Jonathan Littell: "Die Wohlgesinnten" Eine Geographie des Grauens

Ja, die Menschen in diesem Buch, soweit sie nicht als Masse, zumindest als Menge, vorkommen, als mordende oder gemordete, sind oft "unrealistisch". Sie tragen zu viel oder zu Seltsames in sich. Sie sind, manchmal mit sehr groben Strichen gezeichnete, Symbolfiguren. Aues Beschützer Dr. Mandelbrod, ein adipöser Koloss in einem Hightech-Rollstuhl, erinnert an Professor Xavier aus dem amerikanischen Superhelden-Comic X-Men.

Täter und Opfer des KZ Auschwitz

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Andere Figuren bringen etwas Revuehaftes, Plumpes in die Handlung wie zum Beispiel die beiden Polizisten Clemens und Weser. Sie verdächtigen Aue des Doppelmordes an seinen Eltern (was für ein absurder Vorwurf gegenüber einem Massenmörder) und tauchen immer wieder unverhofft auf wie das Gespenst im Kasperletheater. Der SS-Offizier Aue wiederum ist die Kreatur eines Autors, der sehr ausgiebig Celine, de Sade, Baudelaire sowie ihresgleichen gelesen hat und daran keinen Zweifel lassen kann.

Protokollhafte Reportage des Massenmords

Littell ist auch ein Bildungshuber, der an den historisch richtigen Stellen Marionetten einsetzt, die keine andere Funktion haben als zwischen dem wissenden Autor und den Cognoscenti unter der Leserschaft überlegene Gemeinsamkeit herzustellen: Ernst Jünger zum Beispiel hat im Kaukasus einen kurzen Auftritt; Aue sieht ihn am Bahnhof. Obwohl in diesem dicken Buch dauernd alle möglichen Leute scheinbar endlos miteinander reden, spricht Aue nicht mit Jünger. Aber gerade gebildete Franzosen, Littells erstes Zielpublikum, wissen wohl, dass der feingeistige Besatzungsoffizier Hauptmann Jünger 1942 von General Stülpnagel aus Paris als Beobachter nach Russland geschickt worden war, um kaukasische Aufzeichnungen anzufertigen.

Im Gegensatz zu den Personen erwecken die Schauplätze dieses Romans den Eindruck großer, manchmal schneidend scharfer Realitätsnähe. Dies trifft zu für das Bekannte, die schaurig berühmten Orte der Endlösung: Babi Yar etwa, wo Aue an den "Ausmordungen" - ein Wort eben jenes Ernst Jüngers - teilnimmt und das Unfassbare widerwärtig genau schildert. Auch der Platz selbst, die Schlucht, die Massengräber, die Erde werden penibel beschrieben. Zum Schauplatz im Kopf des Lesers aber, zur Geographie des Grauens ("lasciate ogni speranza"), wird das Ganze durch Littells protokollhafte Reportage des Massenmords, der stattfindet mit Gewehren, Maschinenwaffen und Pistolen für den Genickschuss. Der sich im Buch ereignet, wo ihn sich der Leser vorstellt, vorstellen muss, so wie er sich auch in Hebertshausen ereignet hat, in Wirklichkeit.

Aber dann gibt es auch die vielen "kleinen" Schauplätze. Einmal ist Aue dabei, als ein Dorf bei Charkow nach Partisanen "durchkämmt" wird. Man schießt, erst aus Versehen, dann mit Absicht. Eine Frau stirbt im Regen, ein SS-Offizier wird von einem Kameraden erschossen. Ein Birkenwald, eine vermatschte Lehmstraße, ein namenloses Dorf, in dem an einem Nachmittag zwei Menschen sterben, einfach so. Der Krieg bestand aus Charkow, dem Kaukasus und Stalingrad, aus El Alamein, Caen und Monte Cassino. Das weiß man, das hat man gehört (die Jüngeren kennen es aus Computerspielen). In Wirklichkeit aber bestand der Krieg aus Abertausenden solcher Dörfer, in denen Leute einfach so umgebracht wurden.

Ja, es gab die Schlachten - jene, die in den Geschichtsbüchern stehen. Aber vor allem gab es das Schlachten, dessen zu viele Schauplätze schneller vergessen werden, vielleicht nicht einmal für länger benannt werden können. Oft wusste man nur, dass der Papa am Ladoga-See gefallen war. Nicht einmal in den Familien der Getöteten war der eigentliche Ort, der Schauplatz bekannt - geschweige denn, was der Papa bis zu seinem Tod am Ladoga-See gemacht hatte. Zwei Generationen später hört sich so ein Teil der Familiengeschichte ohnehin wie aus einem Roman an. So einen Roman hat Jonathan Littell geschrieben.

Leider kann die Vielfalt des Widerwärtigen und des Ekligen in diesem Buch auch den Blick verstellen auf eine der großen Wahrheiten, das es bereithält: Es gibt keine sinnvolle Unterscheidung von Krieg und Massenmord; ohne die Frontsoldaten wäre der millionenfache Etappenmord nicht möglich gewesen. Als Offizier des SS-Sonderkommandos 4a bewegt sich Aue knapp hinter den vorstürmenden Panzerdivisionen.

Der Schauplatz ist wieder zum Ort geworden

Im Schutz, im Angesicht und manchmal unter Mithilfe der Wehrmachtssoldaten töten die Einsatzgruppen. Dabei verschwimmen die Schauplätze und ihre Bedeutungen: Charkow ist zunächst ein militärisches Ziel, dann der Schauplatz einer Schlacht. Anschließend wird es zu einem der vielen Zentren der Ausmordungen von Juden, Kommunisten, Partisanen und anderen als schädlich eingestuften Menschen.

Dann wird es wieder von den Russen eingenommen und anschließend noch einmal von der Waffen-SS zurückerobert. Gewiss, man wusste auch schon vor Littell, dass dies ein Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg war. Die Figur des Dr. Aue aber macht es noch einmal und wiederum beklemmend deutlich: Im Laufe seiner Karriere bis zum Obersturmbannführer wechselt er zwischen dem Massenmord in Kiew, dem Genesungsurlaub auf der Krim, dem Kriegseinsatz in Stalingrad und dem Schreibtisch in Berlin, ganz in der Nähe seiner Kameraden Eichmann und Kaltenbrunner. Doch, so etwas gab es. Es ist plausibel.

Auch Schauplätze kann man vergessen. Vielleicht nicht jene, deren Monströsität das menschliche Maß sprengt, nicht Auschwitz, nicht Treblinka und Dachau und vielleicht nicht einmal Verdun und Stalingrad. Aber wenn so etwas nur lange genug her ist - und dieses "lange genug her" ist sicher sehr subjektiv - , dann wird aus so einem Schauplatz wieder einfach nur ein Ort.

Jeden Tag überquere ich bei der Fahrt ins Büro den Sendlinger Berg vorbei an der Sendlinger Kirche. Vor 300 Jahren, im Dezember 1705, wurden rund um diesen Kirchberg von österreichischen Soldaten etwa 1000 aufständische Bauern abgeschlachtet, die meisten von ihnen zu Tode bajonettiert. Es gibt Gedenksteine und eine Wandmalerei an der Kirche. Ansonsten ist die Sendlinger Mordweihnacht heute Teil der Münchner Folklore. Der Schauplatz ist wieder zum Ort geworden.