Journalisten mit Nazi-Vergangenheit IM Deutschland

Wie sein ehemaliger Mitarbeiter Klaus Harpprecht berichtet, sorgten ausgerechnet die Nazi-Verfolgten Willy Brandt und Herbert Wehner dafür, dass Wirsing von den SPD-nahen Zeitungen trotz seiner Vergangenheit geschont wurde. Aber schließlich hatte Bundeskanzler Adenauer 1952 höchstpersönlich zur Wiederverwendung der NSDAP-Mitglieder erklärt: "Man kann doch ein Auswärtiges Amt nicht aufbauen, wenn man nicht wenigstens zunächst an den leitenden Stellen Leute hat, die von der Geschichte von früher her etwas verstehen."

Als 1962 der damalige Verteidigungsminister Strauß den Spiegel überfallen ließ, sah Sebastian Haffner daher bei den herrschenden Schichten und Institutionen die nämliche "Charakterlosigkeit" am Werk, die Hitlers Machtergreifung im Februar und März 1933 geduldet und mitgetragen hatte - "wobei es", wie der zurückgekehrte Emigrant in einem Beitrag für die Süddeutsche formulierte, "die Dinge nicht besser macht, dass es sich manchmal noch um dieselben Personen handelt". Haffner wusste, von wem er auch sprach; er war Mitarbeiter von Christ und Welt.

Ein bisschen pornographische Propaganda

Henri Nannen konnte er nicht meinen, weil der sich sofort mit Rudolf Augstein und dem bedrängten Spiegel solidarisiert hatte. Dennoch war Nannen einer von denen, die von der Sache von früher her besonders viel verstanden. Auch er kam aus der hohen Schule der Nazi-Propaganda. In einem Stern-Heft, das 1996 zu seinem Tod erschien, wird sein selbstloser Einsatz für Volk und Vaterland etwas arg knapp wie folgt zusammengefasst: "1939-1945 Kriegsdienst bei der Luftwaffe".

Ja, ein Flieger war er auch, schließlich lockte der "Rote Baron" eine ganze Generation, es ihm gleichzutun. Vor allem aber hatte der begnadete Journalist Henri Nannen in Berlin zur SS-Standarte "Kurt Eggers" gehört und in Oberitalien beim Südstern an antisemitischer und ein bisschen pornographischer Propaganda gegen den anrückenden Feind mitgewirkt. (Die Blätter sind nicht verloren gegangen; ein Teil der Serie findet sich heute in der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek.)

Als sich deshalb im Juni 1960 beim Stern-Chefredakteur ein Willem Sassen meldete, wird Nannen sich an die schönen gemeinsamen Tage bei der Propaganda-Kompanie erinnert haben. Der holländische SS-Mann Sassen ("Unsere Front ...ist dünn besetzt, aber tief gestaffelt") war bei Kriegsende in Belgien in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden, hatte aber fliehen und sich in Argentinien eine neue Existenz als revanchistischer Autor aufbauen können.

Das Erbe der Nazis

In Buenos Aires hatte der sprachgewandte Sassen die Memoiren eines SS-Kameraden aufgezeichnet, den es zunehmend schmerzte, wie gering seine Rolle bei der "Endlösung der Judenfrage" geschätzt wurde. Als der Mossad diesen Adolf Eichmann ergriff und nach Israel brachte, reiste Sassen sofort nach Deutschland und verkaufte das Typoskript ihrer vertrauten Gespräche an den Stern. Der Stern druckte sie zwar nicht, machte sich aber so seine Gedanken.

Mit einem Mal vernahmen die bis dahin mit Unterhaltung verwöhnten Leser politische Töne vom Chefredakteur. "Zumindest in einem Punkt gerät der Staat Israel jetzt in die Gefahr, das Erbe der Nazis anzutreten", schmetterte Nannen und meinte die Tatsache, dass der Kriegsverbrecher Eichmann gegen seinen Willen aus Argentinien entführt worden war.

