Kanye West: "Graduation" Mehr als gewalthungrige Zuhälter

Das neue Album des Rappers Kanye West erweitert die Grenzen des Hip-Hop - und seiner eigenen Egomanie. Mit "Graduation" fordert er 50 Cent zum Verkaufszahlen-Duell - das dieser wohl verlieren wird.

Von Jonathan Fischer

Ein großäugiges Bärchen mit Goldkette fliegt durchs All. Hinter ihm ein quietschbuntes Raumschiff, das offensichtlich eine Universität darstellen soll. Cool? Vor ein paar Jahren hätte man die Idee, ein Hip-Hop-Album mit diesem Cover zu verkaufen noch für kommerziellen Selbstmord gehalten.

Und so mancher Rap-Fan wird wohl immer noch eine blickdichte Tüte mitnehmen, sollte er sich "Graduation", das neue Album von Kanye West, zulegen. Nicht nur weil dessen vom japanischen Comic-Künstler Takashi Murakami gestaltete Graphik eher an verkitschte Kinderzimmer erinnert denn an die genretypischen Stretchlimousinen, Straßengangs oder Stripclubs.

Sondern schon wegen des Titels: Fast streberhaft präsentiert Kanye West das dritte Album seiner mit "College Dropout" und "Late Registration" gestarteten Trilogie: als Schulabschluss. Weiß man aber, wie wenig Schulzeugnisse in den Ghettos etwa im Vergleich zu Haftentlassungsscheinen oder gar Crack-Dollars zählen, ahnt man, wie weit der Chicagoer Produzent und Rapper sich aus dem Fenster namens Hip-Hop lehnt. Einer Musikrichtung, in der immer noch der Code der Straße regiert. Und das Lob "the baddest motherfucker" nur selten dem Kunst-Streber gilt.

Bisher ließ sich West noch fest in der schwarzen Popgeschichte verorten: Gut, er hatte sich mittels beschleunigter Helium-Stimmen einen Markensound zugelegt, schnipselte seine Beats auf unorthodoxe Weise zusammen und rappte schon mal über solch Un-Themen wie Jesus, Blutdiamanten und einen dank Sicherheitsgurt überlebten Autounfall.

Gleichzeitig aber sprach er für einen vernachlässigten Teil Afroamerikas. In seinen Songs zitierte er Klassiker des Soul von Curtis Mayfield, Ray Charles bis Gil Scott-Heron, er sampelte Gospelchöre und spiegelte so die zerrissene Seele der afroamerikanischen Mittelschicht wieder: Irgendwo zwischen Luxuswahn und politischem Sendungsbewusstsein, geplagt von Selbstzweifeln.

Das wirkte wie eine Erlösung: Dank Kanye West brauchte sich niemand mehr für sein rosa Polohemd oder den sonntäglichen Kirchenbesuch zu schämen. Hip-Hop hatte mit ihm seine weiche, feminine Seite entdeckt. Musikalität statt Muskelprotzerei. Und die Zukunft leuchtete in Soul-Rosa.

Jesus und Blutdiamanten

Nun aber outet sich das Bärchen endgültig als Snob. Ein Hipster, dessen Eklektizismus kaum noch Hautfarben oder Stilgrenzen kennt: So klaut sich West seine Melodiefragmente und Refrains bei Steely Dan und Elton John und bedient sich für "Drunk & Hot Girls" gar bei den Krautrockern Can.

Ein Video zu seiner Hitsingle "Can't Tell Me Nothing" ließ der Rapper vom alternativen Komiker Zach Galifianakis auf dessen Farm in North Carolina drehen: Mit Galifianakis als singendem Traktorfahrer. Der Komiker wird von Indie-Rocker Will Oldham und einer Truppe von Holzschuhtänzern begleitet. Wer sich das traut, rechnet nicht mit dem Applaus der Straße.

Und doch: Die Position des kunstsinnigen Außenseiters hat West nie interessiert. Er möchte Millionen verkaufen, die Krone des Mainstreams an sich reißen. In einer Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn hat er den Veröffentlichungstermin von "Graduation" auf den 11. September geschoben.

Denselben Tag, an dem 50 Cent sein neues Album "Curtis" herausbringt. Eine Kampfansage, die 50 Cent umgehend angenommen hat: "Wenn ich in der ersten Woche weniger Alben verkaufe als Kanye West", donnerte der Gangsta-Rapper, "werde ich nie wieder ein Soloalbum aufnehmen."

Sein Siegesbewusstsein war berechtigt: 50 Cents finster stampfende Ghetto-Possen hatten sich in der Vergangenheit weit besser verkauft als Wests elegisch schwelgender Soul. Doch wer sagt, dass sich das Hip-Hop-Publikum nicht weiterentwickeln würde?

Nach einer knappen Woche, die die beiden Alben nun im Regal stehen, sieht es ganz danach aus, als ob 50 Cent von seiner Plattenfirma Interscope bald die symbolische goldene Uhr überreicht bekäme. Denn "Curtis" liegt weit hinter den 930 000 verkauften "Graduation"-Alben zurück.

Und West könnte an seine prophetischen Worte aus dem Jahr 2005 erinnern: "Die Plattenfirmen glauben, RapFans sind ignorant, dass sie keine Nahrung für die Seele brauchen. Aber ich pfeife auf Marktforschung." Tatsächlich bietet Kanye West der Welt mehr als Musik: Er hat gezeigt, dass Afroamerika noch andere Männlichkeitsideale bereithält als den gewalthungrigen Zuhälter - und Politik auch für die Generation Hip-Hop cool sein kann.

