Margret Boveri (XXV) "Wir lügen alle"

Serie über große Journalisten (XXV): Margret Boveri war klug, mutig, modern - und sie machte bei den Nazis Karriere.

Von TITUS ARNU

(SZ v. 26.05.2003) - 1940 war eine Fahrt in die USA noch eine richtige Weltreise. Die Frankfurter Zeitung hatte Margret Boveri (1900-1975) als Korrespondentin nach New York geschickt, was zu dieser Zeit schon erstaunlich genug war. Allerdings konnte die Journalistin nicht einfach in den Flieger steigen, es herrschte schließlich Krieg. Also fuhr Margret Boveri mit dem Zug. Von Berlin aus über Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Mandschukuo, weiter nach Korea, mit dem Dampfer nach Kalifornien, schließlich mit dem Auto quer durch die Vereinigten Staaten bis nach New York.

Margret Boveri hatte Mut. Sie nahm Flugstunden und hatte ein eigenes Auto. Ihr Interesse an fremden Ländern führte die Tochter einer Amerikanerin und eines deutschen Zoologen schon früh in Teile der Welt, die Frauen damals eher selten bereisten. 1933 fuhr sie durch Marokko, Tunesien und Algerien und schrieb darüber ihre ersten Artikel. Zusammen mit ihrer Freundin Doris Heider reiste Margret Boveri 1938 im Auftrag der Zeitschrift Atlantis in einem Auto quer durch Vorderasien bis in den Iran. Auf Fotos aus dieser Zeit sieht man sie auf einem Kamel sitzend vor einer Pyramide. Etwas mollig und verschroben wirkt sie da, aber der optische Eindruck täuscht wohl: Margret Boveri war klug, ehrgeizig und zählte bald zu den großen Figuren des deutschen Journalismus.

Margret Boveri war Pionierin in einem ehemaligen Männerberuf, doch ihre beachtliche Karriere war eng mit den nationalsozialistischen Machthabern verknüpft. Ihr Fall steht beispielhaft für viele Journalisten im Dritten Reich, die stärker an ihrer Karriere hingen als an der Wahrheit. Ein Buch, das sie über ihre Zeit beim Berliner Tageblatt schrieb, heißt Wir lügen alle. Eine Hauptstadtzeitung unter Hitler.

Das Lügen mag Margret Boveri schwer gefallen sein, trotzdem hat sie die Lügen ziemlich gut formuliert. Viele Texte, die sie während des Dritten Reiches für das Berliner Tageblatt und später für die Frankfurter Zeitung schrieb, lagen auf der Linie von Goebbels und Hitler. Für die Frankfurter Zeitung verfasste sie zum Beispiel einen Artikel über das Judentum in den USA , der sich las wie antisemitische Propaganda. Unter dem Titel "Landschaft mit doppeltem Boden. Einfluss und Tarnung des amerikanischen Judentums" bastelte sie eifrig mit am Feindbild der angeblichen jüdischen Weltverschwörung. Boveri schämte sich nachträglich für diesen Text, wie sie später in ihrer Autobiografie Verzweigungen schrieb: "Ich denke an Kündigung, verbunden mit Wechsel des Berufs, um Chauffeur zu werden."

So konsequent war sie aber dann doch nicht. Im Gegensatz zu Marion Gräfin Dönhoff, die während des Dritten Reiches stets eine kritische Haltung gegenüber der Nazi-Diktatur einnahm, arrangierte sich Margret Boveri mit den Machthabern. Sie war keine Nationalsozialistin, aber sie wusste, wie man Kompromisse schließt. Als die Frankfurter Zeitung im August 1943 verboten wurde, arbeitete sie als Amerika-Beraterin an der Deutschen Botschaft in Madrid weiter, dann ab März 1944 als freie Autorin bei Joseph Goebbels Wochenzeitung Das Reich.

Ihre politischen Kommentare näherten sich der Propaganda immer mehr an. Bereits 1939 hatte sie in einem Brief an Paul Scheffer, den Chefredakteur des Berliner Tageblatts, bekannt: Ich bin fast reif für den Eintritt in die Partei."

