Münchner Opernfestspiele Der Ton macht das Gefühl

Der SZ Kultursalon hat sich diesmal den leiseren Seiten gewidmet: der Kunst des Liedes und der Frage nach den wahren und den falschen Göttern des Klassikbetriebes. Der Bariton Thomas Hampson hat sie in der Glyptothek beantwortet

Interview von Susanne Hermanski und Christian Krügel

Wenn Leute nach einer Metapher für etwas besonders Eindrucksvolles suchen, sagen sie gern, es sei "ganz große Oper". Dabei liegen die einprägsamsten Momente der Festspiele oft in den leiseren Tönen - etwa bei den Liederabenden. Der Bariton Thomas Hampson gehört zu jenen Stars der Klassikszene, die deren Tradition hoch halten. Die ideale Voraussetzung, um mit ihm über "Wahre und falsche Götter" zu reden. Und welcher Ort konnte dafür besser geeignet sein als die Glyptothek am Königsplatz.

SZ: Welchem der umstehenden Götter fühlen Sie sich am nächsten?

Thomas Hampson: Idealtypisch natürlich Apollo, aber wenn man ehrlich ist, wohl eher doch Dionysos.

Eifert der Künstler nicht immer Apoll nach, auf der Suche nach dem Wahren, Guten, Schönen? Warum sehen Sie sich Dionysos näher?

Es braucht von beidem etwas. Wir müssen Apoll anstreben, das Ideal. Aber der Weg dorthin ist sehr menschlich, mit vielen Abgründen und Höhen, da ist uns wohl Dionysos näher.

Religion hat in Ihrer Kindheit eine gewisse Rolle gespielt.

Ja, ich bin in einer sehr christlichen, evangelikalen Gegend aufgewachsen und bin auch durch dieses Schulsystem gegangen. Heute liegt es mir fern, fix zu einer bestimmten Religion oder Kirche zu gehören. Aber ich bin ewig dankbar, dass mir in meiner Jugend der Sinn für Spirituelles und für religiöses Empfinden geöffnet wurde. Letztlich konnte ich so auch meine eigene Orientierung finden. Ich war immer schon fasziniert von den Ähnlichkeiten verschiedener Mythen. Nie verstanden habe ich, warum so viel mehr Wert auf die Unterschiede statt auf die Gemeinsamkeiten von Religionen gelegt wird.

Welche Denker haben Sie beeinflusst, als Sie jung waren?

Ich habe mich mit intensiv mit den Schriften von C.G. Jung und Joseph Campbell auseinandergesetzt und verstanden, dass letztlich jeder Mythos und jede Kunst wie eine Maske über der jeweiligen Epoche liegt. Dahinter steht aber in all den Jahrtausenden immer der Mensch.

Ausgerechnet eine Klosterschwester stand am Anfang Ihrer Karriere: Schwester Marietta Coyle.

Das stimmt, eine Katholikin - denn auch die waren damals stark vertreten in Washington State. Marietta war eine legendäre Gesangslehrerin in unserer Gegend. Sie hat mich in die Welt der Kunst und der Musik eingeführt. Ich wollte eigentlich Jura oder Geschichte studieren oder in den diplomatischen Dienst gehen. Sie hat gespürt, dass da in mir noch etwas anderes ist. Sie hat mich mit Schumann, Schubert und der deutschen Romantik vertraut gemacht und mir eine völlig neue Welt offenbart. Sie hat mein Leben geöffnet und mir die Erlaubnis erteilt, mich selbst kennenzulernen. Dafür bin ich ihr ewig dankbar.

Bei den jungen Stars der Klassik-Szene hat man oft den Eindruck, sie sind technisch brillant, aber es fehlt der Geist, das tiefere Verständnis für das Werk. Sie haben sich viel mit Geschichte und Philosophie beschäftigt. Ist das die Voraussetzung dafür, Schubert, Schumann, Mahler adäquat interpretieren zu können?

