Literatur-Nobelpreis für Le Clézio Der Suchende

Le Clézio ist nicht nur ein poetischer, sondern auch ein politischer Autor. Verfolgte und Verlierer der Moderne stehen im Zentrum seiner Werke.

Von Ulrich von Schwerin

Schriftsteller, Reisender, Suchender - Jean Marie Gustave Le Clézio, der hierzulande nur den wenigsten bekannt sein dürfte, ist ein Einzelgänger, der stets die Öffentlichkeit gescheut und lieber seine Bücher für sich hat sprechen lassen. Auch in seiner Heimat Frankreich ist er erst spät zu Bekanntheit gelangt. Inzwischen zählen seine Werke zwar zur Schulliteratur, seine Bescheidenheit, seine Zurückhaltung, womöglich auch die Fremdheit vieler seiner Bücher hat aber verhindert, dass sein Name zu größerer Prominenz gelang.

Der französische Schriftsteller Jean Marie Gustave Le Clézio erhält den Nobelpreis für Literatur 2008.

(Foto: Foto: Reuters)

Er ist ein poetischer, aber auch ein politischer Autor, der in vielen seiner Romane, Novellen und Essays Verfolgung, Ausbeutung und Unterdrückung zum Thema macht. Selbst in Büchern wie "Der Goldsucher", in dem er sich auf der Insel Mauritius auf die Spuren seiner Familiengeschichte begibt und seine verlorene Kindheit sucht, drängt die Kulisee der gnadenlosen Ausbeutung der Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen in den Vordergrund.

Deutlicher noch wird der politische Aspekt im Roman "Désert", in dem er die brutale Eroberung Marokkos durch die französischen Kolonialtruppen der Geschichte eines jungen marokkanischen Mädchens gegenüberstellt, das vor einer drohenden Zwangsheirat nach Frankreich flieht. Migration und Flucht sind ständig Thema in Le Clézios Büchern. Der Mensch in seinen Werken ist ebenso wenig an einen Ort gebunden wie Le Clézio selbst, der zeitlebens unterwegs war. Momentan pendelt der 68-Jährige zwischen Paris, Nizza und Albuquerque in New Mexico.

Nicht nur die erzwungene Flucht in die Fremde wie im Roman "Etoile errante", in dem ein Mädchen vor den Nazis nach Palästina flieht, sondern auch die selbstgewählte Reise in die Phantasie sind immer wiederkehrendes Motiv. So in "Voyage de l'autre coté", ein Roman, der in einer Reihe traumartiger Sequenzen die Flucht in die Welt der Vorstellung als Ausweg aus der Härte des Alltags der Verlierer, der Vertriebenen und Obdachlosen beschreibt, die er nicht nur in diesem Buch ins Zentrum stellt. Eskapismus ist bei Le Clézio weniger Verweigerungshaltung denn einzige Möglichkeit, dem Leben überhaupt einen lebenswerten Inhalt zu geben.

Immer wieder geht es um die Suche nach der verlorenen Welt der Kindheit, für die als Sinnbild der Garten der Eltern steht. Hier findet ein tiefes Misstrauen gegenüber der Kälte, der Leere und der Anonymität des modernen, urbanen Stadtlebens Ausdruck, auch wenn Le Clézio weiß, dass die Flucht in die Einsamkeit und Entlegenheit der Wildnis und Wüste, von der sich viele seiner Figuren einen Ausweg erhoffen, niemals eine reale Möglichkeit, höchstens eine Hoffnung ist.

Seine eigene Geschichte wie auch die Geschichte seiner Familie tauchen in vielen seiner Bücher auf. Nizza, wo er geboren ist, Mauritius, woher seine Familie stammt, Mexiko, wo Le Clézio über die Kultur der Indianer geforscht hat, sind immer wiederkehrende Handlungsorte.

Die Auszeichnung mit dem Nobelpreis der Literatur wird nun hoffentlich auch vielen Lesern den Reichtum und die Eigenwilligkeit von Le Clézios Werk näherbringen.