Nicht nur weil er zwischen dem Namedropping von angesagten Sneakers- oder Jeans-Marken immer wieder mal die Konsumgeilheit und Selbstverliebtheit des Hip-Hop thematisiert. Sondern auch weil er es 2005 als einziger prominenter Rapper wagte, den Präsidenten für seine zögerliche Hilfe nach Katrina im Fernsehen anzugreifen: "George Bush kümmert sich nicht um schwarze Menschen!"

Als Sohn eines Ex-Black-Panther-Aktivisten und einer Englisch-Professorin mag Kanye West zwar unter mangelnder Glaubwürdigkeit auf der Straße leiden. Aber gerade deshalb hat er das Zeug zum Innovator: Der ehemalige Designstudent ist nicht in den Straßenmythen von HipHop gefangen, bastelte Beats erst nur zur Untermalung von selbstproduzierten Videospielen - und fand jahrelang niemanden, der seine Raps aufnehmen wollte. Zu ehrgeizig. Zu kompliziert. Zu exzentrisch soulful.

Baustelle der Spleens

Das vermeintlich übergangene Genie rächt sich bis heute durch öffentliche Wutanfälle, wenn er bei Auszeichnungen leer ausgeht. Zuletzt bei den diesjährigen Video Music Awards in Las Vegas: "Gebt einem schwarzen Mann eine Chance!", schimpfte er einem Reporter ins Mikrofon.

"Graduation" aber zeigt, dass West nicht stehenbleibt. Der 30-Jährige schmiedet aus Niederlagen die Hits von morgen. Nachdem er bei den MTV-Awards 2006 gegen das französische Elektro-House-Duo Justice verlor, besorgte er sich unverzüglich dessen Musik: ein Einfluss, der sich einschließlich Keyboard-Sequenzen aus den Achtzigern und den gewohnt hochgestimmten Vokal-Samples, wie ein roter Faden durch das neue Album zieht.

Fantastisch etwa der Track "Stronger": West zerstückelt den Daft-Punk-Track "Harder, Better, Faster, Stronger", lässt dessen Synthesizer-Basslinien im Stop-And-Go-Verfahren seine manischen Raps anschieben, gibt zu düsterem Vocoder-Gerülpse den zweifelnden Liebhaber: "I can't get much wronger!"

Auch der von Steely Dans "Kid Charlemagne" geklaute Refrain von "Champion" oder das Michael-Jackson-Sample auf "Good Life" entfalten im Zusammenspiel mit Kanye Wests ornamental-verspielten Beats ganz neue Reize.

Immer noch hat der Produzent ein untrügliches Gespür für ohrwurmige Refrains: Ob in dem Elton-John-inspirierten Opener "Good Morning", der Straßen-Hymne "Can't Tell Me Nothing" oder dem melancholischen Sing-Sang auf "Everything I Am". Auf "Homecoming" darf gar Chris Martin von Coldplay zu einem poppigen Pianoriff singen.

"Stadium status", kommentiert Kanye West anschließend. Er möchte raus aus der engen Hip-Hop-Ecke, Melodien für Millionen produzieren, den selbstzweifelnden Nerd hinter sich lassen. Kein Wunder also, wenn er Justin Timberlake und Quincy Jones als seine Referenzen zitiert.

Keine Blutdiamanten-Schelte

Doch was bietet West abseits von den musikalischen Spielereien auf seinem neuen Album? Es ist sein bisher düsterstes Werk - und gleichzeitig sein unpersönlichstes. Gut, er lamentiert auf dem nach dem schwarzen Baseball-Rekordspieler "Barry Bonds" genannten Track zu finster dräuenden Synthesizern über seinen "zu groß gewordenen Kopf", zitiert en passant Jesus und sein Idol Jay-Z.

Ansonsten bleiben seine Lyrics relativ vage: immer noch witziger und bekenntnisreicher als die Floskeln eines 50 Cent zwar, aber für Kanye Wests Verhältnisse doch enttäuschend. Zumal ihn wohl niemand auf die Liste der 100 größten Rapper setzen wird.

So wirkt "Graduation" oft wie eine unfertige Baustelle: wie ein Versuch, neue Spleens und Stile in die alte Architektur zu integrieren. Dabei geht dem Baumeister die Dringlichkeit seiner vorigen Werke verloren: keine Jesus-Walks-Vision eines mit Drogendealern und Huren wandelnden Messias. Keine Blutdiamanten-Schelte.

Und wenn schwarze Geschichte auftaucht, dann meist nur als Wortspiel im Dienst des eigenen Egos: "I'm like the Malcolm X of fly / buy any jeans necessary".

Ist das wirklich die Zukunft des gerade an einer eigenen Modelinie laborierenden Rappers? Vielleicht sollte das Bärchen doch noch mal retour fliegen: zurück zum Universitäts-Raumschiff, und ein, zwei Semester nachsitzen. Wie hat doch noch West, der oft Hunderte Dollars in Buchläden für neue Kunst- und Architektur-Bände lässt, selbst bekannt: "Wozu ich das größte Talent habe? Zu lernen!"