Kino: "Resident Evil" Alice in Bunkerland

"Resident Evil" - Paul Anderson schickt die kämpferische Milla Jovovich zu den Zombies

Von HANS SCHIFFERLE

Tief unter der Erde wird die Büchse der Pandora geöffnet. Die Wissenschaftler, die dort arbeiten, in dem geheimen Labor eines Großkonzerns, sind von einem schrecklichen Tod bedroht, als der ultragefährliche, für militärische Zwecke konstruierte T-Virus von geheimnisvoller Hand freigesetzt wird.

(Foto: SZ v. 21.03.2002)

Auf der Erdoberfläche, in einer europäisch-dekadenten Villa, erwacht eine schöne Frau namens Alice, verstört unter der Dusche liegend. Sie weiß nicht, ob sie aus einem Traum erwacht ist oder mit offenen Augen in einen neuen Traum eintaucht, einem absoluten Albtraum.

Eine traumhafte Atmosphäre beschwört Paul Anderson gleich zu Anfang seines neuen Films, der auf dem Videospiel von Shinji Mikami und Yoshiki Okamoto beruht. "Resident Evil", in Potsdam, Berlin und London gedreht, ist ein Sci-Fi-Puzzle über Traum und Wirklichkeit und diesen filmischen Moment des Erwachens, in dem Erkenntnis und Geheimnis, Angst und Hoffnung ein seltsames Spannungsverhältnis eingehen.

Die Villa, so stellt sich bald heraus, ist das Portal zum unterirdischen Laboratorium. Ein Kommandotrupp, der in die Villa eindringt, nimmt Alice mit auf einen Trip in diese Unterwelt. Man will sich Gewissheit verschaffen über die Vorkommnisse im Labor, dem so genannten Hive. Und Alice selbst will sich Gewissheit verschaffen über ihre eigene Rolle, über ihre Vergangenheit. Mit einer Art U-Bahn rast der Trupp hinunter in die Tiefe, wo das Grauen wartet. Die Mitarbeiter des Hive scheinen tot zu sein. Und doch schlagen sie wieder die Augen auf, sie mutieren zu blutrünstigen Zombies.

Paul Anderson spielt recht geschickt mit den Zuschauererwartungen bei der anstehenden tour de force durch die unterirdische Station. Anführer des Trupps ist ein Farbiger namens One. Genre-Kenner wissen seit Romeros Zombie-Filmen, dass vor allem farbige Männer Kompetenz haben und im Kampf mit den Untoten einer pervertierten Zivilisation bestehen können. Doch One gerät als erster in eine ganz dumme, fast aussichtslose Situation. Es sei vorweggenommen: Beinahe alle Männer, ob gut oder schlecht, tapfer oder feige, erweisen sich in "Resident Evil" als recht schwach und blass. Die Frauen sind die Heldinnen. Bei dem pragmatischen und toughen Kampfgirl Rain, die von Michelle Rodriguez gespielt wird, übertreibt es Anderson ein wenig. Rains allzu coole Sprüche wirken manchmal aufgesetzt und penetrant. Alice jedoch, verkörpert von Milla Jovovich, zieht in Bann. Weil sie eine gebrochene Heldin ist, teils Amazone - die den Zombies und, in einer grimmigen Sequenz, selbst untoten Dobermann-Hunden kampflustig entgegentritt -, teils staunendes Girl, das das Geschehen und die eigenen Aktionen skeptisch betrachtet.

Jovovich spielt die Alice ganz vorzüglich: als schillernden noir-Charakter, der auf durchdringende und auch glamouröse Weise versehrt und verloren erscheint. Die Erkundung des Hive mit all seinen Phantomen, den Untoten, Computer-Hologrammen und Verrätern, das ist auch die Erkundung von Alices Psyche. Milla Jovovich sagt, sie habe sich ein Zitat aus "Alice im Wunderland" in ihr Script geschrieben, das ihren Charakter genau umreißen würde. Sie könne nicht zurückkehren an die Erdoberfläche, heißt es darin, solange sie nicht wüsste, wer sie sei.

Neben der Poesie von Lewis Carroll haben Paul Anderson wohl vor allem die geradlinigen Filme von John Carpenter inspiriert. Sein "Ghosts of Mars" weist einige Parallelen zu "Resident Evil" auf: eine Kämpferin als Hauptfigur, bedrohliche Zugfahrten durch das Nichts und die Wiederentdeckung der Zombies. Die Untoten erleben gerade ein Revival, nicht nur in Genrefilmen. Auch Ridley Scotts Kriegsfilm "Black Hawk Down" oder Roy Anderssons schwedischer Kunstfilm "Songs From the Second Floor" sind in bestimmter Hinsicht Zombiefilme. Eine allgegenwärtige, bedrohliche Verunsicherung spiegelt sich in der Wiederbelebung dieses apokalyptischen Subgenres des Horrorfilms wider. Was "Resident Evil" am Rande selbstironisch antippt, auch einen bizarren, uns satirisch erscheinenden Auftritt von Heike Makatsch als alternativem Zombie: das sind die Gefahren einer losgelösten Welt nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs.

Der unterschätzte Action-Regisseur Anderson, der seit seinem Debüt "Shopping" düstere Zukunftsszenarien entworfen und in "Event Horizon" oder "Soldier" Selbstzerstörung und Nihilismus inszeniert hat, lässt die Frage lange offen, ob die orientierungslose Alice selbst ein Zombie ist oder eine Retterin. Die klaren, hellen Augen von Jovovich, diesen Blick, der alle Ebenen dieses Kino-Spiels durchdringen will, wird man so schnell nicht vergessen. RESIDENT EVIL, D/USA 2002 - Regie u. Buch: Paul Anderson. Kamera: David Johnson. Musik: Marco Beltrami, Marilyn Manson. Executive Producer: Bernd Eichinger. Mit: Milla Jovovich, Michelle Rodriguez, Eric Mabius, James Purefoy, Heike Makatsch. Constantin, 95 Min.