In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift The New Yorker (23. Dezember) findet sich ein Essay des Historikers James Surowiecki, der dieser gängigen These widerspricht. In Wirklichkeit, sagt er, seien Zeitungen zwar weniger gewinnträchtig, aber auch viel populärer geworden.

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Große Teile der "Blogosphere", der oft untereinander vernetzten, von einzelnen Menschen betriebenen Veröffentlichungsorgane im Internet seien direkt oder indirekt von Zeitungen und Zeitschriften abhängig. Sie bestünden vor allem aus Kopien, Referaten, Kommentaren und Fortentwicklungen zu gedruckten Artikeln und Essays - für die aber, wenn überhaupt, nur der Betreiber des Blogs bezahle: "Für eine gewisse Zeit genossen die Leser das Beste aus beiden Welten: alle Vorzüge des alten, kapitalintensiven Regimes - umfangreiche, gründliche Berichterstattung, erfahrene Redakteure und so weiter - und die niedrigen Kosten des neuen. Diese Situation kann nicht fortbestehen. Schon bald werden wir nur noch bekommen, was wir bezahlen, und es mag gut sein, dass wir feststellen müssen, wie wenig das ist." Auch das Buch "Klage" besteht über lange Passagen hinweg vor allem aus Anmerkungen zu Zeitungsartikeln.

Die Institution Journalismus ist an Zeitungen gebunden: In ihnen wird nicht nur gemeldet, sondern auch mit notwendiger Verspätung nachgedacht. Die Rede von der vierten Gewalt hat eine reale Grundlage, was man daran bemerkt, in welchem Maße sich an der Spiegel-Affäre von 1962 oder an den Protesten gegen den Springer-Verlag in den späten sechziger Jahren das Nachdenken über Öffentlichkeit kristallisierten. In den Zeitungen fand dieses Nachdenken seine mediale Form, und zwar in scharfer Abgrenzung zu anderen Medien und Organen.

Evidenz

Das liegt daran, dass das größte Vermögen der schriftlichen Welt ihre Fähigkeit zur intellektuellen Auseinandersetzung ist, zum Streit, zu Revision, Widerlegung und Debatte. In diesem Medium will jeder überzeugen - in der Erwartung, dass andere darauf antworten. So ergibt sich auch der scheinbare Konkurrenznachteil der seriösen Tageszeitungen: die Evidenz, und sei es die erlogene, schlägt bei ihnen nicht gleich durch. Es fehlt ihnen, mit den audiovisuellen Medien verglichen, etwas Spektakuläres. Denn erst, wenn ein Anliegen demagogisch wird, nimmt es Evidenz an.

Umgekehrt gehört zur Pressefreiheit auch eine Verantwortung, die man spätestens dann kennenlernt, wenn sich nach einem Fehler, nach einer - tatsächlich oder vermeintlich - irrigen Meinung großes Geschrei erhebt.

Die Grenzen zwischen dem dialogischen Prinzip des seriösen Journalismus und dem propagandistischen des Boulevards sind zunehmend undeutlich geworden. "Der Boulevard ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen" (Rainald Goetz), er ist, einer heroischen Anstrengung des Schriftstellers Gerhard Henschel ("Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung", Rowohlt Verlag 2008) zum Trotz, nun selbstverständlich.

Die großen Zeitungen sind bunter, lauter geworden und in eine nunmehr in Abständen von wenigen Jahren immer wieder kulminierende Dauerkrise geraten. Dies mag aber womöglich nicht nur daran liegen, dass hier ein "Geschäftsmodell" aufhört, sondern auch daran, dass das Unterscheidungsvermögen gelitten hat.

Was einem aber da entgleitet, ist eine angemessene Wahrnehmung der Wirklichkeit. Und das heißt auch: Dieser Verlust berührt nicht nur die Grundlagen der Kultur, die ja zum größten Teil aus Rede und Widerrede besteht, sondern auch die einer bürgerlichen Gesellschaft.

Von diesem Standpunkt aus mag man bedauern, dass der Journalismus je in eine Abhängigkeit von der Werbung glitt. Aber in dieser Gesellschaft wird mittlerweile alles langfristig Bestehende in großen Teilen durch Werbung finanziert. Die Anzeigen der Automobilindustrie beschädigen ja keineswegs den Wahrheitsgehalt von Artikeln. Problematisch wird diese Verbindung erst dadurch, dass gegenwärtig ein kultureller Prozess - eben die Boulevardisierung des Journalismus - mit einem ökonomischen zusammenfällt. Anders gesprochen: Ein langfristiger Trend kultureller Entwertung offenbart jetzt seine publizistischen Kosten.

Untergraben

Der Philosoph Jürgen Habermas hat deshalb im vergangenen Jahr überlegt, ob man der seriösen Publizistik nicht mit staatlichen Subventionen aufhelfen müsse: Es sei kein "Systemfehler", wenn der Staat versuche, "das öffentliche Gut der Qualitätspresse im Einzelfall zu schützen". Aber kann es den Lesern und den Zeitungen wirklich nutzen, wenn sich die Printmedien in den Kohlebergbau des 21. Jahrhunderts verwandeln?

Ebensowenig helfen kulturkritische Klagen oder Plädoyers für die Lesekultur. Umgekehrt: Gerade die Ansagekultur, das "stumpfe, grobe Agendasetting" (Rainald Goetz), die dumpfe Anbiederung an Autorität und Macht sind dazu angetan, das Vertrauen in die seriöse Publizistik so zu untergraben, dass man sie beinahe schon freiwillig der Unterhaltungskultur opfern möchte. Dagegen wehren kann man sich nur, indem man auf den Unterschieden beharrt. Auf dem Unterschied zwischen Zeitung und Fernsehen zum Beispiel oder auf dem zwischen Zeitung und Internet.

Das fängt bei den Kosten an: Beim Kauf einer Zeitung ist immer noch die alte Vorstellung lebendig, dass man für ein paar lose kleine Münzen die Welt zu fassen bekommt. Das Fernsehen ist deutlich teurer. Und es geht beim Erkenntnisgewinn weiter: Schrift verlange, erklärt der Philosoph Christoph Türcke in seiner "Kritischen Theorie der Schrift" (C. H. Beck Verlag, München 2005), "ein nicht unterschreitbares Minimum an Hingabe". Dafür entschädige sie aber auch. In ihr könnten sich ungleich leichter flüchtige Eindrücke festsetzen, Reize zu Erfahrungen vertiefen, gärende Vorstellungen zu klaren Gedanken läutern als unter dem Dauerbeschuss modernerer Medien.

Zum Denken aber gehört auch, dass man seine Gegner und Konkurrenten als solche wahrnimmt. Und diese finden sich nicht unter den Feinden des Lesen, wenn es denn überhaupt solche gibt, sondern unter denen, die Unterschiede verwischen: Es ist kein Ausweis von verlegerischem Mut, Charlotte Roches "Feuchtgebiete" zu veröffentlichen, und es ist ein Irrtum, Elke Heidenreichs Leseempfehlungen für Literaturkritik zu erklären - und die Kritiker am Erfolg dieser Tipps auf dem Buchmarkt zu messen. Und deswegen kann man Max Goldt schätzen - und muss doch sagen, dass "passt schon" nicht passt.

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(SZ vom 24.12.2008/rus)