Julie Delpy in Concert Mit Mademoiselle die Nacht verbracht

Die französische Schauspielerin Julie Delpy hat eine ganze Slacker-Generation mit ihrem nach Rosen duftenden Lächeln bezaubert. Genau diese Julie Delpy singt nun in Hamburg über schlechten Sex.

Von MARC FISCHER

Der junge Mann ist etwas über dreißig und frischverlobt, das erste Kind ist im Anmarsch, wie man sagt, doch an diesem Abend will er einfach nur raus, mit den Freunden von damals. Er packt Ratze, Nullmann und den Signore in den Wagen und fährt los, in Richtung Reeperbahn. Es ist völlig klar, dass sie heute Abend Mädchen sehen wollen, andere als die, die sie jeden Abend sehen.

Das Pin-Up der so genannten Slacker-Generation, Julie Delpy, singt nun auch.

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"Puff?" fragt Nullmann, der von Romantik und Gefühl seine eigenen Vorstellungen hat, aber er wird niedergebrüllt von einem anderen, der sagt: "Julie Delpy spielt heute Abend in der Stadt."

"Theater? Etwas von Molière?"

"Nein, Gitarre."

Der junge Mann denkt: Julie Delpy, die hübsche französische Schauspielerin, die du Mitte der Neunziger in dem Film "Before Sunrise" gesehen hast, wo sie mit Ethan Hawke durch Wien spaziert? Die Julie Delpy aus "Killing Zoe", einem der besten Gangsterfilme aller Zeiten? Verdammt nochmal, fragt sich der junge Mann, warum habe ich nichts davon mitgekriegt, dass sie jetzt auch Lieder schreibt und gerade ihr Debütalbum herausgebracht hat?

Dann steht unser Mann da, in diesem Club auf der Hamburger Reeperbahn. Der Laden ist voll, und schon nach ein paar Minuten geht das Deckenlicht aus, und auf der Bühne erscheint ein Mädchen, so wunderschön, wie man es selten gesehen hat: Sie trägt ein weißes Hemd mit einem schwarzen Schlips, dazu eine fast zu enge Röhrenjeans und an den Füssen gelbe Pumps, und sie stehen ihr hervorragend. Am besten aber steht ihr, was kein Designer hinkriegt: ihr Mund, ihr Lächeln. Ein Lächeln, bei dem die Sonne nicht auf, sondern die Welt untergeht, weil die Welt weiß, dass sie so einem Lächeln nichts ebenbürtig Perfektes entgegenzusetzen hätte: Kein Abendrot, keine Kirschblüte, kein Apfelkuchen leuchtet so wie das Lächeln von Julie Delpy.

Auch vor der Bühne ist alles so, wie es bei Mädchen, die eine Gitarre in der Hand halten, sein sollte: Jungs, viele Brillenträger, drängeln sich, werden fast ungehalten, wenn ihnen ein größerer die Sicht nimmt. Es sind Typen, die damals, zu "Before Sunrise"-Zeiten, ein Bild von Delpy an der Wand hängen hatten, auf dem sie ihren Kopf in die Hände stützte und so aussah, als würde sie gleich über Wittgenstein reden wollen. Das war die Delpy damals: Ein Pin-Up der so genannten Slacker-Generation - der letzten Jugend unserer Zeit, die sich weder über zu viel noch über zu wenig Geld Gedanken machen musste und statt dessen einfach nur reden durfte, ununterbrochen, so wie Hawke und Delpy in "Before Sunrise": über Filme, Musik, Verschwörungstheorien, ja sogar über Gott und das Schicksal und all diese Dinge. Die Zeit mit Delpy war die Zeit der halbintellektuellen, etwas besinnungslosen Seligkeit - eine schöne Zeit.

Delpys Band, zwei Gitarristen, Bassist und Schlagzeuger, sieht aus wie innerhalb von zwei Stunden am Pariser Gare du Nord zusammengekratzt. Aber das stört nicht weiter. Denn als Delpy sich die Akustikgitarre umhängt und ein paar Akkorde zu zupfen beginnt, verschwinden die Musiker mit den Wollmützen und den Punkrock-T-Shirts im Hintergrund. Es ist Delpy, die den Raum beherrscht, wenn sie "Good evening!" sagt oder "Das nächste Lied, das ich für euch spielen werde, handelt von meinem Exfreund, der ein Idiot ist." Das ist Charme, das ist Savoir Faire, denkt der junge Mann und fragt sich, ob man irgendwo Champagner bestellen kann. Doch dann hält er inne: Irgendetwas stimmt hier nicht, was könnte das sein?

Es ist die Musik. Während die ersten Songs auf der Akustikgitarre noch etwas Niedliches haben und man erfreut ist über die Präsenz der Delpy, beginnt die Band bald zu rocken, und mit dem Rock wird klar, dass die Lieder, die Delpy geschrieben hat, nichts Besonderes sind. Es sind im besten Fall Skizzen, eine unfertige Mischung aus Folk, College-Rock, bei Nick Cave oder Anne Clark abgegucktem New Wave und einem Riesenhaufen Befindlichkeitslyrik über schlechten Sex und schlechte One-Night-Stands, deren autobiografische Hintergründe Delpy zu jedem Lied noch erläutert, so als traue auch sie ihren Liedern nicht. Will ich wissen, wie viel schlechten Sex und wie viele schlechte One-Night-Stands Julie Delpy in ihrem Leben gehabt hat?, überlegt der junge Mann und wird ein bisschen traurig über das traurige Leben der schönen Delpy. Gerne würde er ihr sagen, statt in der Musik solle sie lieber mal wieder in einem Gangsterfilm mitspielen oder in "Before Sunrise II" über Hexenmystik reden, den sie mit Ethan Hawke gerade in Frankreich abgedreht hat. Die Musik kann doch ein Hobby bleiben!

Unser junger Mann, Detektiv der Nacht, sieht in die Gesichter seiner Freunde und weiß: Sie denken dasselbe - eine gute Schauspielerin und ein bezauberndes Mädchen hat sich hier irgendwie verrannt. Sie macht Kleinkunst in der Musik, während sie doch eigentlich Grosskunst im Film machen könnte.

"Ich liebe sie, aber von mir hätte sie keinen Plattenvertrag bekommen", sagt Ratze.

"Ihr bester Song ist ihr Lächeln", sagt der Signore den poetischsten Satz des Abends.

Nur Nullmann, der am Anfang den Puffbesuch vorgeschlagen hatte, ist begeistert: "Soviel Sex in Stimme und Text - fast habe ich das Gefühl, als hätte ich mit der Mademoiselle die Nacht verbracht."

Nächste Termine: 19.1., Frankfurt, Mousonturm; 21.1., Erlangen, E-Werk; 22.1., München, Muffathalle; 23.1., Schorndorf, Manufaktur