Versimpelung vernunftbegabter Geschöpfe: Die Fernsehlandschaft ist öde. Die Ernte langweilig schlecht.
Zähneknirschend sei zugegeben: Es gibt auch durchaus vernünftige Sendungen. Aber das deutsche Fernsehen in seiner Gesamtheit ist langweilig schlecht.
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Vorsicht, Teufelskreis! Das Fernsehen versimpelt die Zuschauer, die wiederum nur noch leichte Kost auf dem Tisch haben wollen. (© Foto: dpa)
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Geschicktes Gerede, günstigstenfalls. In den zahllosen Diskussionen folgen immer dieselben Figuren verbindlichen Gesprächs-Mustern. Man bestätigt sich kennerisch. Man widerspricht sich eitel. Droht ein Thema interessant zu werden, ausführlicherer Erörterung wert, so noch nicht behandelt - dann hat die Moderatorin, der Moderator keine Zeit mehr.
Nun ist es schwer, mit den Fernseh-Schaffenden zu diskutieren, weil die zwar durchaus wissen, was sie tun, aber auf eine Vielzahl von Ausnahmen hinweisen können. Ich selbst war lange Rundfunk- und dann Fernseh-Redakteur, weiss also sehr wohl, wie geschickt man sich, notfalls, wehren kann.
Auch der Umstand, dass viele Beobachter unser deutsches Fernsehen trotz allem für das Beste der Welt halten, ist mir geläufig. Nur: Beweist das viel? Zweifellos hat die Sphäre der Studios ihren Sog. Je mehr man ihr angehört, desto bereitwilliger fügt man sich in die Gesetze der television-correctness.
Schaut man aber, das Leben ist kurz, sehr selten in den Unterhaltungsmüll, den die Überzeugungstäter zusammenscharren, dann erschrickt man vor so viel Dumpfheit, Grellheit, Dummheit. Fürchterlichstes Argument für alles das: Die Leute wollen es so.
Man darf diesen Einwand nicht hochmütig beiseite schieben, genauso wenig wie das anfechtbare Argument der Einschaltquote. Aber wen käme nicht mitleidiges Entsetzen an, wenn er die Zuschauer beim Reagieren aufs muntere Podiumsgequatsche beobachtet. Da drängt sich die Meinung auf, sie könnten immer nur schlicht beifällig lachen über vermeintliche Schlagfertigkeit. Über armselige Witze, karge Kalauer. Sie demonstrieren ergebene Dankbarkeit dafür, dass sich jemand flott aus der Frage-Affäre zieht.
Medien-Marionetten
Ja, ist denn das Publikum derart simpel? Oder erleben wir nicht eine grausige Folge chronischen Fernsehkonsums: Nämlich die Versimpelung von Geschöpfen, die vernunftbegabte Menschen waren, und nun wie von Medien zugerichtete Marionetten reagieren.
Übrigens hat unser Fernsehen da bereits übergreifende Wirkung erzielt. Bei einer höchst seriösen Buchvorstellung war die alberne Lachbereitschaft eines vermutlich nicht albernen Publikums neulich im Münchner Literaturhaus verwunderlich. Die Zuhörer verhielten sich, als wären sie Fernseh-Publikum.
Aber was kann man gegen das alles tun? Einfach nicht mehr hinschauen, weil die Lebenszeit dahinschmilzt? So mögen alte Leute, à la Reich-Ranicki, reagieren, die noch eine gewisse Selbstachtung bewahrt haben.
Jüngere könnten verlangen, der absurden Taktik, zwischen 20 und 22 Uhr hauptsächlich Krimis oder seichte Serien zu senden und nach 23 Uhr manchmal Gewichtigeres, müsse zumindest in den öffentlich-rechtlichen Sendern Einhalt geboten werden.
Sie könnten verlangen, dass die TV-Redakteure sich nicht als Herrscher aufspielen, die bei diskutablen Projekten monate- wenn nicht jahrelang mit Entscheidungen zögern, sondern rasch, begründet und hilfreich auf die Autoren eingehen. Schließlich müsste auch der Aberglaube aufhören, Kultur sei nur als "Event" vorzeigbar: süßlich verharmlost, um ihr anspruchsvolles Gewicht und ihre Wahrheit gebracht.
Verhält sich zynisch, wer unterstellt, die meisten TV-Macher wüssten solche Einwände gegen das Fernsehen längst, empfänden sich eben nur leider als Gefangene des Systems?
Jean-Paul Sartre hat ein tiefsinniges Drama geschrieben: "Die Eingeschlossenen von Altona". Da pointiert er grausam: Ob gewisse gewalttätige Schlächter innerlich eigentlich dem Faschismus, der ihr Verhalten lenkte, widerstrebten oder ob sie überzeugt waren von ihren Handlungen, darauf käme es überhaupt nicht an. Der innere Vorbehalt zählt nicht. Entscheidend ist, was jemand tut, wie verderblich er wirkt.
(SZ vom 14.10.2008/jb)
Das Fernsehen ist Spiegelbild unserer Gesellschaft. Wer nach mehr Nivau schreit, sich aber vorher trotzdem im Scheinwerferlicht des roten Teppichs den Fotografen stellt und vor der "Brandrede" minutenlang stehenden Ovationen geniesst, ist auch Teil des medialen Spektakels. Elke Heidenreich kokettiert schon immer mit dem Image der "Unbeugsamen", kommt aber auch nicht los vom Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.