Margret Boveri, deren Biografie die Verlogenheit vieler Publizisten im Dritten Reich widerspiegelt, wurde am 14.August 1900 in Würzburg geboren. Ihr Vater, Theodor Boveri, war Professor für Zoologie, ihre Mutter, Marcella Boveri, eine aus den USA stammende Biologin. Im gutbürgerlichen Elternhaus gab es zwar die Münchner Neuesten Nachrichten und die Frankfurter Zeitung, aber das politische Weltgeschehen wurde von Margret ferngehalten. "Ich kann mich nicht erinnern, dass bei uns über Politik gesprochen wurde", schreibt sie in ihrer Autobiografie. Dass sie sich später vom Rollenbild der höheren Tochter befreite und sich in einem Männerberuf durchsetzte, hat sie wahrscheinlich ihrer Mutter zu verdanken. Marcella Boveri stammte aus Boston und hatte dort als erste Frau das Massachusetts Institute of Technology absolviert.

Nach dem Studium - Anglistik, Germanistik und Geschichte in Würzburg und München - ging Margret Boveri ins Ausland, als Sekretärin arbeitete sie an der Zoologischen Station in Neapel. Ab 1929 studierte sie Politik in Berlin mit dem Ziel, einmal im Auswärtigem Amt oder beim Völkerbund arbeiten zu können. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 musste Boveri diese Wünsche erst einmal aufgeben. Fast alle Dozenten der Hochschule für Politik wurden entlassen, viele gingen in die Emigration. Margret Boveri blieb in Deutschland - aus Liebe zum Vaterland. Sie entschied sich gegen die außenpolitische Laufbahn und für den Journalismus.

Beim Berliner Tageblatt, für das sie ab 1934 arbeitete, machte Margret Boveri die Gratwanderung zwischen Nazi-Propaganda und journalistischer Qualität mit. Die politische Tendenz war im Anstellungsvertrag vorgeschrieben: Die grundsätzliche Einstellung des Verlages ist folgende: "Im Dienste des Aufbaues der deutschen Volksgemeinschaft im nationalsozialistischen Sinne." So schwer schien es Margret Boveri allerdings nicht zu fallen, Begeisterung für den Faschismus zu entwickeln. In ihrem Buch Das Weltgeschehen am Mittelmeer, das während der Zeit beim Berliner Tageblatt entstand, zeigte sie sich beeindruckt von den zweifelhaften Errungenschaften des italienischen Faschismus.

1936 verließ sie das Berliner Tageblatt, nachdem der Chefredakteur Paul Scheffer abgelöst wurde. Im Mai 1939 wurde Margret Boveri Korrespondentin für die Frankfurter Zeitung in Stockholm, 1940 in New York. Obwohl sie perfekt Englisch sprach und ihre Mutter in den USA lebte, fühlte sich Margret Boveri nie wohl in Amerika. Obwohl sie in den USA wahrscheinlich bessere Aussichten gehabt hätte als in Deutschland, zog es sie zurück in die Heimat: "Ich liebte Deutschland und wollte bleiben." Eine problematische Entscheidung.

Bis zu ihrem Tod 1975 schrieb sie nach dem Zweiten Weltkrieg für die CDU-Zeitung Neue Zeit und die Frankfurter Allgemeine Zeitung, außerdem veröffentlichte sie mehrere Bücher über ihre journalistische Arbeit während des Dritten Reiches. Den amerikafreundlichen Kurs der FAZ hielt Boveri allerdings für einen Fehler, sie war gegen Adenauers Politik der Westintegration, weil sie der Meinung war, dass dadurch die deutsche Einheit in weite Ferne rücken würde. Sie sprach sich auch gegen die Verteufelung der DDR aus.

Bei allen politischen Irrwegen bleibt Margret Boveri eine der großen Journalistinnen des vergangenen Jahrhunderts. Sie war Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und erhielt 1968 den Preis Deutscher Kritiker. Sie war eine Frau, die sich in einem ehemaligen Männerberuf durchsetzte und sich mit ihren Urteilen einen Namen machte.

Auch wenn sie - wie ihr Urteil - umstritten war.