Von Ijoma Mangold

Biller erzählt in 27 Short Stories von der "Liebe heute" und zeigt abermals, dass er sein Handwerk nun wirklich beherrscht.

"So könnte es gehen", denkt sich Mischa, der es nicht verwunden hat, von seiner Freundin Shelly verlassen worden zu sein. Er weiß, er wird Shelly nicht zurückerobern können, das nicht. Aber er sieht einen anderen Ausweg.

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Eine Diagnose des zeitgenössischen Liebeslebens - zumindest dem Titel nach (© Foto: Verlag)

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"So könnte es gehen", denkt er sich. Es müssten nur die richtigen Tage sein, dann würde er Shelly bitten, noch einmal mit ihm zu schlafen, das würde sie nicht ablehnen können. Und am Ende wäre er einfach unvorsichtig. Dafür würde er sich selbstverständlich entschuldigen und gleichzeitig beten, es möge geklappt haben.

Diese erschlichene Vaterschaft als Rettungsanker einer Liebe, die man nicht halten kann, verdankt sich der Entschlossenheit der Verzweiflung. "Liebe heute" heißt das neue Buch von Maxim Biller mit 27 Short Stories.

Verdammt ich lieb' dich, ich lieb' dich nicht

Folgt man dem Titel und liest das Buch als eine Diagnose unseres zeitgenössischen Liebeslebens, dann muss man feststellen: Entschieden und entschlossen ist die Liebe immer erst dann, wenn sie in Wahrheit keine Chance mehr hat.

Ansonsten gilt eher ein umfassendes "Ja, ja. Nein, nein" wie in der Geschichte "Zwei Israelis in Prag": "Vielleicht ja, vielleicht nein. Ja, ja. Nein, nein. Ja, ich mag's, dass er mir sagt, was er sieht, wenn er hinter mir kniet. Nein, ich mag's nicht. Ich mag, dass er mir nie den BH auszieht. Unsinn, ich hasse es." Das Schwierigste ist eben, zu wissen, was man will.

"Aber die Lauen", heißt es in der Bibel, "werde ich ausspeien". Billers Helden sind nicht lau. Sie empfinden immerzu sehr viel. Nur leider nie für lang. Ihre Rede ist im einen Moment "ja, ja" und im anderen "nein, nein".

Eine sehr typische Biller-Situation ist deshalb die Wiederbegegnung, Jahre nachdem ein Paar sich getrennt hat. Und die überraschte Einsicht, dass der andere es vielleicht doch gewesen wäre, nachdem man sein Glück mit vielen anderen probiert hatte. Die Erzählung "Melody" treibt dieses Bäumchen-wechsel-Dich-Spiel geradezu auf die Spitze, wenn es am Ende eines langen Reigens heißt: "Thomas und Melody leben jetzt wieder zusammen in der Rue Céline. Es geht ihnen gut."

Das Liebe als bolerohaftes Hamsterrad

Die Liebe bei Maxim Biller hat, so gesehen, etwas von einem Hamsterrad. Man ist immerzu am Strampeln, kommt dabei nicht wirklich von der Stelle, es tut sich aber doch etwas, was auch daran zu sehen ist, dass man ziemlich aus der Puste kommt. Wie in der Geschichte "Lied Nummer 7". Clara ist, nachdem sie sich von Günter getrennt hat, mit Hagen zusammen.

Da ist manches, was ihr an ihm nicht gefällt. Zum Beispiel, dass er sie immer so sanft berührt, als wäre es das erste Mal. Andererseits ist da auch vieles, was sie an ihm mag. Am Ende fahren beide durch Berlin nach Hause, und weil Hagen nun wenigstens das Lenkrad fest mit beiden Händen anfasst, ist Clara doch wieder ganz optimistisch. Sie legt eine CD ein.

"Sie hatte diesen Bolero schon tausendmal gehört, und sie würde ihn noch tausendmal hören. Es war wie das Leben - alles blieb gleich und änderte sich nicht, und wenn man Glück hatte, war es trotzdem schön."

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