Literatur Nun schweigen an allen Fronten die Waffen

Ein Vierteljahrhundert sammelte er unermüdlich Tagebücher und Aufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt hat Walter Kempowski sein "Echolot" fertig gestellt. "Abgesang" ist der letzte Band eines in der deutschen Literaturgeschichte einzigartigen Werks.

Von Von Gustav Seibt

"Abgesang" lautet der Untertitel des letzten Bandes von Walter Kempowskis "Echolot". Mit ihm endet eines der ambitioniertesten, schon als Arbeitsleistung beeindruckendsten Unternehmen der deutschen Literaturgeschichte.

Das zerstörte Dresden im Jahr 1945.

(Foto: Foto: dpa)

Annähernd 9000 Seiten und zehn Bände umfasst das "kollektive Tagebuch" aus dem Zweiten Weltkrieg nun, an dem Kempowski als Sammler, Arrangeur und Durchsetzer seit einem Vierteljahrhundert arbeitete und das vor zwölf Jahren mit den ersten vier Bänden zu erscheinen begann.

Triumphaler Erfolg

Zusätzlich hat der Autor mit berechtigtem Stolz noch einen Band "Culpa" (Schuld) beigefügt, der eigens die steinige Entstehungsgeschichte seines Riesenunternehmens dokumentiert - von den ersten Zeitungsannoncen mit der Bitte um Material bis zum triumphalen Erfolg am Ende, den der Lektor konstatiert.

Kempowskis Verfahren - er montiert zu wenigen ausgewählten Tagen eine denkbar weitgespannte Fülle von Zeugnissen - funktionierte nie überzeugender als in diesem Schlussband.

Die letzten Tage im April

Vier Tage hat der Autor herausgegriffen: den 20. April 1945, Hitlers letzten Geburtstag; den 25. April, der Tag, an dem die Heeresverbände von Amerikanern und Sowjets an der Elbe zusammentrafen; den 30. April, das Datum von Hitlers Selbstmord und Mussolinis schließlicher Erhängung; und den 8./9. Mai, die Stunden der deutschen Kapitulation.

Den Abschluss bildet der letzte deutsche Wehrmachtsbericht mit seinem berühmten Satz: "Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen" - auch er noch eine propagandistische Beschönigung, denn von Fronten konnte im fast komplett besetzten Land mit seinen Trümmerbergen und Millionen Flüchtlingen keine Rede mehr sein.

Gleichheit und Gleichzeitigkeit

Die vier Daten und die Situation, die in ihnen zum Ausdruck kommt, unterstützen die ästhetischen Grundprinzipien von Kempowskis Unternehmen aufs Wirksamste: Es erreicht hier den Höhepunkt seiner Struktur, und es ist, als würden die ganzen 9000 Seiten nur zu diesen Momenten hinführen.

Diese Prinzipien sind: Gleichzeitigkeit und Gleichheit. Aus den 2077 Kriegstagen griff der Kompositeur nur wenige Daten heraus, zu denen er ein umso enormeres Material zusammenführte: Nur das gleiche Datum verbindet die Wehrmachtsberichte mit den Tagebüchern von Thomas Mann und Ernst Jünger, die Briefe einfacher Soldaten, die Friedhofsregister, die diplomatischen Depeschen der kriegführenden Mächte.

Die Verbindung von zeitlicher Punktualität und Zeugnisfülle lässt im Schriftmedium des Buches, in dem eigentlich eins nach dem anderen kommen muss, doch den Eindruck von Simultanität aufkommen, von symphonisch-polyphoner (wenn auch extrem disharmonischer) Klangfülle, von Stimmengewirr.