Musiktheater Mit Vielfalt zum Erfolg

Das Flugzeug ist echt. Der Counter Jan Wouters (als Gast) und die Mezzosopranistin Pia Viola Buchert sind es auch. Und wie.

(Foto: Thomas Dashuber)

Mit "Flight" dirigiert Ulf Schirmer zum letzten Mal eine Opernaufführung an der Theaterakademie

Von Egbert Tholl

Acht. So viele große Musiktheaterproduktionen der Theaterakademie hat Ulf Schirmer im Prinzregententheater dirigiert, seit er 2006 die künstlerische Leitung des Münchner Rundfunkorchesters übernahm. Im Sommer dieses Jahres wird er diese niederlegen, wird sich von da an vor allem um die Oper Leipzig kümmern, deren Generalmusikdirektor und Intendant er seit einigen Jahren ist. Schirmer wird dem Rundfunkorchester verbunden bleiben, dessen Vielfalt er ungemein schätzt, ganz im Sinne eines echten Rundfunkorchesters. "Jede Minute, die wir spielen, ist sendefähig." Tatsächlich sind die einzigen Wiederholungen, die das Rundfunkorchester live spielt, jene Auftritte in den Produktionen der Theaterakademie/Musikhochschule.

"Flight" von Jonathan Dove wird nun Schirmers Abschied von dem Modell, das er für "weltweit einzigartig" hält. "Das kann man nicht wiederholen." Nicht wiederholen kann man demnach die grandiose Situation, dass Gesangsstudenten, die den Bachelor bereits hinter sich haben und nun den Masterstudiengang an der Theaterakademie absolvieren, in vollwertigen Inszenierungen im Prinzregententheater mit der Realität einer großen Opernaufführung konfrontiert werden. In "Flight" werden acht der zehn Partien von eben jenen acht Studierenden verkörpert, die gerade im dritten Master-Semester sind, mithin kurz davor stehen, ins Berufsleben entlassen zu werden. Um dies gleich zu sagen: Nach dem Eindruck einer Orchesterhauptprobe müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn nicht mindestens drei davon sofort ein super Engagement kriegten (wie in der Vergangenheit etwa in Leipzig), denn sie sind außerordentlich gut, sowohl stimmlich wie auch darstellerisch - aber mehr wollen wir hier der Kritik nicht vorgreifen.

Früher war Schirmer auch an der Auswahl der Sänger für die Opernproduktionen beteiligt, zu einer Zeit, als diese noch aus dem großen Pool der Gesangsstudenten der Musikhochschule ausgewählt wurden. Seit das Bachelor-Master-System greift, und hier scheint es tatsächlich sinnvoll zu sein, bei aller damit einhergehenden Verschulung der Kunstausbildung, steht die Besetzung quasi fest, nämlich die Teilnehmer des Master-Studiengangs. Für diese sucht man dann passende Stücke. Immer wieder konnte hier Schirmer in der Dekade seiner Tätigkeit beim Rundfunkorchester - dessen Zusammenarbeit mit der Theaterakademie steht übrigens außer Frage und währt auch bereits viel länger als zehn Jahre - seine Vorstellungen durchsetzen. Konkreter: Einmal ließ er sich vom damaligen Akademie-Präsidenten Klaus Zehelein überreden, einen Klassiker aus dem innersten Kanon des Opernbetriebs zu machen, Puccinis "La Bohème". Ansonsten dirigierte Schirmer Operneinakter von Henze oder Elliott Carter, "Tri Sestri" von Peter Eötvös, Kurt Weills "Street Scene" oder die Münchner Erstaufführung einer "Salomé" von Antoine Mariotte.

"Flight", vor 20 Jahren beim Festival in Glyndebourne uraufgeführt, folgt da seiner Überzeugung. "Die jungen Sänger und Sängerinnen sollen nicht von Anfang an die immer gleichen Kreise ziehen." Heißt, sind sie erst einmal fest an einem Opernhaus engagiert, werden sie sich noch genug mit der Enge des Repertoires auseinandersetzen müssen. Entlegene Sachen auszuprobieren, wird dann viel schwieriger. Außerdem glaubt Schirmer an den Lerneffekt: Wer beispielsweise die Koloraturen in einer zeitgenössischen Oper bewältigt hat, der kann auch sehr viel Anderes. In "Flight" gilt das für Andromahi Raptis, die ihren Bachelor in Toronto gemacht hat und dann zum Master nach München kam. Sie singt in "Flight" eine Art übergeordnete, engelsgleichen Kontrollinstanz, sehr sexy, sehr fabelhaft. Und technisch ist die Partie, trotz gemäßigter Moderne, eine Herausforderung. Außerdem, so Schirmer: "Die jungen Leute leben doch hier und jetzt, die müssen nicht von Anfang an Museum spielen."

"Flight" erinnert in Momenten an den Film "Terminal", spielt auf einem Flughafen und erzählt von Liebes-, Paar- und sonstigen Beziehungen zwischen Menschen, denen man heute begegnen kann. Auch dem Flüchtling, dem Heimatlosen, dessen politische Bedeutung die Inszenierung von Balázs Kovalik hervorhebt. Dazu steht ein echtes Flugzeug auf der Bühne, über das sich, bei aller Arbeit, die das Ding machte, um es dorthin zu kriegen, die Techniker sehr freuen.

Schirmer glaubt fest an die Zukunft des Rundfunkorchesters und ebenso an die der Oper an sich. Er glaubt an sie als "genuinen abendländischen Selbstausdruck". Dass er an der Theaterakademie keine mehr leiten wird, hat seinen Grund genau darin: Er nimmt sie wichtig, hält sie für Chefsache. Also für die seines Nachfolgers Ivan Repušić.