Kürzungen bei der BBC Runter die Pfunde

Weißwein statt Champagner: Die BBC muss die Spitzenverdienste ihrer Stars wie Jonathan Ross um 40 Prozent kürzen und Jobs einsparen.

Von Wolfgang Koydl

Aufmerksamen Gästen des Empfanges im sechsten Stock des BBC Television Centre hätte eigentlich schon auffallen müssen, dass etwas Besonderes in der Luft lag, als zum ersten Mal die Tabletts mit den Gläsern herumgetragen wurden: Rot- und Weißwein wurde da angeboten, aber kein Champagner - ungewöhnlich für eine Party, zu der das Spitzenmanagement des Senders einige seiner besten und teuersten Stars geladen hatte.

Bald schon wurde freilich jedem Anwesenden klar, dass das Adjektiv "teuer" der Schlüsselbegriff des Abends war. In einer umständlichen, nicht enden wollenden, knapp einstündigen Ansprache teilte Generaldirektor Mark Thompson der versammelten Rundfunk- und Fernsehelite mit, dass die fetten Jahre vorbei seien. Wer mehr als 100 000 Pfund im Jahr verdiene, müsse sich schon mal vorsorglich auf Gehalts- und Honorarkürzungen von 25 Prozent einstellen, wenn der Vertrag das nächste Mal verlängert wird. Bei Stars mit noch höheren Vergütungen würden die Abstriche gar auf 40 Prozent klettern. Betroffen wäre dann auch Thompson selbst, mit einem Jahressalär von mehr als 800 000 Pfund.

Nach einer kurzen Frage- und Antwort-Sitzung, an der neben Thompson die BBC-Direktoren für Kreatives und Visionen, Alan Yentob und Jana Bennett, sowie der Vorsitzende des BBC Trust, Sir Michael Lyons teilnahmen, gingen die Gäste relativ schnell und ziemlich wortkarg auseinander. "Es war geschäftsmäßig und leicht deprimierend", berichtete ein ungenannter Teilnehmer anschließend dem Guardian.

Kochender Volkszorn

Die Wirtschaftskrise und der Spesenskandal von Unterhausabgeordneten haben in den vergangenen Monaten den Blick der Briten auf Spitzenverdiener auch in anderen Berufzweigen als den Banken und der Politik geschärft. Offiziell gibt die BBC die Bezüge ihrer Stars nicht bekannt; gleichwohl dementiert sie in der Regel nicht die Summen, die in der Öffentlichkeit gehandelt werden: 500 000 Pfund im Jahr für die Nachrichtensprecherin Fiona Bruce, 600 000 für den Radioplauderer Chris Moyles, 1,5 Millionen für den Fußballkommentator und Ex-Nationalspieler Gary Lineker, und 2,5 Millionen Pfund für den Entertainer Graham Norton.

Den größten Zorn aber hat das üppigst ausstaffierte Honorarpaket von Jonathan Ross auf sich gezogen: 5,6 Millionen Pfund im Jahr soll die BBC für die Rundfunk- und Fernsehshows eines Mannes zahlen, der die Qualitäten eines Günther Jauch mit der Eitelkeit eines Thomas Gottschalk und dem vulgären Ton eines Dieter Bohlen zu vereinbaren versteht. Als Ross, zusammen mit dem Komiker Russell Brand, im vergangenen Jahr in einer Live-Sendung obszöne Nachrichten auf dem Anrufbeantworter des allgemein geschätzten Schauspielers Andrew Sachs hinterließ, kochte der Volkszorn über. Ross wurde vorübergehend suspendiert; an seinem Gehalt freilich änderte sich - bislang - nichts.

Dass er und andere Stars nun ihren finanziellen Beitrag zum Überleben der BBC leisten müssen, war nur eine Frage der Zeit. Denn bei dem Sender wird es zusehends knapp: Steigenden Kosten stehen Radio- und TV-Gebühren gegenüber, die nicht im erwünschten Umfang angehoben wurden. Der Sender hat Einsparungen in Höhe von knapp zwei Milliarden Pfund bis zum Jahr 2013 zugesagt. Dazu wurden in den vergangenen vier Jahren bereits 7200 Stellen gestrichen; weitere 1200 Jobs sind akut gefährdet.

