime gestürzt, heißt es, das Internet sei schuld daran. Aber wäre es nicht auch ohne Facebook und Twitter zur Revolution gekommen?

Von Niklas Hofmann

Das Internet kommt einem ganz gelegentlich vor wie eine narzisstisch gestörte Person, die bei jedem beliebigen Thema das Gefühl hat, es sei in Wahrheit von ihr die Rede. Oder sollte es jedenfalls dringend sein.

"Das Internet" gibt es natürlich nicht, gemeint ist seine debattierende Klasse, die nun, nach den Ereignissen in Tunesien (wie schon bei den Krisen in Moldawien und im Iran) in erster Linie über die Rolle des Netzes diskutieren möchte. Ein Paradebeispiel liefert Nate Anderson, dessen Artikel auf der Technik-Website Ars Technica schon in der Überschrift verkündet, man habe "die Tyrannen aus Tunis herausgetweetet", und dann die Helfer aus der Welt des Digitalen und ihre Beiträge rühmt.

Denn diesmal gibt es noch mehrere Kandidaten, deren Copyright-Stempel manche der Revolution gerne aufdrücken würden. Neben der "Twitter-Revolution" war auch schon von der "Facebook-Revolution" oder der "Wikileaks-Revolution" die Rede. Julian Assange, so suggeriert etwa die Journalistin Elizabeth Dickinson, könne den Sturz von Präsident Ben Ali für sich reklamieren, weil die von ihm veröffentlichten Depeschen aus der US-Botschaft in Tunis das dekadente Gesicht des Regimes enthüllt hätten.

Das war den Tunesiern allerdings auch vorher schon bekannt. Richtig ist wohl, wie Clay Shirky sagt, der sich das Konzept (aber nicht den Begriff) der Twitter-Revolution auch diesmal emphatisch zu eigen macht, dass soziale Medien erneut zur Information der Revoltierenden und der Außenwelt und - in bescheidenem Umfang - auch zur Organisation der Aufständischen gedient haben. Richtig ist ferner, dass das Regime in Tunis sich in den vergangenen Wochen in eine Art Cyber-Krieg mit Dissidenten im Netz und deren Unterstützern verstrickt hatte. Sperrungen kritischer Websites und Repressionen gegen tunesische Mitglieder der Piratenpartei konterte die Hackergruppe Anonymous mit Denial-of-Service-Attacken, die offizielle Internetauftritte lahmlegten.

Doch Evgeny Morozov hantiert überzeugend mit Ockhams Rasiermesser, wenn er in seinem Blog bei Foreign Policy fragt, ob die Ereignisse in Tunesien auch ohne Facebook und Twitter stattgefunden hätten. "Wenn die Antwort ja lautet, dann war der Beitrag, den das Internet geleistet hat, unwesentlich; darum kommt man nicht herum. Dieser Logik folgend sollten wir nicht ähnliche Ergebnisse in anderen Ländern erwarten, bloß weil es dort auch lebendige Gemeinden von Cyber-Aktivisten gibt."

Sein Kollege Ethan Zuckerman schätzt die Rolle des Internets vor allem in der Information der Bevölkerung vorbei an staatlich zensierten Massenmedien zwar als durchaus bedeutend ein, findet aber, dass sich die Diskussion zu sehr auf Auslöser und Mittel an Stelle von Ursachen verenge: "Aber jeder Versuch, eine massive politische Verschiebung einem einzigen Faktor zuzuschreiben - ob technologisch, wirtschaftlich oder etwas anderem - ist schlicht unzutreffend. Die Tunesier sind wegen Jahrzehnten der Frustration auf die Straße gegangen, nicht in Reaktion auf eine Wikileaks-Depesche, einen Denial-of-Service-Angriff oder ein Facebook-Update."

Vielleicht wird man sich am Ende nur auf die etwas banal erscheinende Erkenntnis verständigen können, dass Revolutionen stets nur unter den Bedingungen der gerade herrschenden Kommunikationsverhältnisse gelingen oder eben scheitern können. Eine Revolution 2011 wird in einem auch nur halbwegs an die Moderne angeschlossenen Land deswegen notwendigerweise auch auf Twitter und bei Facebook stattfinden. Was aber noch lange nicht heißt: wegen Twitter oder Facebook.