Klassik Moderne mit Witz

Zwischen glühender Romantik und gewitzter Moderne: Masako Ohta bei den Aufnahmen zu ihrem "Poetry Album" im Waldhaus Grandsberg.

(Foto: Winter & Winter)

Die in München lebende Pianistin Masako Ohta hat ein bezauberndes Poesie-Album aufgenommen

Von Rita Argauer

Beethovens Klassik-Gassenhauer "Für Elise" noch einmal aufzunehmen und auf ein Album zu packen, da fragt man sich, wie oft das noch sein muss. Doch im Fall der CD "Poetry Album", die die in München lebende japanische Pianistin Masako Ohta Anfang Februar veröffentlicht hat, findet sich in der Wahl dieses Stücks, das nach einer beispiellosen Tour von György Kurtág über Clara Schumann, Johann Sebastian Bach, Arvo Pärt, Maurice Ravel oder Toru Takemitsu, als vorvorletztes Stück auf dem Album auftaucht, eine große Bestätigung: Ja, dieses Stück muss da drauf, denn es macht sich wunderbar in dieser wilden Mischung, und es macht sich vor allem noch viel wunderbarer in Ohtas stechend klarer Interpretation. Nichts ersäuft hier im Pedal, eher ziemlich hart schlägt sie sich beinahe im Staccato durch die Läufe und bleibt im Hauptthema kühl, transparent und stark.

Masako Ohta, die man in München eigentlich eher aus der Szene für Neue Musik und von experimentellen Improvisationskonzerten her kennt, hat auch für Beethovens "Elise" einen ziemlich gewitzten und gleichsam wohl geformten Zugang. Diese Art zu Musizieren zeigte sich schon vor einigen Jahren, als sie im Schwabinger Ladencafé des Münchner Labels "Winter & Winter" ein Konzert mit John Cages Sonaten für präpariertes Klavier gab. Selten hat man die Bass-Hand, die hier auf den präparierten Saiten spielt mit so viel perkussiver Finesse und Freude gehört. Beinahe zehn Jahre später erscheint nun Ohtas erstes Album bei "Winter & Winter". John Cage hat sie dafür nicht noch einmal eingespielt. Dafür aber gibt Ohta gleich dem Eröffnungsstück, György Kurtágs "Játékok: Hommage à Farjas Ferenc 4", in den atonalen Passagen eine ähnlich glitzernde und spaßvolle Haltung. Die Moderne ist unter Ohtas Fingern nichts Schweres, dem man nur mit hart verzogener Miene und hehrem Ernst begegnen kann. Die Moderne macht hier großen Spaß, die Abstraktion ist für Ohta ein glitzerndes Spielfeld für einen tollen pianistischen Ausdruck.

Neben der Moderne aber erkundet sie auf diesem Album eben auch sämtliche anderen Epochen. Dass ihr das nicht auseinanderreißt, sondern eine inhaltliche Kohärenz bekommt, liegt an dem konzeptuellen Zugang, den Labelchef und Produzent Stefan Winter generell für seine Platten wählt: In Masako Ohtas Poesiealbum geht es um Beziehungen, die hinter den Werken stehen. Da spaltet sich etwa das Dreieck Clara und Robert Schumann und Johannes Brahms auf, wenn Brahms' Intermezzo op. 119, Nr. 1, hier nicht als Virtuosenstück, sondern suchend und gleichsam verloren erklingt. Daran schließt Clara Schumanns Romanze op. 11, Nr. 1, an, die einerseits etwas Lehrstückhaftes und gleichsam Empfindsames hat. Brahms hat sein Intermezzo Clara gewidmet, die dieses Stück als "Melancholie . . . wie graue Perlen" beschreibt. Clara wiederum schrieb ihre Romanze über 50 Jahre früher für ihre damals große Liebe Robert Schumann.

Mit dessen erhabenem Op. 56, Nr. 2, schließt die 16 Aufnahmen umfassende CD dann auch. Robert Schumann komponierte hier ursprünglich für die ungewöhnliche Formation von drei Händen. Die dritte Hand übernimmt in dem Stück Mariko Takahashi. Die Aufnahme selbst fand übrigens - wie bei einem solchen Projekt dieses Labels zu erwarten - nicht in einem sterilen Tonstudio, sondern im Waldhaus Grandsberg in Niederbayern statt. An einem Wochenende im Herbst 2017 spielte Ohta dort in abgeschieden intimer Atmosphäre ein Album zwischen glühender Romantik und abgeklärtem Witz ein.

Auch ohne sich in die Biografien zu verstricken, entfaltet dieses Album einen Zauber. Rein aus der Musik heraus und dank Ohtas klarer, gewitzter und immer empfindsamer Anschlagskultur. François Couperins "Rondeau Les Bergeries" wirkt in versöhnlich klassischer Form, sanft verziert und höchst transparent gespielt, etwa wie ein beruhigender Gegenpol zur Romantik. Toru Takemitsus klirrendes "Pause ininterrompue" geht hingegen eine eigenartig erfüllende Beziehung zu Ravels Sonatine ein.

Masako Ohta: Poetry Album; CD erschienen bei Winter & Winter, www.winterandwinter.com