Andersherum gefragt: Warum sollte ich mich als Künstler nicht mit der Lebensgeschichte, den Zeitumständen der Komponisten beschäftigen? Ich kann nicht von Harmonielehre und Kontrapunkt reden, ohne Bach zu kennen. Musik ist eine Sprache, und diese Sprache muss ich von Grund auf lernen, um sie weiterentwickeln zu können. Und wenn man möchte, dass diese Sprache eine gesellschaftliche Relevanz hat, dann muss ich mich auch mit der Gesellschaft der heutigen Zeit auseinandersetzen. Musik ist eine Sprache, die nicht gefällig sein darf, sondern die verarbeitet und verdaut werden muss.

Im Klassikbetrieb ist derzeit aber vieles nur aufs Gefallen ausgerichtet, mit Mega-Events und geschickten Marketingstrategien. Läuft das dem wahren Wesen der Musik nicht zuwider?

Das Geschäft mit der Musik ist das Forum, von dem Kunst und Musik leben. Und jede Zeit, jede Gesellschaft bringt eine eigene Art dieses Geschäfts hervor. Derzeit befinden wir uns in einem besonders harten Wettbewerb. In dem Moment, in dem wir die Musik nur noch als Produkt sehen, besteht die Gefahr, dass wir uns von der Frage verabschieden, warum dieses Werk entstanden ist und was der Komponist damit ausdrücken möchte. Es muss eine Balance gehalten werden zwischen dem Geschäft, Kunst zu ermöglichen, und dem Wunsch, Kunst so zu interpretieren, wie man es für richtig hält.

Vita

Thomas Hampson wurde am 28. Juni 1955 in Elkhart, Indiana, geboren. Er verfügt über ein gewaltiges Repertoire, das von der Oper über Lieder bis zu Musicals reicht. Hauptpartien aus Werken von Mozart (Don Giovanni), Verdi (Don Carlos) und Tschaikowsky (Eugen Onegin) gehören ebenso dazu wie von Gluck (Iphigénie en Tauride), Wagner (Parsifal) und Strauss (Arabella). Als Interpret der Lieder von Schubert, Schumann und Mahler schrieb Hampson Musikgeschichte. 2003 rief der vielfach ausgezeichnete Sänger die Hampson Foundation ins Leben, die Forschungsprojekte, Meisterkurse und Gesprächskonzerte unterstützt und veranstaltet. Hampson ist Vater einer Tochter aus erster Ehe, in zweiter Ehe ist er mit einer Österreicherin verheiratet. Er lebt in New York und Wien. An der Staatsoper wird er im März in "Così fan tutte" und im Juli in "Tosca" singen. Seinen nächsten Liederabend gibt er im April in München.

Und, welche Grundhaltung nehmen Sie zu den Werken ein?

Mich interessiert, warum ein Werk existiert. Als Interpret bin ich der Stellvertreter des Komponisten, von enormen Geistesgrößen wie Mozart, Beethoven und Verdi. Das sind die eigentlichen Superstars. Deren Kunst steht für sich und ist niemals ein Produkt.

Im harten Wettbewerb des Klassikmarktes hat es das Kunstlied - im Vergleich zur Oper mit ihren Showeffekten - besonders schwer. Sie setzen sich sehr dafür ein. Was können Sie tun, um das Genre "Liederabend" zu retten?

Weitersingen! Es wird vielleicht einige Kritiker ärgern, aber ich höre nicht auf. Natürlich ist es anstrengend, ein Lied richtig zu hören, man muss sich intensiv damit auseinandersetzen, muss den Text am besten kennen und ihn für sich interpretieren. Aber die Frage nach dieser Anstrengung geht ja weit über die klassische Musik hinaus. Es ist die Frage, was wir mit unserer Freizeit tun und wie weit wir sie für Bildung nutzen wollen. Bildung heißt ja nicht nur, etwas zu wissen, sondern sich weiterzuentwickeln, mehr zu erfahren und jeden Tag danach zu streben, ein besserer Mensch werden zu wollen. Wenigstens ein bisschen.

Das klingt ein bisschen elitär. Ist Klassik elitär?