Solange DSDS mehrere Millionen Einschaltquote hat, muss man sich nicht wundern, dass der Moderator der Sendung wirklich davon überzeugt ist, ein tolles "Produkt" zu präsentieren.
Was ich an Reich-Ranickis "Wutrede" allerdings wirklich bedenklich fand ist, dass ARD u. ZDF scheinbar nicht einmal mehr ihre Kernzeilgruppe überzeugen können...
Umfassende Antworten auf weitreichende Fragen - nach J. Kaiser und Loriot:
1. "Ja, ist denn das Publikum derart simpel?" (J.K. s.o.) - "Das Publikum ist anspruchsvoller geworden. Es erwartet die dramatische Verarbeitung von Problemen aus dem eigenen Lebensbereich" (Loriot 1981, zitiert bei: JK, Loriot der Schriftsteller, in: Lo., Gesammelte Werke, 2006)
2. "Oder erleben wir nicht eine grausige Folge chronischen Fernsehkonsums?" (JK - "Keines meiner Dramen überschreitet eine Länge von 5 Minuten. Damit sind sie dem biologischen Rhythmus von Menschen und weißen Mäusen angepaßt" (Lo.)
3. "Jüngere könnten verlangen, der absurden Taktik, zwischen 20 und 22 Uhr hauptsächlich Krimis oder seichte Serien zu senden, müsse Einhalt geboten werden" (JK) - "Infolge mannigfaltiger Belastungen durch Beruf, Familie und Freizeit ist der moderne Mensch jedoch kaum noch imstande, sich auf ein mehrstündiges Bühnenwerk zu konzentrieren" (Lo.)
4. "Sie könnten verlangen, daß die TV-Redakteure sich nicht als Herrscher aufspielen" (JK) - "Das Fernsehen bietet somit den geeignetsten Rahmen zur Begegnung mit zeitgenössischem Bildungsgut. Das hat mich bewogen, für dies Medium zu arbeiten" (Lo.)
5. "Schließlich müßte auch der Aberglaube aufhören, Kultur sei nur als "Event" vorzeigbar" (JK) - "Bei der Kunst gelüste es die Angehörigen der Mittelklasse im allgemeinen nach Kitsch und die Angehörigen der Unterklasse nach Schund" (M. Arnold/JK, Loriot)
6. "Bei einer höchst seriösen Buchvorstellung war die alberne Lachbereitschaft eines vermutlich albernen Publikums verwunderlich" (JK) - "Die Nation ließ sich durch meinen genialen Freund dazu bringen, ... zu lachen, und zwar auf hohem Niveau" (JK über Loriot)
7. "Dumpfheit, Grellheit, Dummheit" (JK) - "Die hochherzige Begründung, man erwarte Probleme aus dem eigenen Lebensbereich, sei anspruchsvoller geworden - sie birgt schlicht die idi.otische Verklärung einer klassenlosen Gesellschaft der Ban.ausen" (JK, Loriot)
Sabinchen saß weinend im Garten (Küchenlied, 19. Jh.) - "Loriot bedient nie, fast nie die subalternen Gelü.ste der von (Christian) Morgenstern als Dumm.köpfe verachteten Leser" (JK)
Ironie gilt - laut Historischem Wörterbuch der Philosophie (4, Sp. 578, H. Weinrich) - "als vornehmere und feinere Art der Verstellung und wird als möglicher Ausdruck der Bescheidenheit gebilligt". Aristoteles, Nikomachische Ethik, meinte hiermit bloß Sokrates - warum nur konnte J. Kaiser in puncto TV nicht einfach ironisch sein? Quod licet ...
Wer solche "sinnleeren Veranstaltungen" ansieht, der sorgt dafür, dass es sie gibt. Denn bei der Quotenfixierung aller TV-Sender würde der Quatsch mit Fernsehpreis, Bambi und was es sonst noch an TV-Preisen gibt, die in dümmlichen Shows vergeben werden, sehr bald aufhören, wenn keiner zuschaute.
Mich ärgern die Zwangsgebühren auch. Nur habe ich längst einen Weg gefunden, dem Schwachsinn im Fernsehen zu entgehen: Die Investition in einen DVD-Recorder und in DVDs ermöglicht es mir, nur das anzusehen, was ich für sehenswert halte, ohne dass ich deshalb nächtens vor der Glotze sitzen muss. Es gibt bei arte, gelegentlich bei 3-sat, bei den dritten Programmen und den Digitalsendern von ARD und ZDF genügend Beiträge, die es wert sind, aufgenommen und zu einem späteren Zeitpunkt angesehen zu werden. Und wenn dann zwei oder drei Mal im Jahr bei den Privatsendern ein sehenswerter Film ausgestrahlt wird, bekomme ich beim Herausschneiden der Werbeblöcke noch genügend Schwachsinn in den Vorschauen auf so genannte Highlights mit, um genau zu wissen, dass ich mir das Einschalten dieser Sender nicht antun muss.
Leider gehöre ich nicht zu denjenigen, deren Fernsehgewohnheiten die GfK als Basis für die Ermittlung der Einschaltquoten nutzt. Offenbar wird nur der Fernsehkonsum des geistigen Prekariats ermittelt.
hatte mal einen guten stoff, bekam das zu hören: isses krimi? isses soap? hats was mit tieren zu tun? ne? dann les ichs erst gar nicht...
das greift zu kurz, ubor, die verfassungswidrigen "Gebühren" der Staatssender, die de facto keine Gebühren sind sondern Steuern, müssen weg!
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