Nicht der gekreuzigte Klinsmann, sondern Jesus müsste beleidigt sein: Jürgen Klinsmanns Klage gegen die taz offenbart eklatante Mängel beim Humorverständnis und der Bibelexegese.
Aus der Nacht hatte man die Bilder des so blutüberströmten wie intensiven Endes von Mel Gibsons Film "Die Passion Christi" noch im Kopf, als die taz auf dem Ostersamstagsfrühstückstisch landete. Da sorgte die taz-Titelkarikatur nur für Schulterzucken: ein gekreuzigter Jürgen Klinsmann und ein Monty-Python-Zitat. Eine kleine lustige Blasphemie nach der karfreitäglichen Passion, das ja, aber nicht sonderlich originell. Würde es reichen, um einige Unionspolitiker in Wallung zu bringen, die der taz Aufmerksamkeit und ein paar mehr Soli-Abos verschaffen?
Will nicht sein wie Jim Morrison und Jarvis Cocker: Jürgen Klinsmann. (© Foto: ddp)
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Doch mit dem Lauf, den die Dinge jetzt nehmen, hatte man überhaupt nicht gerechnet: Nicht katholische Funktionäre beschweren sich, sondern Jürgen Klinsmann will die taz auf Schadenersatz und Unterlassung verklagen. Da fühlt sich jemand "massiv in seiner Menschenwürde verletzt", weil er mit Jesus verglichen wird. Das ist wahrlich originell, zumal in der heutigen Popkultur, in der es von Jim Morrison bis zu Jarvis Cocker zum guten Ton gehört, immer auch ein bisschen Erlöser sein zu wollen.
Man muss nicht religiös sein, um von der erzählerischen Wucht und der radikalen Konsequenz des Protagonisten der Evangelien fasziniert zu sein. Deswegen wird diese Geschichte seit Jahrtausenden erzählt, etwa von Mel Gibson oder in "Bibeln im heutigen Deutsch". Für Klinsmann übersetzt hieße das: "Jesus war der, der wo das Empowerment nach Palästina brachte und jeden Menschen jeden Tag ein bisschen besser machte." Nicht Klinsmanns, sondern Jesus' Anwälte auf Erden, so sie denn ähnlich humorlos wären, hätten also Grund zur Klage.
Markus Hörwick, dem Pressesprecher des FC Bayern München, der die Kreuzigung als "vielleicht die schlimmste Entgleisung, die es in den deutschen Medien jemals gegeben hat" bezeichnet hat, seien als Vergleich zur eher liebevollen taz-Karikatur die bisweilen drastischen Startseiten-Cartoons des Satiremagazins Titanic empfohlen, die fast jeden Tag darum betteln: "Bitte, bitte, verklagt uns!"
Buddhas für den Sperrmüll
Die Causa Klinsmann vs. taz zeigt eben auch, dass das Humorverständnis in Deutschland immer noch unterentwickelt ist. Die taz hatte mit der Zeile "Always Look on the Bright Side of Life" die Karikatur zur Sicherheit in einen humoristischen Kontext gestellt, obwohl eine Überschrift wie "Mein Hoeneß, warum hast du mich verlassen?" treffender gewesen wäre.
Wenn Jürgen Klinsmanns Anwälte nun beklagen, ihr Mandant werde "Objekt und gleichzeitig Opfer blasphemischer Angriffe", muss daran erinnert werden, dass Jürgen Klinsmann selbst öffentlich religiöse Symbole missbrauchte und einen Erlöser für Erlöse benutzte: als er nämlich zur Gewinnsteigerung eines Wirtschaftsunternehmens Buddhastatuen im Leistungszentrum des FC Bayern aufstellen und kurz darauf wieder abräumen ließ wie Spermüll.
- Jürgen Klinsmann vs. "taz" Klinsmann klagt an 14.04.2009
- FC Bayern vs. "taz" Das Leben des Jürgen 14.04.2009
(sueddeutsche.de/bgr)
Ermittlungen zu Neonazi-Trio
Das sind aber Probleme, meine Herren! Haben wir sonst keine?
"dass Jürgen Klinsmann selbst öffentlich religiöse Symbole missbrauchte...", hier irrt der Verfasser des Artikels. Vielleicht sollte er sich mal mit Buddhismus beschäftigen. Die Unterschiede zwischen Christentum und Buddhismus könnten größer nicht sein. Ich finde es eine Frechheit von Christian Kortmann, Klinsmann den Missbrauch religiöser Symbole vorzuwerfen. Ich stelle mir die Frage, was wäre passiert, hätte die TAZ, statt Klinsmann, den deutschen Vizekanzler Steinmeier als Christus abgebildet...
Artikel natürlich....
... jetzt ist dieser Artickel schon zwei Tage lang der "Aufmacher" in der Rubrik Kultur hier! Ich hoffe wirklich dass es um die Kultur besser gestellt ist in D. als man hier glaubenmag :D
Ein feinsinniger Artikel, danke!
Die Wolfsgrube der Bayern mit dem Trio Infernale R-B-H schafft sicher auch noch unsern vormaligen Sunnyboy; die Leichtigkeit ist ihm längst abhanden gekommen.
Paging