Nein, das ist absoluter Blödsinn. Für mich ist es elitär, dass wir unseren Kindern und Enkeln in den Schulen einen genauen Wissenskanon vorgeben und ihnen keinen Raum geben, für sich selbst Dinge zu entdecken und sich eigene Welten zu erschließen. Und dabei spielen Gedichte als Metapher der Gedanken und Musik als Sprache der Seele eben eine entscheidende Rolle.

Inwiefern?

Im Zusammenspiel miteinander halten sie uns einen Moment fest, in dem der Komponist gefühlt, gedacht und reflektiert hat. Solche Momente sind für mich Oasen des Glücks, und ich möchte diese Oasen einfach immer wieder hörbar machen. Und sehen Sie: Ohne die Befreiung des Individuums und die Idee der Gedankenfreiheit am Ende des 18. Jahrhunderts wäre klassische Musik ja gar nicht denkbar. Beethoven war zu keiner Sekunde seines Lebens ein elitär denkender Mensch. Schubert, Schumann, Mahler - sie alle haben Musik als Metapher für Gedanken geschaffen und damit tatsächlich einen Mythos kreiert, eine Symbiose aus Spiritualität und Humanismus.

Wird man denn ein besserer Mensch, wenn man klassische Musik hört?

Nein. Zu glauben, klassische Musik ist in der Lage, einen besseren Menschen aus jemandem zu machen, ist Blödsinn. Ein besserer Mensch können wir nur aus uns selbst heraus werden. Wenn wir Musik ritualisieren, nach dem Motto: "Es gehört gehört, eben nur weil es gehört gehört", dann haben wir den Sinn von Musik verloren.

Wir sind hier umgeben von Göttern. Sind Sie in Ihrem Leben einmal einem falschen Gott gefolgt, jemandem, der Sie tief enttäuscht hat?

Richard Nixon! (lacht) Das war tatsächlich eine große Enttäuschung für uns junge Leute, die sich für Politik interessiert haben. Tatsächlich meint in der deutschen Romantik das Symbol des Todes in Wahrheit oft den Tod des Idealismus. Und auch der Tod des Heranwachsenden, der nicht erwachsen werden will, der es aber doch nicht verhindern kann, dass er ein Mensch mit allen Schwächen werden wird. Diese Erfahrung teilen wir alle. So gibt es natürlich immer wieder Enttäuschungen, aber bei mir sind sie nicht so nah, so verwundend, dass ich sie heute noch als Messerstiche spüren könnte.

Ihren Werdegang haben einige Götter der Klassik begleitet, etwa Elisabeth Schwarzkopf, Nikolaus Harnoncourt, Leonard Bernstein. Mit wem konnten Sie am besten über solche Themen reden?

Harnoncourt. Mit ihm über Menschen zu reden, war unfassbar aufregend. Er war ein unglaublich gebildeter, spiritueller Mensch. Und mit ihm über Wort und Ton zu reden, war fast schon eine mythische Erfahrung. Wort und Ton - darum kreist bei uns lyrischen Künstlern eben auch alles, es ist fast wie Logos und Mythos.

Klassisches Profil: Thomas Hampson steht einem Haupt aus der Antike gegenüber. Der Sänger war der Interviewpartner beim SZ Kultursalon, zu dem diesmal in die Glyptothek am Königsplatz geladen war.

(Foto: Catherina Hess)

Das bedeutet?

Es ist die ewig kreisende Beschäftigung mit Fragen wie: Welcher Ton drückt welches Gefühl aus? Welches ungesagte Wort liegt in dieser Musik? Wie muss man die Musik interpretieren, um den Sinn des Wortes zu treffen? Sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, ist mein Alltag. Aber was für ein Privileg, damit seinen Lebensunterhalt verdienen zu können! Ich bin unendlich dankbar dafür.

Sie haben sich so intensiv mit deutscher Romantik, deutscher Literatur und Musik auseinandergesetzt, dass viele Sie zum Establishment des deutschen oder österreichischen Klassikbetriebs zählen. Fühlen Sie sich da zu sehr vereinnahmt?

