Mundartdichtung Im Herzen ein Bayer

Verleger aus Leidenschaft: Friedl Brehm hatte ein besonderes Gespür für den bairischen Dialekt.

(Foto: Franz-Xaver Fuchs)

Der aus Duisburg stammende Verleger Friedl Brehm wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden

Von Hermann Unterstöger

Man war kritisch seinerzeit, man stand zur Mundart, man wollte mit beidem gehört werden, und folglich dichtete man, was das Zeug hielt. Hier ein Beispiel: "wan i bsuffa bin / gib i imma auf des gros / achd / bein kozn damid koa / ameisn in meim / gschbeibads dasaufd / sunst häd i nämli a / unguads gfui bei da / ganzn sach." Das war ein neuer Ton. Da wurde dem Dialekt gegeben, was des Dialekts ist, nämlich Nähe, Wärme, Stallgeruch und Witz. Gleichzeitig diente das bodenständige Raunen dazu, einerseits die sehr ähnlich raunenden etablierten Mundartdichter parodistisch auf den Arm zu nehmen und andererseits der Zimperlichkeit des Zeitgeists - seiner Betroffenheit, wie das hieß - eins auszuwischen.

Das zitierte Gedicht stammt von Benno Höllteuffel, einer Gestalt, hinter der sich die Jungdichter Carl-Ludwig Reichert und Michael Fruth verbargen. Der Mann aber, in dessen Verlag derlei und noch viel mehr erscheinen konnte, hieß Friedl Brehm, eigentlich Friedel Karl Brehm. Am 21. Mai jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal, Grund genug, dieser verschrobenen und dabei höchst liebenswerten Verlegerfigur zu gedenken - nicht in Andacht, das hätte er sich verbeten, aber mit dem Respekt, auf den der körperlich eher kleine, im Herzen jedoch übergroße Mann alles Anrecht der Welt hat.

Friedl Brehm hatte, wiewohl aus Duisburg stammend, eine heiße Liebe zu allem Bairischen, besonders zum Dialekt, dessen Förderung er sich bis zur Selbstaufgabe angelegen sein ließ. In dem Verlag, den er zu diesem Zweck in Feldafing etablierte, war "Rentabilität" ein Fremdwort, was Brehm indes wenig bekümmerte: Er war für den Starnberger Teil der Süddeutschen Zeitung als Mitarbeiter tätig, und was er hier erwirtschaftete, steckte er heiter und ohne Rücksicht auf die eigene Wohlfahrt ins Unternehmen. Das hatte den Charme alles Unkonventionellen und Improvisierten; Carl-Ludwig Reichert hat es bei Brehms Beerdigung im April 1983 so ausgedrückt: "Wir haben Bücher gemacht und keine Verträge." Das war zum Lob Brehms und des altbairischen Handschlags gesagt. Die Kehrseite sah so aus, dass der Verlag nach dem Tod seines Gründers auseinanderbrach.

Ohne dass dies beabsichtigt gewesen wäre, wurde Brehms Verlag auch zum Zentrum einer Auseinandersetzung, die seinerzeit die Geister und Gemüter in einem Maß umtrieb, über das man sich heute verwundert. Es gab zwei scharf getrennte Lager von Dialektschreibern und -dichtern: hier die etablierten Autoren, die zum größten Teil den "Turmschreibern" angehörten, einer Art Meistersingerzunft, dort die jungen Wilden, die sich der Gesellschaftskritik verschrieben hatten und mit den harmlosen Verserlschmieden nichts gemein haben wollten.

Für die Alten standen Namen wie Helmut Zöpfl, Herbert Schneider oder Franz Ringseis, unter den Jungen taten sich Bernhard Setzwein, Helmut Eckl, Harald Grill, Josef Wittmann und etliche andere auf durchaus hörenswerte Weise hervor. Als Goldstück hütete Brehm den jungen Österreicher Ossi Förderer, der früh an den Folgen eines Unfalls starb, in dessen Namen aber noch etliche Jahre ein Preis an vielversprechende Talente vergeben wurde.

Der Streit um die rechte Art, in der Mundart zu dichten, ist vergessen. Das ist auch gut so, denn es zeigte sich schon damals, dass die Grenze zwischen Konservativen und Progressiven schwimmend war: Weder waren die einen nur naive Schönmaler, noch hatten die anderen die hohe Kunst gepachtet. Da hatte jeder vor seiner eigenen Tür zu kehren, nicht zuletzt Friedl Brehm selber, der seinen Enthusiasmus schwer bremsen konnte. Unter anderem gab er ein Periodikum namens Schmankerl heraus, in dem sich neben mutigen, vom Sprachklang beseelten Texten allerlei muffig Verzopftes fand: "Hat mar's Herzl pumpert" und Ähnliches.

Über all das ist die Zeit hinweggegangen, nicht aber über das, was als Brehms Verdienst bleibt. Er prägte, wie Setzwein sagt, "eine widerständlerische bayerische Gegenkultur mit und war Wegbereiter von vielem, was heute für ein selbstbewusstes, weltoffenes Bayern steht". Ein Festakt mit Gesprächen und Lesungen findet diesen Sonntag, 21. Mai, von 19.30 Uhr an im historischen Bahnhof Feldafing statt. Es spielen die Fraunhofer Saitenmusik und Sparifankal 2.