Kino: "Alter und Schönheit" Steht ein Ferrari vor dem Sterbeheim

Auch die ewigjungen Achtundsechziger altern: Manni hat Krebs und will seine Freunde von damals nochmal sehen - vor allem eine ganz besondere Dame.

Von M. Knoben

Steht ein Ferrari vor dem Sterbeheim. Das könnte auch ein Witz sein, erinnert an den Manta vor der Uni, weil es scheinbar Unvereinbares zusammenbringt: einen Inbegriff des Möglichen mit dem ultimativ Unausweichlichen, das Versprechen von Rausch und Geschwindigkeit mit dem gedrosselten Leben auf der Krebsstation. Am Ende geht es ganz einfach um die Tatsache, dass auch die ewigjungen Achtundsechziger altern.

Der Besitzer des Ferrari heißt Manni und liegt todkrank im Hospiz; Peter Lohmeyer spielt ihn kaum erkennbar hinter einem graumelierten Vollbart. Seine Freunde Justus (Burghart Klaußner), Bernhard (Armin Rohde) und Harry (Henry Hübchen) besuchen ihn; die Männer haben sich lange nicht gesehen.

"Alter und Schönheit" hat Michael Klier seinen Film genannt, auch das eine unpassend wirkende Verbindung. In den todernsten Plot trägt die Besetzung etwas erfrischend Unernstes hinein. Alles wirkt überraschend luftig, leichter als Kliers frühere Arbeiten wie "Ostkreuz" oder auch "Heidi M.". Die prominenten Darsteller schaffen Distanz, weil man als Zuschauer Rolle und Person nie ganz in eins setzt. Und vor allem die Vollblutkomödianten Rohde und Hübchen, aber auch Klaußner und der zwangsläufig verhalten agierende Lohmeyer definieren ihre Figuren über eine immer wieder auch komische Körpersprache.

Rohde verkörpert Bernie als biederen Dicken, der die Aktentasche des Lehrers wie ein Schutzschild vor dem Bauch trägt. Mangelnde Virilität gleicht er durch eine forcierte Kumpelhaftigkeit aus. Hübchen ist der Frauenheld mit den ausholenden Gesten des Aufschneiders und ewig Unentschlossenen. Via SMS versucht er, Frau und Geliebte gleichermaßen bei der Stange zu halten und verliert am Ende beide. Klaußner schließlich spielt den erfolgreichen Fernsehregisseur, stets unter Hochspannung, der seine Hände kaum vom Handy nehmen kann. Zwei Frauen und vier Töchter hat er zu versorgen und empfindet sich selbst nur noch als Geldmaschine.

Dass das öffentliche Bild der Darsteller so ausgeprägte Konturen aufweist, passt zu den Männern, die sie verkörpern, deren Lebensprofile ebenfalls fest umrissen sind. Frauen, Kinder, Geldverdienen, eventuell eine Geliebte, da bleibt keine Zeit für Spielereien. Die meisten Männer, dies ist eines der Themen von Kliers Film, sind ab einem gewissen Alter ziemlich festgelegt, zudem ist diese Männergeneration emotional eher blockiert.

Bei Frauen ist das anders, wie Sibylle Canonica als Rosi demonstriert. Sie war einst die Königin dieser Clique und Mannis Freundin. Manni will sie vor seinem Tod noch einmal sehen. In einem etwas schäbigen Wohnblock spüren die Freunde sie auf. Sie hat einen Vorderzahn verloren und sieht insgesamt etwas abgewirtschaftet aus. Ihren spröden Zauber, ihre Unabhängigkeit und Rätselhaftigkeit aber hat sie nicht verloren. Das Versprechen des Filmtitels löst allein schon diese Frauenfigur ein.

Gekommen, um zu sterben

Der Ferrari vor dem Sterbeheim bedeutet auch Road-Movie und Kammerspiel. Staufahrten durch Berlin und charmant ausgelassene Ausflüge der Freunde mit Mannis Ferrari wechseln sich mit der Enge von Mannis Sterbezimmer und der Campingatmosphäre in dessen Villa ab. Dabei gelingen gelassen herausgearbeitete, subtil gespielte Skizzen: Wie begrüßen sich Männer, die sich ewig nicht gesehen haben, aber einmal beste Freunde waren? Wie bewegen sie sich in einer Einrichtung, in der sich jeder Bewohner nur aufhält, um zu sterben? Bei solchen Szenen zeigen Kliers Darsteller ihre Klasse.

Klier hat schon früher seine Filme aus Orten heraus entwickelt. In "Alter und Schönheit" sind es wieder Transiträume, in denen er seine Geschichte ansiedelt: der Flughafen, wo der Film mitten in der Bewegung beginnt, das Hospiz, eine Parkgarage, die Straßen Berlins, selbst Mannis Villa erscheint als Durchgangsstation. Sie ist - mit Pool, Torschussmaschine und einer beeindruckenden Plattensammlung - ein Spielplatz für große Jungs.

Bei den drei Freunden stellt sich denn auch bald Urlaubsstimmung ein, zumal Rosi ein altes Haschischversteck findet. Beim Wühlen in Mannis Zeug taucht außerdem ein alter Schwarz-Weiß-Film mit dem Titel "Ferrari" auf, der den Traum vom schnellen Leben und die Aufbruchsstimmung im Deutschland der Sechziger illustriert. Michael Klier hat ihn selbst inszeniert, 1965, mit einem coolen jungen Helden, schönen Frauen, Sportwagen und jugendlichem Trotz. Die Poesie der Nouvelle Vague ist in diesem Kurzfilm zu spüren.

Die Utopie von damals blüht in der WG in Mannis Villa kurz wieder auf. Und als Rosi schließlich bekifft ausruft "Ihr seid so schöne Männer!", da stimmt das plötzlich wieder. Charmant hat Klier das inszeniert, mit Bildern von Sophie Maintigneux, seiner Stammkamerafrau, die immer wieder im Spätsommerlicht strahlen. Dazu gibt es Reminiszenzen an Doris Dörries' "Männer" - ein Affenkostüm! - und den im Pool dümpelnden Dustin Hoffman der "Reifeprüfung". Eine Art Reifeprüfung sind diese Tage tatsächlich für die Freunde.

"Man kann doch immer wieder neu beginnen", sagt Bernhard einmal. Am Ende ist dann aber doch alles schneller aus, als man gedacht hätte.

ALTER UND SCHÖNHEIT, D 2008 - Regie, Buch: Michael Klier. Kamera: Sophie Maintigneux. Schnitt: Katja Dringenberg. Mit: Henry Hübchen, Burghart Klaußner, Armin Rohde, Sibylle Canonica, Peter Lohmeyer. X-Verleih, 95 Min.