Aber zwischen all den Explosionen, den Spielarten des Miteinanders, den Grenzüberschreitungen, den Visionen von brennenden Straßen, Phantomen und Feuern sowie den lausigen kleinen Dichtern, die in Katastrophengeilheit angelaufen kommen und wie Charles Manson klingen wollen, gibt es in Cohens Lied "The Future" diesen einen, in seiner utopischen Originalität eigentlich auch sehr komischen Satz : "I'm the little jew who wrote the bible." Hahaha. Dann war es also doch nur einer, der die Bibel schrieb?
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Vielleicht, und das wäre nicht einmal so vermessen, ist mit der Bibel ja auch "Das Buch der Sehnsüchte" gemeint, Cohens jüngster, bisher umfangreichster Band mit Gedichten, Kurzprosa, Zeichnungen und Computerbildern, den der Münchner Blumenbar Verlag jetzt auf Deutsch herausgebracht hat. Ein großartiges Buch, sozusagen die Überwindung Leonard Cohens durch Leonard Cohen:
Die starken romantischen Bilder sind noch da, die Sehnsüchte, Nachtigallen und spirituellen Trips. Aber die Weisheit von früher, all jene Verheißungen und heiligen Botschaften werden gleichzeitig parodiert, wenn der Erleuchtete sagt: "Mein Rat wird sehr geschätzt. Zum Beispiel: Piss nicht auf zu große Pinienzapfen."
Für pinienzapfenfixierte Philologen ist Cohens Buch übrigens eine Fundgrube - Pinienzapfen kommen an mindestens drei Stellen vor. In "Sisters of Mercy", einem der großen alten Cohen-Songs, hieß es noch, dass man das Licht getrost aus lassen könne, weil ja die Adresse jener Gnadenschwestern im Mond zu lesen sei. Heute schreibt Cohen: "Der Mond, er wirkt so streng heute Nacht; er hat die Fratze einer Eisernen Jungfrau, wo er doch sonst dreinschaut wie ein Dorftrottel." Das ist er wohl - der Bankrott der großen Idee von der Erlösung.
Die Antwort
Aber die Moderne hat ja Gott sei dank noch ein sehr lässiges, an verzweifelter Komik kaum zu überbietendes Spielzeug in ihrer Asservatenkammer liegen: die Endlosschleife. Beckett hat sie in "Warten auf Godot" seinen beiden traurigen Männern um den Hals gelegt, damit sie sich immer wieder gegenseitig mit Hilfe der gleichen Sinnlosigkeiten ihrer Existenz versichern, ständig aufs Neue also dieses: Ich habe nichts - Ich gehe. Ich auch - Schlief ich schon lange? - Ich weiß nicht - Wohin gehen wir. Nicht weit.
So kann man sich mit Worten in eine Art Drehschwindel schrauben, und im schlimmsten Fall geht man daran zugrunde. Man kann die Endlosschleife aber auch zum Stilprinzip erklären, dann fährt man zum Beispiel wie Bob Dylan mit seinen alten Sachen immer wieder um die Erde, zersingt ein Lied bis zur Unkenntlichkeit und stellt sich und sein Werk immer wieder aufs Neue aus.
Oder man macht es wie Leonard Cohen, der kürzlich an seinem 74. Geburtstag auf der Bühne im Arcul de Triumf in Bukarest stand und zentnerschwere rumänische Sahnetorten in Empfang nahm. Vorher hatte sein Chor, die sublimen Webb-Sisters, Cohens poetisches Testament Tower of Song in ein endloses "Doo dam dam dam dee doo dam dam" fließen lassen. Wenn dieses Lied ausklingt, sieht Cohen immer eine Weile zu, zieht dann seinen Fedorahut und sagt den Leuten: "Ich habe die Religionen und Philosophien der Welt studiert und nie die Antwort gefunden, was der Schlüssel zu unserem Dasein ist. Jetzt habe ich die Antwort, Freunde: Sie lautet doo damm dam dee . . . "
Natürlich lachen die Rumänen, genauso, wie zuvor die Iren und die Briten und die Italiener und Franzosen gelacht haben. Aber ob sie alle wirklich verstanden haben, dass Leonard Cohen, der seit so vielen Jahren an den dunklen Rändern der Poesie entlangrauschende Engel, dieser wahrhaft kriegerische Sänger und hasserfüllte Liebesdichter, etwas fertiggebracht hat, das nur wenigen Elegikern glückt: die Rettung in die Selbstironie, die Heimkehr in eine Art sanfte Parodie der eigenen Kunstfigur, die dieser Mann ja auch immer war - dance me through the panic till I'm gathered safely in.
Am Montag erscheint Leonard Cohens "Buch der Sehnsüchte" im Münchner Blumenbar Verlag.
Am Samstag, 4. Oktober, tritt Cohen in der Berliner O2-Arena auf. Am Montag, 6. Oktober, spielt er in der Olympiahalle in München. Weitere Konzerte in Deutschland: Am 29.Oktober in Frankfurt, am 31.Oktober in Hamburg, am 2.November in Oberhausen.
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(SZ am Wochende vom 04.10.2008/rus)
Partyzone Flußufer
Habe am Samstag das Konzert in der O2 Arena gesehen .Ich kann nur sagen
Great-Greater- Am greatesten.