Kulturreport Drei? Zwei? Eins? Meins!

Kein Problem: Die Tribes of Jizu samplen nicht, sie spielen die Beats einfach selbst. Hier auf dem Oben-Ohne-Festival 2014 mit Rapper Maniac.

(Foto: Florian Peljak)

Deutschlands höchstes Gericht muss entscheiden, ob ein paar Sekunden "Kraftwerk"-Sound in einem Hip-Hop-Song geklaut sind. Ein Streit, den eine Münchner Band geschickt umgeht

Von Rita Argauer

Eine kapitalistische Gesellschaft braucht geklärte Besitzverhältnisse, sonst funktioniert das System nicht. Doch wenn es um immateriellen Besitz geht, wird es schwierig. So sind es Gedanken und Ideen, die Guttenberg den Ministerposten kosteten und die derzeit das Bundesverfassungsgericht beschäftigen. Im Rechtsjargon nennt man das geistiges Eigentum. Und darum streiten sich die Band Kraftwerk und der Hip-Hop-Produzent Moses Pelham nun seit geraumer Zeit durch die verschiedenen Rechtsinstanzen.

Seit 2004 läuft die Klage der deutschen Elektro-Pioniere Kraftwerk gegen Pelham, der Ende der Neunzigerjahre einen zweisekündigen Klangschnipsel aus Kraftwerks "Metall auf Metall" von 1977 als Grundlage für einen Song der Sängerin Sabrina Setlur verwendete. Im November 2015 landete der Fall beim Bundesverfassungsgericht. Wann das Urteil zu erwarten ist, bleibt offen. Aber dass ein Urteil in dieser Causa die Praxis der Musikproduktion in Deutschland verändern wird, ist sicher. Denn auf solchem sogenannten Sampling beruht die künstlerische Ästhetik von Hip-Hop und Clubmusik.

Angst vor dem Urteil hat aber beispielsweise der Münchner Hip-Hop-Produzent Provo Beatz nicht. "Ich habe früher auch gesamplet", sagt er, das sei in Undergroundproduktionen gewesen, und da halte er das auch für völlig legitim. "Wenn ich aber Geld mit einem Song mache, dann kann ich nicht einfach die Leistung von jemand anderem benutzen." Einen finanziellen Ausgleich halte er da für angebracht. Dennoch sei es gefährlich, Samples von vorne herein mit hohen Lizenzgebühren zu besolden. Man sollte wissen, ob das Stück, in dem Samples benutzt werden, überhaupt Geld einspiele, bevor man für die Benutzung des Materials bezahle.

Der Musiker vertritt damit eine Haltung, die sich aus der verweisfreudigen Postmoderne speist: Der Künstler greift auf einen Pool an Geistes-, Kunst- und Kulturgeschichte zurück und baut daraus sein eigenes Werk zusammen. Die Kunst des gewitzten Collagierens ist dabei ebenso wertig wie die Kunst des Erfindens: als in den Achtzigerjahren groß gewordener Gegensatz zum romantischen Genie-Begriff. Doch das Verwenden fremder Ideen in der eigenen Musik gab es auch schon, als der Komponist noch mehr als das ausschließlich aus sich selbst heraus schöpfende Genie galt. In der Klassik galt das Prinzip der Variation als sehr respektabel.

Ein großer Unterschied zur klassischen Variation aber ist die Eigenheit der Popmusik, dass der Klang der auf Tonträger aufgenommenen Musik ebenso identitätsstiftend für die Musik ist wie die gespielten Noten. Bei Kraftwerk zeigt sich das exemplarisch, denn da sind streng genommen nicht einmal mehr Noten zu hören, sondern eben rhythmisch zusammengesetzte und kompliziert erzeugte Klänge, die diesen Beat ergeben, dessen "kühle Atmosphäre" Pelham habe einfangen wollen. Er habe die Benutzung für sein Recht der freien Kunstausübung gehalten. Ein Urteil, welches das Sampling verbiete, gefährde die gesamte Hip-Hop-Ästhetik in Deutschland, erklärte er.

Doch die Münchner Hip-Hop-Band Tribes of Jizu hätte auch dann kein Problem. Denn obwohl deren Musik nach astreinem Hip-Hop in Sample-Ästhetik klingt, umgeht das Münchner Quintett geschickt das damit verknüpfte rechtliche Problem. Denn die Tribes of Jizu sind eine klassisch besetzte Band: Die fünf studierten Musiker spielen die Hip-Hop-Beats einfach selbst. Vor einigen Jahren gründeten sie die Veranstaltungsreihe "Loop Session". Die Band tritt dabei wie eine Show-Band auf, die virtuos die Musik für die Gast-Rapper spielt. Und natürlich tauchen auch da bereits bekannte Grooves auf, man kennt vielleicht auch ein paar jazzige Klavierlinien. Doch die Band spielt eben nicht fremde Aufnahmen ab, sondern musiziert nach bestem Musikverständnis selbst.

Bevor es Tonaufnahmen gab, war dieses Prinzip wesentlich weiter verbreitet. Als eine Art, künstlerisch den Hut zu ziehen, wurde fremde Musik in der eigenen benutzt. Neben den unzähligen bekannten Variationen klassischer Komponisten über Themen früherer Kollegen, etwa Bohuslav Martinůs spritzige Variationen von Rossinis Preghiera aus der Oper "Mosè" für Cello und Klavier. Gerade da zeigt sich etwas, das dem, was heute Sampling genannt wird, gar nicht fern ist. Rossinis Thema taucht hier immer wieder als scharf gezeichneter Ausschnitt aus - ein musikalisches Fenster zu dem gut bekannten älteren Werk.

Diese Art des Komponierens hat neben dem Hommage-Charakter einen nicht zu unterschätzenden kommerziellen Wert. Denn das Gehirn verbindet sich am schnellsten mit dem, was es schon kennt, die Musik wird durch das Sampling des Bekannten ungleich zugänglicher. Und ein wenig liegt bei Pelham und Setlur der Verdacht nahe, dass der kommerzielle Wert den der Hommage überragt. Die Anwälte Pelhams behaupteten zu Beginn der Verhandlung, dass es sich bei dem Sample gar nicht um Musik von Kraftwerk handele - für die Rechtsvertretung der Kläger ein Beweis, dass es sich dabei nicht um eine Hommage handeln könne; und da geht es vielleicht auch um verlorene Ehre. Immerhin sind Kraftwerk die musealisierten Pop-Lieblinge der Feuilletons, Sabrina Setlur aber ist nur eine auf breiten Erfolg ausgerichtete Variante des Hip-Hop. Größere Gegensätze kann man in der deutschen Popmusik kaum finden. Was das für die Produktion aktueller Popmusik und für das Verständnis für Kunsterzeugung bedeutet, wird spannend. Denn solche Fragen kennt nicht nur die Musik: Ein ähnliches Problem hatte ja auch Bertolt Brechts Tochter mit der Verwendung des auch an Zitaten und fremdem Material nicht armen Werks ihres Vaters.