Journalismus und Boulevard Passt schon!

Passt eben nicht: Die journalistische Wahrnehmung funktioniert nicht mehr angemessen, Grenzen werden verwischt. Die Zeitung, der Boulevard und die Kultur.

Von Thomas Steinfeld

Als der Schriftsteller Max Goldt vor einigen Monaten von Daniel Kehlmann gefragt wurde, ob er bereit sei, den Heinrich-von-Kleist-Preis anzunehmen, antwortete er salopp: "Passt schon!" Das Publikum lachte, als es diese Geschichte in der Dankesrede hörte. Mit gutem Grund, weil es Max Goldt, der sehr schön und sehr lustig über den Alltag der Deutschen grübeln kann, die Auszeichnung gönnt.

Und dann ist es doch wieder völlig unberaten, kann es doch literarisch keinen größeren Unterschied geben als den zwischen Heinrich von Kleist und Max Goldt, der in all seinem Feinsinn immer ein Satiriker blieb. Nein, Heinrich von Kleist und Max Goldt: Das passt eben nicht. Und noch viel weniger passte es, als Judith Hermann und die wohlfeile Melancholie von Berlin-Mitte im Jahr 2001 denselben Preis erhielten: Denn in dieser Entscheidung stießen selbstgefällige Traurigkeit mit radikalem Kunstanspruch und tiefer Verzweiflung zusammen.

Nicht schlimm

Max Goldts "Passt schon" ist nicht schlimm, weil ihn die Auszeichnung nicht unverdient trifft. Aber es ist auch ein Symptom: dafür, wie Differenzen verwischt werden. Nicht nur von einer Instanz des literarischen Lebens, sondern von allen. Das "passt schon" war allgemein, es erklang in den Feuilletons der großen Zeitungen wie in den Internet-Journalen und im Gespräch der Kritiker und Autoren.

Aber es ist ein Zeichen dafür, dass die journalistische Wahrnehmung des öffentlichen Lebens nicht angemessen funktioniert. Und auch dafür, dass an die Stelle der Kritik, aus welchen Gründen auch immer, eine Bereitschaft zur Zustimmung getreten ist, die aus manchen Medien Agenturen zur Bestätigung landläufiger Geschmackspräferenzen werden lässt.

Vor einigen Wochen erschien die "Klage" von Rainald Goetz, ursprünglich ein zwischen Februar 2007 und Juni 2008 im Internet geführter Blog in Papierform (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 430 Seiten, 22, 80 Euro). Man sollte sich von der Innenperspektive eines Berliner Künstler- und Intellektuellenmilieus mitsamt Gedankensprüngen, Tarnnamen und Kürzeln nicht abschrecken lassen und den Blog noch einmal als Buch lesen.

Die "Klage" enthält eine Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit in Deutschland, wie es sie in dieser Schärfe seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hat. Und sie ist dabei selbstreflexiv: Es müsse, schreibt Rainald Goetz, gerade der Journalismus, "die gesellschaftlich installierte Zentralinstanz für Beobachtung und Drohung mit Beobachtung, eben diese Beobachtungsdrohung auch dauernd nebenher gegen sich selbst richten". Man müsste zurückgehen bis zu Hans Magnus Enzensbergers Essays über die Medien, die Anfang der sechziger Jahre unter dem Titel "Einzelheiten" erschienen, um etwas dem Buch "Klage" Vergleichbares zu finden.

In den vergangenen Tagen war viel davon die Rede, dass die seriösen Zeitungen an Bedeutung verlören und womöglich gar ein "auslaufendes Geschäftsmodell" darstellten. Unmittelbarer Anlass ist der drohende Bankrott einiger großer amerikanischer Zeitungen, darunter der LA Times, der Chicago Tribune und des Miami Herald.

Obsolet?

Zwar leiden Zeitungen auch an Problemen, die mehr mit der Art, wie mit ihnen Geschäfte gemacht wurden, zu tun haben, als mit ihrem "Geschäftsmodell" selbst. Aber es mag sein, dass es in Los Angeles oder in Connectictut demnächst keine große regionale Zeitung mehr geben wird. Die gängige Erklärung dafür lautet, diese Zeitungen und vielleicht sogar die seriöse Zeitung als solche könnten im Wettbewerb mit dem Internet nicht mehr bestehen, sie seien durch eine neue Technik überflüssig geworden, so wie das Automobil und später das Flugzeug die amerikanischen Eisenbahnen obsolet gemacht hätten.

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