Wenn ich noch einmal zur Universität gehen könnte, würde ich gewiss Germanistik studieren. Nun bin ich nur ein ambitionierter amerikanischer Hobby-Germanist. Als solcher in Wien und in Deutschland anerkannt zu werden, ist eine wirklich große Ehre. Aber es liegt auch eine gewisse Schizophrenie darin, gerade zur Zeit.

Warum?

Ich werde immer gefragt: Wo ist meine Heimat? In meinem Herzen. Und in meinem Herzen ist meine Familie, allen voran meine Frau. Und mit ihr ist in meinem Herzen eine tiefe europäische kulturelle Bildungstradition verwurzelt, aus der ja letztlich auch die amerikanische Kultur hervorging. Es würde uns in den USA so gut tun, uns dieser Tradition, dieser klassischen Bildung aus Musik, Literatur, Kunst, Philosophie wieder stärker zu erinnern. Die billige Politik, die heute in den USA getrieben wird, hat damit nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun.

Sie sind kein Freund von Donald Trump?

Nein, es ist absolut unmöglich, wie er sich verhält. Er zerstört jede Basis dafür, dass sich europäische und amerikanische Kultur konstruktiv miteinander auseinandersetzen können. Ich habe nur die Hoffnung, dass sich mittelfristig die Mehrheit der Menschen wieder für einen vernünftigen und gebildeten Dialog zwischen Europa und Amerika einsetzen werden.

Sie sind ein Kulturoptimist, Sie glauben an die Kraft der Bildung. Verlieren Sie derzeit den Glauben daran?

Ich weiß nicht, ob ich ein Optimist bin. Ich muss glauben - weil ich bisher keinen Gegenbeweis habe -, dass Wahrheit immer gewinnt. Wenn man sich ein bisschen mit Geschichte auskennt, weiß man, dass Menschen zum Schlimmsten fähig waren, aber sich die Wahrheit am Ende immer durchgesetzt hat. Ich glaube an die Kraft des Menschen, zu erkennen, zu lernen und sich zu wandeln. Meine Angst ist aber, dass Dinge, an denen wir wachsen und lernen können - Museen wie dieses, die Kunst des Liedes, der Oper -, zu beliebigen, selbstverständlichen, immer verfügbaren Produkten werden, derer die Menschen irgendwann müde werden. Wir leben in einer Zeit, in der alles Wissen mit einem Mausklick abrufbar ist. Und doch interessieren sich die Menschen für so wenig, geht das Allgemeinwissen zurück.

Und was bleibt, sind die einfachen Formeln?

Genau. Künstler werden schnell "vergöttert" und zur Marke - aber welche billige Art des Mystifizierens ist das. Vergessen wird, dass wahre Kunst harte Arbeit ist, eine intensive, anstrengende, lebenslange Auseinandersetzung mit einem Thema. Nur Künstler, die das leisten, werden wirklich zum Mythos. Wir brauchen den Mythos des Fleißes, der künstlerischen und intellektuellen Anstrengung.

Wird die Ära Trump zum Kulturbruch zwischen Europa und den USA führen?

Unsere amerikanische Geschichte ist eine höchst turbulente, mit unglaublich vielen Brüchen. Unsere Demokratie ist laut, chaotisch, oft hasserfüllt, aber auch äußerst lebendig. Und sie findet nach einer gewissen Zeit immer wieder den Ausgleich - hoffentlich diesmal etwas schneller. Aber nicht zu leugnen ist, dass wir in einer Zeit leben, in der sich Grundlegendes verändert, in Wirtschaft, Wissenschaft, vielleicht auch Kunst. Aber in der wir zu wenig an unsere Traditionen und unsere historische Erfahrung denken. Ich halte Trump nicht für einen bösen Menschen, sondern für einen Ignoranten mit einem sehr geringen Horizont. Er und sein Kreis schaffen einen neuen Mythos, in dem sie alle klassischen Werte und Traditionen negieren. Sie stellen alles in Frage, ohne zu sagen, was an die Stelle des Bisherigen treten könnte.

Mit welcher Folge?

Nichts anderem als Chaos - und ich bin nicht bereit, im Chaos zu leben. Die Künste helfen uns aber, ein Ruder im Wasser zu halten und uns selbst ein wenig Richtung zu geben.