11 Kultur-Desaster Davon ging die Welt nicht unter
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Tamagotchi
Kulturpessimismus ist keine Weltanschauung, sondern ein Reflex. Jeder hat dieses Rousseau-Gen in sich, man sollte es nur intellektuell im Griff haben. Rousseau-Gen kann man es nennen, weil der Kulturpessimist von einem Naturzustand ausgeht, in dem der Mensch eins mit sich selbst war. Dann kam irgendwann Zivilisation, die den Menschen aus seiner Selbstidentität herausriss.
Weil es offensichtlich ist, dass der technische Fortschritt viele Erleichterungen gebracht hat, ist der Kulturpessimist vor allem auf dem Feld des Innenlebens und der Kommunikation mit brennender Sorge unterwegs. Der Preis für den Fortschritt nämlich ist die Entfremdung. Kein Wunder, dass vor allem neue Kommunikationsmedien dem Kulturpessimisten aufs Gemüt drücken. Musterbeispiel ist das Tamagotchi.
Man könnte meinen, ein Quälgeist habe es erfunden, um Kulturpessimisten bis aufs Blut zu reizen. Das Tamagotchi, wir erinnern uns, war eine Mode aus Japan um 1997: Es hatte die Form eines Eis, und es musste per Knopfdruck gefüttert, bespaßt und in den Schlaf gewiegt werden. Bei sozialer Vernachlässigung starb es.
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Das Tamagotchi passte in das Argumentationsmuster aller Kulturpessimisten: Es war ein Substitut, dass "echte" Kommunikation durch die computergenerierte Simulation von Dialog und Fürsorge ersetzte. Wolfgang Roth von der Pädagogischen Uni Freiburg sprach deshalb vom "Ausdruck unserer Zeit": "Wir wollen einen Partner mit wenig Eigenleben und hoher Steuerbarkeit."
Und Wolf Brühan, Geschäftsführer vom Bundesverband Neue Erziehung, erklärte: "Die Kinder wollen sich mit der wirklichen Welt auseinander setzen, dafür kann ein Tamagotchi kein Ersatz sein." Dass die, die in den dürrsten Floskeln ihre Zeitkritik betreiben, von "echtem Welterleben" sprechen, dürfte selbst ein Tamagotchi zum Lachen bringen.
Dieter Bohlen
1985 in der Scheunendisco östlich von Münster. Es regnete. Die Kleider rochen streng, wie das bei Feuchtigkeit in Verbindung mit Kunststofffasern so ist. Plötzlich ein Lied. Das Lied hieß "You're my heart, you're my soul". Die Kunststofffaser-Mädchen tanzten Disco-Fox. Und der Sound dieser Band, die Modern Talking hieß, schien zwar nicht den Untergang des Abend-, aber doch sicher den des Vaterlandes zu verkünden.
Diese erste Single verkaufte sich acht Millionen Mal auf dem Planeten. Modern Talking bestand aus dem Diplomkaufmann Dieter Bohlen und einem Sänger. Bohlen (Ostfriese, Abitur mit 17, Millionär mit 30) etablierte die Abwesenheit musikalischer Phantasie bei gleichzeitiger Gewinnmaximierung. Mit Pop oder einem anderen Stil hatte das getackerte Gefistel eigentlich nichts zu tun. Gegen diese "Musik" hatten nicht mal Eltern direkt etwas einzuwenden.
Die Eltern haben sich Jahre später erregt, als berichtet wurde, dass Bohlen auf dem Zuschneidetisch eines Teppichladens Sex mit einer Angestellten hatte. Oder weil Bohlen seine Ex-Frau Verona Feldbusch geschlagen habe, wie die Ex-Frau behauptet. Oder weil Bohlen eine Biografie autorisierte, in der er behauptet, er habe sich den Penis gebrochen.
Die Biografie verfasste eine Bild-Journalistin. Statt zur vaterländischen Gefahr wurde Dieter Bohlen zu einer Bild-Story. Weiter hat das weder das Boulevardblatt noch Bohlen gebracht. Irgendwann wurde Bohlen Juror einer Talenteshow. Irgendwann fanden Spaziergänger Müll von Bohlen, Badelatschen, was dann in den Stand einer Meldung gehoben wurde. Das war das Ende.
Im Animationsfilm "Dieter - Der Film" kehrte Bohlen schließlich als das zurück, was er immer schon war: als Comic-Figur. (Christopher Keil)
SMS
SMS: schon falsch. SMS heißt Short Message Service und bezeichnet nicht die Kurzmitteilung, also die short message, sondern nur den Übertragungsdienst - den service. Das korrekte Kürzel einer Kommunikationsform, die seit 1992 gebräuchlich ist, konnte sich nicht durchsetzen: SM.
Offenbar wollen wir nicht daran erinnert werden, dass die SM (die in Deutschland jährlich 20 Milliarden mal versendet wird) etwas zu tun haben könnte mit SM - mit Sadomasochismus. 20 Milliarden Mal "schon gelandet?" oder "Schumann's?" oder "lg" (liebe Grüße): Das ist milliardenfache Lustqual. Bis zu 160 Zeichen. Codiert. Mit Anglizismen. Barbarisch. Die Phonies sind das Letzte, so schaut's doch aus.
Das hat sich auch Stephen King gedacht, dessen neues Buch "Cell" heißt: "Ein Mann hält sich mit beiden Händen den Hals, um das zwischen seinen Fingern hervorquellende Blut aufzuhalten, während ihm seine Eingeweide vor dem Unterleib hin und her schwingen." Dem Mann aber geht es deshalb nicht so besonders, weil er - wie alle Phonies - durch Anruf oder SMS von Terroristen zur Bestie umprogrammiert wurde. Kulturkritik pur. Nur die Normies kommen davon, zu denen sich King zählt. King, heißt es auf der letzten Seite, hat kein Handy. Dieser Hinweis ersetzt das ganze Buch und wäre eine prima SMS.
Uschi Glas dagegen weiß nicht, dass die einzige Distinktionsmöglichkeit unserer Zeit darin besteht, nicht zu wissen, was SMS ist. Sie sagte kürzlich bei Beckmann: "Heute simse ich nur mit einem Daumen, fast ohne hinzuschauen." Obacht! Wenn Uschi Glas beim Simsen angekommen ist, ist Simsen bereits veraltet.
Auch die vielen Studien zu Handy-Missbrauch in der Schule, die CSU-Pläne zu Anti-SMS-Eingreiftruppen und Typen in Restaurants, die wie Onanisten unter der Tischdecke ihre Mobiltelefone kneten, sind bald Vergangenheit. Die SMS wird wieder eine Kommunikationsmöglichkeit unter vielen sein. Alles normal. Normies, entspannt euch mal! (Gerhard Matzig)