Nationaltheater Mannheim Zwei Köpfe und ein Weltuntergang

Roland Schimmelpfennings "An und Aus" reflektiert die Katastrophe von Fukushima. Er zeichnet eine Gesellschaft im Trotz.

Von Cornelia Fiedler

Die Halbwertszeit der Angst ist deutlich kürzer als die von radioaktiver Strahlung: Wer heute etwa durch die evakuierte Zone um das Atomkraftwerk Fukushima fährt, wird lediglich gebeten die Autofenster zu schließen, mehr nicht. Ziemlich überraschend kam daher für den Dramatiker Roland Schimmelpfennig der Auftrag des New National Theatre in Tokio, ein Stück über die Atomkatastrophe von 2011 zu schreiben, wusste er doch, dass die Japaner nicht gerade dafür bekannt sind, "ihre Probleme nach außen zu tragen". Der international renommierte Autor reiste also 2013 nach Japan und er verfasste "An und Aus". Seine düster groteske Reflexion über Technikbegeisterung, Tod und das Ausblenden der Realität ist nun erstmals in Deutschland zu sehen, in der präzisen Regie von Intendant Burkhard C. Kosminski am Nationaltheater Mannheim.

"Als das Licht wieder anging, hatte ich zwei Köpfe", sagt Frau Z. leise, zögernd, und es ist ihr sichtlich unangenehm - wer sollte ihr das bitte glauben? Katharina Hauter blickt unsicher ins Publikum, zu Boden, auf ihre flatternden Hände. Dann aber beginnt sie resolut, die Realität wieder herzustellen: eine Welt, ein Weltbild, das am 11. März vor fünf Jahren zerstört wurde. Mit einem dicken schwarzen Edding-Stift malt sie gemeinsam mit ihrem angegrauten Lover Herr A. (Stefan Reck) drei große Doppelbetten an die bühnenhohe, weiße Papierwand auf der linken Seite. Die Bettdecke wird mit dem Cutter aufgeschnitten, so dass man stehend hineinschlüpfen kann. Auch Sven Prietz als junger Hotelier weiß, was seine Gäste wollen, schnell skizziert er also Esstisch und Rezeption auf zwei Papierbögen und berichtet nebenbei seiner Süßen, die er vor lauter Arbeit nie sieht, per SMS vom verzwickten Montagabend. Drei Paare checken dann immer in sein kleines Hotel am Hafen ein: Herr A. betrügt hier mit Frau Z. seine Gattin, diese trifft gleichzeitig heimlich Herrn Y., dessen Frau wiederum vergnügt sich im dritten Zimmer mit Herrn Z. (Reinhard Mahlberg). Das klingt nach übelster Boulevardklamotte und wird in rasanten Miniszenen zu aufgekratzter Klaviermusik von Hans Platzgumer, live gespielt von Anne-Marie Lux, auch lustvoll so performt. Schnell ist jedoch klar, dass dieses verlogene, aber für alle funktionierende Idyll nicht mehr existiert - und sonst auch nichts.

Es sind drastische Metaphern, die Schimmelpfennig für die Katastrophe findet. Auf einen Schlag treten Mutationen auf, die stylishe Frau A. (Ragna Pitoll) versteinert, Frau Y., wunderbar aufgekratzt gespielt von Hannah Müller, sieht sich als Motte in schwarzem Regen, der sportfanatische Herr Y., Fabian Raabe, fühlt sein Herz verbrennen. Kosminski verzichtet darauf, die grotesken Bilder auf die Bühne zu bringen. Nur die unterdrückte Panik über die Verwandlung verzerrt die Gesichter der Darsteller. Was mit dem anderen passiert, nimmt keiner wahr.

Wie Tote, die ihr Sterben nicht akzeptieren, schwanken sie nach Hause, dorthin wo nur noch Scherben sind und wo aus dem Kühlschrank, einst Symbol des Wohlstands, des Segens der Elektrifizierung mittels Atomkraft, kein gelbes Licht mehr scheint. So wie alle hier souverän ihre Affären verleugnen und ihr Glück als Paar weiter gespielt und geglaubt haben, werden nun das Erdbeben, die Flut, der Blackout, die Verstrahlung ausgeblendet. Schimmelpfennig zeichnet eine Gesellschaft im Trotz, und Bühnenbildner Florian Etti findet bedrückende Bilder für die seltsam poetisierte, fast märchenhafte Erzählung über die Hybris dieser - und wohl auch unserer - technikgläubigen Gesellschaft. Das papierne Bühnenbild fällt in sich zusammen, am Ende ist alles von stetig herabschwebenden schwarzen Blütenblättern überdeckt. Bis dahin aber wird herumgetobt, romantisiert und verklärt was das Zeug hält. Wer dann irgendwann verstanden hat, was wirklich geschehen ist, geht ab, schweigend, ohne Pathos.