25 Jahre "Art" Seine kleine Drucksache

Keine Artikel - nur spannende Geschichten: Wie "Art" mit einem einzigen Chef 25 Jahre alt wurde.

Von Von Ralf Wiegand

Es kann passieren, dass man Axel Hecht, 60, im Bahnhofskiosk trifft. Der allenfalls mittelgroße Mann würde einem nicht auffallen, zuweilen aber verhält er sich eigenartig - und sucht im Regal nach dem Kunstmagazin Art. Findet er es nicht gleich, bittet er die Verkäuferin um eine bessere Platzierung. Dieser Chefredakteur setzt sich für seinen kleinen Titel im großen Zeitschriftenverlag wirklich ein.

25 Jahre alt wird die Spezialschrift aus dem Hause Gruner+Jahr diese Woche, und die Zahl ihrer Chefredakteure lässt sich an einem Pinsel abzählen: Es hat alles 1979 schon mit Axel Hecht begonnen. "Ich bin überrascht, dass wir so lange durchgehalten haben", sagt er und schiebt mechanisch den schwarzen Plastik-Aschenbecher über den Besprechungstisch.

Hecht beherrscht die Strategie, eine Sache groß werden zu lassen, indem man sie klein redet. "Unsere kleine Drucksache" nennt er Art, so, als werde das Magazin von Kunststudenten in einem Keller von Hand gedruckt und in der Uni-Mensa verteilt. Dabei ist Art ein Qualitätsprodukt; sogar das Tempo der Rotationsmaschinen ist im Druckvertrag fixiert, damit die Kunst im Heft so sauber wie möglich reproduziert wird.

Keine Artikel - nur spannende Geschichten

"In unserer kleinen Drucksache", sagt Hecht also, "werden Sie hoffentlich keine Artikel finden - nur spannende Geschichten." Art ist ein Kind vom Stern, irgendwie, und die Philosophie hat sich gehalten. Hecht startete 1973 in der Illustrierten auf Geheiß von Gründer Henri Nannen ein Kulturressort. Bis dahin sei er "Wald-, Feld- und Wiesen-Feuilletonist" gewesen, sagt der Germanist, der sich als Autodidakt auf Bildende Kunst spezialisiert hatte. Dem Kunstfreund Nannen gefiel's.

Die Idee zu Art hatte dann der ehemalige Stern-Redakteur Wolf Uecker, der von Nannen gefeuert worden war und eine Werbeagentur besaß. "Könnte man nicht ein Kunstmagazin machen?", fragte er Hecht. Immerhin hatte die Documenta in Kassel 1978 schon 375.000 Besucher, und das Leserinteresse wurde von nur zwei Fachtiteln bedient: Das Kunstwerk (Auflage: 2000 Stück) und Kunstforum (4000). Hecht und Uecker zielten auf den "interessierten Laien", nicht den professionellen Kunstsammler - und tatsächlich brachte Gruner + Jahr am 15. Oktober 1979 das erste Heft heraus.

Heute schafft Art eine Auflage von 70.000 und hat mehr als eine halbe Million Leser pro Heft. Die Idee ist geblieben: Kunst begegnet dem Leser auf Augenhöhe. "Wir sind das Gegenteil von Bayreuth", sagt Hecht wieder kokett, "wir zwingen unsere Leser nicht auf die Knie vor der Kunst."

Über van Gogh las man die journalistisch aufbereitete Geschichte, wie der Maler in seinem letzten 69 Lebenstagen 82 Bilder schuf. Aus der DDR-Kunstszene berichtete Art investigativ: Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski räuberte über die Kunst- und Antiquitäten GmbH die DDR aus, indem Kunstsammler eingesperrt und deren Besitz in den Westen verkauft wurde. Den Aktionskünstlern Christo und Jean-Claude widmete Art 1995 einen Sonderdruck zur Reichstagsverhüllung, 150.000 Hefte kamen kostenlos unter die Leute. Heute ist diese Ausgabe ein Sammlerstück.

Die MoMa-Ausstellung in Berlin befürwortete Art, die Flick-Collection nicht. Mit dem Maler Jörg Immendorf gab es neulich ein Interview im Heft - nicht mit dem Kokser Immendorf. "Wir legen es nicht darauf an, umarmt zu werden", sagt Hecht. "Wir wollen ernst genommen werden." 22 Leute arbeiten an Art, in allen wichtigen Kunstmetropolen sitzen Korrespondenten.

Und in jedem Büro steht ein Aschenbecher, weil Axel Hecht raucht, Rot Händle, seit 46 Jahren. Wie man 25 Jahre Chefredakteur desselben Blattes bleibt? "Aus Lust", antwortet Hecht, und weil es keine schweren Krisen gab. Das Abo-Geschäft sei zwar schwieriger geworden, aber seit zehn Jahren mache Art Gewinne. Hecht musste niemanden entlassen und keine Honorare kürzen, ein seltenes Glück im Markt.

"Wir haben treue Leser", sagt Hecht. Sein Heft schmückt das Sortiment von Gruner + Jahr, die mit Titeln wie Stern und Brigitte Masse machen, aber einst sogar mit der Info-Illustrierten Tango einen Billigtitel brachten. Damals wurden demonstrativ zwei anspruchsvolle Objekte wie Schutzschilde hoch gehalten: Geo - und Art. Hecht: "Man freut sich, dass es uns gibt und dass wir keine Probleme machen." Seine Kontrollgänge durch die Bahnhofskioske wird er eine Weile fortsetzen dürfen.