Auch in weiteren Artikeln bewies Nannen, dass er die Kunst der Propaganda ganz wie früher beherrschte. Er zeigte den "Lieben Sternlesern!" ein Bild von Eichmanns Jüngsten, dem vierjährigen Ricardo, der, einen Hund im Arm, auf die Rückkehr seines Vaters wartet, und daneben, kleiner allerdings, das Bild zweier ermordeter jüdischer Kinder. Von der "deutschen Schuld", die jetzt "noch einmal in aller Breite aufgerollt wird", schrieb der Chefredakteur und wusste auch warum: "Daran könnte Israel gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt interessiert sein, weil eine solche Demonstration die Bundesrepublik moralisch verpflichten müsste, die demnächst auslaufenden Wiedergutmachungsleistungen an Israel fortzusetzen."

Überprüfung fand nicht statt

Der israelische Geschäftsträger in der Bundesrepublik intervenierte zwar deshalb beim Stern-Verleger Gerd Bucerius, doch schien es in der guten alten Adenauer-Republik niemanden zu stören, dass ein ehemaliger Hitler-Besinger dem Staat Israel Nazi-Methoden vorwarf.

Holzamer, Reinecker, Höfer, Wirsing, Nannen sind gestorben. Von der Bloßstellung Höfers abgesehen sind die Kollegen recht verständnisvoll mit dem Karrierebeginn dieser Leitfiguren umgegangen. Auch ohne Stasi-Behörde war der kriegswichtige Propagandaeinsatz bekannt gewesen, eine Überprüfung fand nicht statt. Warum auch, wo es doch so viele waren?

Die Propaganda-Kompanie der deutschen Publizistik ist längst tot, aber der Krieg ist nicht vorbei. Am 23. Oktober kommt der Film "Anonyma - eine Frau aus Berlin" ins Kino. Die große Nina Hoss spielt die Titelrolle, spielt eine Frau, deren Name nicht mehr anonym ist. In ihrem Tagebuch schildert die Autorin, wie sie 1945 nach der Einnahme Berlins zu überleben versucht, berichtet vom täglichen Elend und der "Schändung", den Vergewaltigungen durch russische Soldaten. Das Buch erschien zuerst 1954 auf Englisch in New York, mit einem Nachwort des Bestseller-Autors C.W.Ceram, der dem Tagebuch einer Unbekannten Aufmerksamkeit zu verschaffen suchte, indem er seine Protagonistin zeitgerecht zum Opfer der "roten Apokalypse" stilisierte.

Überrascht es jemanden, dass dieser Ceram unter seinem richtigen Namen Kurt Wilhelm Marek bis 1945 ebenfalls Propaganda-Schriftsteller gewesen war? "Obwohl von der Niederlage Deutschlands vom ersten Tag an überzeugt, bewahrte mich das nicht vor der Teilnahme an den heftigsten Ereignissen", erläuterte er später in einer Selbstauskunft seinen Werdegang. "Ich war in Narvik, in der Nähe Stalingrads, im Kessel und wurde in Cassino verwundet." So kann man es natürlich auch sagen.

Der altvertraute Feind

Kriegsberichterstatter Marek ist berühmt geworden mit dem wehrkraftertüchtigenden Werk "Wir hielten Narvik" (1941). Noch 1943, dem Jahr der Niederlage von Stalingrad, feierte Marek in dem Bilderbuch "Rote Spiegel - Überall am Feind" die Ritterkreuzträger Hermann Görings. Egal. "Das Kriegsende brachte mir das große Atemholen", schreibt Marek weiter in seiner Eigenreklame, "das plötzliche Geschenk der intellektuellen Freiheit rief furiose Arbeitskraft hervor."

Seine Propagandatitel erzielen auf dem Neonazi- und Militaria-Markt, der durchs Internet besser denn je floriert, noch immer ordentliche Preise. (Wie die Bücher Müller-Mareins, Reineckers, Wirsings auch.) Der furiose Arbeiter Marek arbeitete für die Welt, für den Rundfunk und wurde Cheflektor im wiedergegründeten Rowohlt-Verlag, in dem er 1949 unter seinem umgedrehten Namen den bis heute aufregenden, aber völlig unpolitischen Weltbestseller Götter, Gräber und Gelehrte herausbrachte.

In den von ihm betreuten Aufzeichnungen der "Anonyma" fand Marek wieder den altvertrauten Feind, die Russen, und die Deutschen, die leider Gottes nicht ewig vor Narvik liegen konnten, waren jetzt die Opfer. Demnächst in einem Kino in Ihrer Nähe.