Meinung im Internet Vom Elend der Nutzerkommentare

Das Kommentarfeld unter Artikeln: ein Trollhaus. Leo Lagercrantz war Chefredakteur einer meinungsstarken schwedischen Online-Zeitung. In seinem Gastbeitrag erklärt er, warum der geballte Hass und die Dummheit in den Nutzerkommentaren unter den Artikeln ihn erst zur Verzweiflung, dann zur Aufgabe seines Jobs gebracht haben. Jetzt plädiert er für moderierte Meinungsfreiheit.

Ein Gastbeitrag von Leo Lagercrantz

Es ist 2010. Mein Wohnzimmer ist schwach erleuchtet durch den blauen Schein, den der Bildschirm meines MacBook ausstrahlt. Es ist bald Mitternacht. Stockholm liegt im Dunkeln. Ich sitze vor dem Computer, in Beschlag genommen von einem langen E-Mail-Wechsel mit einer Benutzerin des Internet-Magazins, das ich betreibe: Newsmill, ein redaktionell betreutes Online-Debattenorgan.

Ich habe von ihr verfasste Kommentare von der Seite genommen, Kommentare, die auf der Grenze zwischen einer legitimen Kritik der Einwanderung und Rassismus liegen. Jetzt will sie genau wissen, was ich mir dabei gedacht habe.

Die Kommentatorin ist - im weitesten Sinne des Wortes - das, was man im Internet einen "Troll" nennt. Rund um die Uhr scheint sie Kommentarfelder und Benutzerforen mit Texten zu überschwemmen, die sich entweder gegen Migranten oder bekannte Feministinnen wenden. Ihre Texte sind aggressiv, aber stets gut formuliert und nie drohend. Dennoch will ich ihre Kommentare nicht auf Newsmill, auf meiner Seite. Sie tragen dazu bei, uns ein braunes Gepräge zu geben. Immer häufiger höre ich, dass Leute deshalb nicht mehr für uns schreiben wollen. Der Troll verschreckt sie.

Es gibt mehrere Arten von Trollen. Viele überfluten die Kommentarfelder mit Propaganda, Hassreden und Verleumdungen - oder genauer: mit Texten, die von den meisten Menschen in unserer Gesellschaft für Hassreden gehalten werden.

Andere beschäftigen sich mit einem Gegenstand, der nichts mit dem Artikel zu tun hat, zu dem das Kommentarfeld gehört. Es wird eine lange Nacht. Meine Versuche, die Frau an einer Mitarbeit auf meiner Seite zu hindern, verläuft bei weitem nicht so schmerzfrei, wie ich mir das gedacht habe.

Vor zehn Jahren war ich, als junger politischer Redakteur, für die Meinungsseite der schwedischen Abendzeitung Expressen verantwortlich. In Schweden hat es immer vier Tageszeitungen gegeben, die im ganzen Land gelesen werden. Wenn jemand mit einem Debattenbeitrag Wirkung erzielen wollte, war er auf die Meinungsseiten dieser Zeitungen angewiesen.

Den höchsten Respekt erwarb man sich auf der Meinungsseite von Dagens Nyheter. Im Rang folgte die Meinungsseite von Svenska Dagbladet, der anderen Morgenzeitung. Die Meinungsseite von Expressen galt jedoch - nicht zuletzt unter Politikern - als besonders wirkungsvoll. Und es war schwierig, einen Text dort unterzubringen. Veröffentlicht wurde nur, wer wirklich etwas zu sagen hatte. Jeden Tag lehnte ich, zufrieden, ein paar Dutzend eingesandte Texte ab.

Ein Redakteur dieser Seite war ein echter Gatekeeper, einer, der darüber verfügte, wer Zugang zur großen Öffentlichkeit erhielt und wer zur großen Menge der Abgelehnten gehörte, die ihre Ansichten für sich behalten mussten.

Ich kenne Redakteure, in den Feuilletons und den politischen Redaktionen, die es nicht nötig hatten, auf Briefe oder Mails von Lesern zu antworten, die ihnen nicht einmal den Respekt erwiesen, sie abzulehnen, und die das Telefon nicht abnahmen. Und mit den angenommenen Texten ging der Redakteur nach eigenem Gutdünken um, er kürzte sie, veränderte die Folge von Sätzen und Absätzen, wie es ihm passte und ohne den Autor um Einverständnis zu fragen.

Ich fotografiere, also bin ich

mehr...