Kießling-Affäre Das zweite Leben des Geheimdienst-Informanten

Udo Erlenhardt, ehemaliger Chefredakteur des ersten deutschen Schwulenmagazins "Du", war eine schillernde Figur in der Affäre um den Bundeswehr-General Kießling 1984. Jetzt leitet er mit neuer Identität ein rumänisches Kinderheim - als selbst ernannter Pater.

Von Martin Zips

Udo Erlenhardt - General Günter Kießling erinnert sich an diesen Namen. Es müsse mit der ¸¸berufsbedingten Oberflächlichkeit" von Journalisten zusammenhängen, dass sie damals ihre Recherchen auf ¸¸so eine Randfigur" stützten, sagt Kießling, 80. Aber die ganze Affäre sei ja nun schon ein paar Jahre her. Er werde sich hüten, etwas über seine Befindlichkeit an diesen Tagen zu erzählen. Vorbei ist vorbei. Nur so viel: ¸¸Es tauchten damals viele dubiose und teilweise vorbestrafte Gestalten auf. Wie konnte sich eine Bundesregierung eines freiheitlichen Rechtsstaates mit solchen Leuten einlassen?"

Deutschland im Jahr 1983: Viersternegeneral Günter Kießling wird - zunächst ohne Angaben von Gründen - zum 31. Dezember vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Im Januar "84 heißt es, er sei wegen seines Umgangs in der Homosexuellen-Szene ein Sicherheitsrisiko für die Bundeswehr. Kießling wehrt sich gegen die Vorwürfe, Verteidigungsminister Manfred Wörner aber beruft sich auf Erkenntnisse des Militärischen Abschirmdienstes. Medien nennen Zeugen für Besuche Kießlings im Kölner Schwulentreff ¸¸Tom Tom". Einer von ihnen ist Udo Erlenhardt, ehemaliger Klosternovize und Gastwirt, dann Chefredakteur des ersten deutschen Schwulenmagazins Du und ich und Mitarbeiter einer Holding, zu der auch das Lokal ¸¸Tom Tom" gehört. Bald wird klar: Die Vorwürfe gegen General Kießling lassen sich nicht halten. Wörners Ministersessel wankt, Kanzler Kohl übernimmt die Verantwortung. Auf die Wiedereinstellung des Generals folgt eine Ehrenerklärung und die Verabschiedung zum ursprünglich vorgesehenen Zeitpunkt mit allen militärischen Ehren. Ein Untersuchungsausschuss wird eingesetzt. Kießling erhält einen Lehrauftrag an der Universität Erlangen, schreibt Bücher und Fachartikel - zum Beispiel zum Thema ¸¸Der Christ als Soldat". Udo Erlenhardt verschwindet spurlos.