All dies dürfte freilich nicht ausreichen, wenn, wie erwartet, nach den kommenden Unterhauswahlen spätestens im nächsten Jahr die Konservativen an die Macht kommen. Seit den Amtsjahren von Premierministerin Margaret Thatcher beäugen die Torys die BBC scheel und skeptisch als vermeintliche Hochburg linken Gedankengutes. Den marktwirtschaftlichen Puristen in der Partei geht zudem das Prinzip gegen den Strich, dass die öffentlich-rechtliche Anstalt über die Gebührenordnung einen für alle Zeiten in Erz gegossenen Vorteil gegenüber den Privatsendern haben solle, die sich ihre Einnahmen mit Anzeigen verdienen müssen, was derzeit mühsam ist.

Ominöse Warnung

Ende Mai verabschiedete das Unterhaus die neue Licence Fee für die BBC, und normalerweise ist die Gebührenfestsetzung eine Formalität, an der nur eine Handvoll Abgeordneter teilnehmen. Diesmal aber nutzte Jeremy Hunt, der kulturpolitische Sprecher der Konservativen, die Gelegenheit zu einer ominösen Warnung an die Adresse des Senders. Er lehnte die Erhöhung der Gebühr um drei Pfund im Jahr ab und forderte ihr Einfrieren bis auf weiteres. Angesichts der Tatsache, dass die Inflation im Land auf den niedrigsten Stand in Jahrzehnten gefallen sei, so sein Argument, könne man Verbrauchern schlecht plausibel machen, weshalb die BBC überdurchschnittliche Zuwächse verbuchen dürfe.

Tatsächlich haben sich die Gebühren für die BBC, die im Jahr 3,6 Milliarden Pfund erhält, seit dem Amtsantritt der Labour-Partei 1997 von 91,50 Pfund im Jahr auf 142,50 Pfund erhöht - ein Anstieg um satte 56 Prozent. Hinzu kommt, dass die private Konkurrenz immer mehr ins Hintertreffen gegenüber der BBC gerät, seit die Werbeeinnahmen eingebrochen sind. Wie der Tory Hunt vorrechnete, wird in diesem Jahr der für die Fernsehsparte bereitgestellte Teil der Gebühren die gesamten Werbeeinnahmen privater TV-Anstalten erstmals um 500 Millionen Pfund übertreffen. Der größte Privatsender ITV, der selbst in finanzielle Schieflage geraten ist, schätzt, dass sich dieser Betrag im nächsten Jahr verdoppeln wird. Umso unverständlicher wird es auch für viele Zuschauer, dass unter diesen Umständen die BBC-Gebühren Jahr um Jahr angehoben werden. Für John Whittingdale, den einflussreichen konservativen Vorsitzenden des Kulturausschusses des Parlaments, hat dieses Missverhältnis "einen verzerrenden Effekt".

Dies alles erklärt, weshalb man bei der BBC einem konservativen Premierminister David Cameron mit einem Gefühl entgegenblickt, das an nackte Panik grenzt. Das Schreckwort einer Privatisierung der Anstalt, das in den Thatcher-Jahren immer wieder fiel, haben die Torys zwar schon lange nicht mehr erwähnt. Aber sie können der BBC auch so das Leben schwer genug machen. Dazu könnte eine Überprüfung der BBC-Finanzen durch unabhängige Buchprüfer gehören oder die totale Unterstellung des Senders unter die Aufsicht der Kontrollbehörde Ofcom. Die BBC könnte sich noch nicht einmal richtig wehren. Denn - so das spitzbübische Tory-Argument - wenn schon ehrwürdige Institutionen auf den Prüfstand gestellt werden sollen, wie die BBC es fordert, dürfe das nicht nur für das Parlament gelten. Auch die BBC sei erneuerungsbedürftige Institution.

Die BBC wurde 1921 etabliert, Struktur und Gebührenfinanzierung beruhen auf einer königlichen Charta. Gründer Lord Reith formulierte das Ethos "zu informieren, zu erziehen und zu unterhalten". Aber auch wegen ihrer Internet-Offensive mit der Plattform BBC Online, der Mediathek iPlayer und einem YouTube-Kanal gilt die BBC bei ARD/ZDF als Vorbild. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie Modell für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland gewesen. Gebührenerhöhungen verhandelt die werbefreie BBC direkt mit der Regierung, das Parlament muss zustimmen. Internes Aufsichtsorgan ist der BBC-Trust, der Sender untersteht zudem der staatlichen Aufsicht Ofcom. Die BBC beschäftigt 24000 Menschen in 43 Ländern. Ihre internationalen Kanäle wie BBC World News werden von kommerziellen Tochterfirmen betrieben und arbeiten werbefinanziert.