Nachruf auf Friedrich Kittler Die Theorie zum Pink Floyd-Song

Wenn die Alphabetisierung die welthistorische Durchsetzung eines Datensatz-Prinzips sein soll, der Bildungsroman eine Dressuranstalt und das Lesen eine bürgerliche Droge, dann wird auch dieser Prozess der abendländischen Zivilisation von einer Geschichtsphilosophie beherrscht - denn an seinem Ende steht das von allem Sinn befreite Zeichen. Als umgekehrter Hegel (was er durchaus wusste, und womit er kokettierte) zog Friedrich Kittler in die Universität ein: in dieselbe Universität schließlich, an der auch Hegel gelehrt hatte, nervös, hochfahrend, wenn man ihm widersprach, als ein Professor, die wie ein alter Ordinarius regieren konnte, der Schüler um sich scharte und, was an der zeitgenössischen Universität selten geworden ist, eine Schule schuf. Und als ein Professor, der in seinen Seminaren mit gewaltigen Schimpfreden über Microsoft-Software herfallen konnte.

Im Marbacher Literaturarchiv steht ein primitiver Synthesizer, den Friedrich Kittler in den siebziger Jahren baute, vermutlich weniger aus Begeisterung für die elektronische Musik als vielmehr in einem Akt der Teilhabe am letzten Kapitel der Menschheit, so wie er es sah. Denn "zu sich selbst", wie der alte Hegel gesagt hätte, kam dieser Apparat in einer Theorie, die Friedrich Kittler zu einem Song der englischen Popgruppe "Pink Floyd" formulierte.

Denn diese hatte in den späten sechziger Jahren ein System von Verstärkern, Lautsprechern und Lichteffekten entwickelt, das den räumlichen Abstand zwischen der Musik und den Hörern auslöschte, das Konzert in den Köpfen des Publikums stattfinden ließ und in nicht wenigen von ihnen dauerhafte Verwirrung auslöste. "There's someone in my head but not me", lautet die Zeile aus dem Song "Brain Damage" (1973), die Friedrich Kittler als Bestätigung seiner Medientheorie begriff: "Der Kopf, nicht bloß als metaphorischer Sitz eines sogenannten Denkens, sondern als faktische Nervenschaltstelle, wird eins mit dem, was an Information ankommt." Am Ende aller Schaltungen aber warteten die Raketen aus Thomas Pynchons "Gravity's Rainbow", wartete der totale Krieg. Der Satz, Rockmusik sei "Missbrauch von Heeresgerät", wurde ein Hit. Man konnte für Rockmusik auch vieles andere einsetzen.

Wie Hegels Geschichtsphilosophie universal sein sollte, keine Ausnahmen gelten ließ und jeden Gegenstand erfasste, so trieb Kittler seine Idee in immer neue Wissensgebiete. Wie stirbt Dracula in Bram Stokers Roman - gewiss, durch das Bowiemesser, das ihm Quincey ins Herz stört, aber viel mehr noch durch die Datentechnik, wie sie sich in Mina Harkers Schreibmaschine manifestiert. "Nur was schaltbar ist, ist überhaupt", lautet einer der bekanntesten Merksätze Kittlers, und in seinem Gefolge entstand ein neuer Kanon in den Geisteswissenschaften, gebunden an Mathematiker, Techniker, Kybernetiker wie Alan Turing, Heinz von Foerster, Claude Shannon.