Karajan-Film zum 100. Geburtstag Auf offener Bühne

Dass er die Berliner Philharmoniker für einen Film Playback spielen ließ, haben sie ihm nie verziehen. Aber Herbert von Karajan war nun einmal Perfektionist der Extraklasse. Zum Geburtstag drehte das ZDF einen Karajan-Film.

Von Christopher Keil

Einmal hört man ihn doch ein wenig klagen: Er wäre lieber 20 Jahre später geboren. Er hätte zu gerne erfahren, was der technische Fortschritt ihm und der Musik für Möglichkeiten der Darstellung eingeräumt hätte.

Ein Magier des Klangs

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Andererseits war er dankbar, dass die Technik seiner Zeit schon so weit war, um alle diese vielen Symphonien und Opern, die er dirigierte, in nahezu perfekter Klangqualität zu speichern. Und es gab ja den Film, dem er Ende der sechziger Jahre die klassische Musik zuführte. Drei Monate saß er dann im Schnitt, wenn Regisseure wie der Franzose Henri-Georges Clouzot ein Verdi-Requiem inszenierten. Er wollte ja nicht nur, dass es schön klingt. Es musste auch schön aussehen. Dafür ließ er die Berliner Philharmoniker Playback spielen, was die ihm wie vieles andere nie richtig vergeben haben.

So war er: Herbert von Karajan. Der Name Herbert von Karajan klingt heute, 20 Jahre nach seinem Tod, wie der Titel einer Beethoven-Symphonie. An diesem Wochenende wäre er 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Grund bekam der Regisseur Robert Dornhelm - der für das ZDF zuletzt Tolstois "Krieg und Frieden" als vierteiliges Fernsehspiel drehte - den Auftrag, Karajan für das ZDF zu porträtieren.

Sein Film verarbeitet Zeitzeugen, persönliche Gespräche, Proben und Konzertmitschnitte. Es gibt keinen Off-Sprecher und damit keine Analyse. "Karajan - Oder die Schönheit, wie ich sie sehe" ist wie eine offene Bühne, wie eine Philharmonie, in der Menschen Musik hören, die ihnen auf unterschiedliche Weise etwas bedeutet.

So ist zu erfahren, dass dieser kleine Mann, der in der NSDAP war und es wie viele der Mitläufer vergessen hatte, "der Größte" gewesen sei, "die Wiedergeburt des Renaissancemenschen", "ein Machiavelli mit der Seele eines Kindes", "ein verschlossener Charakter", "ein Vogel, der fliegt und die Welt aus anderer Perspektive sieht".

Die, die zu Wort kommen, haben sich ihm auf vielfältige Weise hingegeben, aber nicht vereinnahmen lassen - dafür haben sie wohl zu sehr unter seine Autorität, seiner Rigorosität, seiner fanatischen Disziplin gelitten. Das beste Gefühl für Karajan bekommt man in einer Sequenz, in der Dornhelm zwei Orchesterproben gegeneinander schneidet. Die eine leitet Karajan, die andere sein amerikanischer Kollege Leonard Bernstein. Bernstein ist emotional, Karajan kontrolliert. Bernstein regt sich bei Fehlern auf, Karajan wird persönlich. "Bernstein war Musik", wird gesagt, "Karajan machte Musik."

Karajan war der erste multimediale Klassik-Star, ein divenhafter Controllfreak, dabei öffentlichkeitsscheu. Er fuhr immer als Letzter mit der Limousine vor und stieg aus dem Fond direkt auf die Bühne. Er steuerte seine Flugzeuge und Yachten selbst. Er liebte seine Töchter, jedenfalls liebten seine Töchter ihn, er glaubte daran, dass der einzelne nichts zählt, wie er sagte, und das "künstlerische Institut alles".

Der einsamste Mensch

Orchester mussten dienen, mussten seine geniale Klangwelt füllen, aber er schätzte sie. Er lernte Partituren früh um vier. Die Perfektion entsprach seinem Naturell. So blieb er musikalisch werktreu und konnte sich für einen Straßenkehrer begeistern, wenn der mit Leib und Seele den Besen einsetzte. Herzlich war er nicht, aber gewinnend, so er wollte, zuweilen war er freundlich. Er hatte im Leben nur die Musik, er sei der einsamste Mensch gewesen, den sie gekannt habe, sagte die Sopranistin Gundula Janowitz

Leo Kirch gründete einst die Firma Unitel, nur um mit Karajan Musikfilme zu produzieren. Zwölf sind es geworden. Das Material der Unitel ist die Basis für diesen sehenswerten einstündigen Film, der in einer 90-minütigen Fassung in die Kinos kommt.

Karajan - Oder die Schönheit, wie ich sie sehe, ZDF, Sonntag, 23.40 Uhr.