Interview mit dem The Cure-Sänger "Warum fragt jemand nach der Farbe meines Lippenstifts?"

Robert Smith: Ja, das bringt mich auf den Boden zurück. Mir wird oft vorgeworfen, ich sei nie erwachsen geworden. Ich fühle mich aber ausgesprochen erwachsen. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre unerwachsener. Unbeschwerter. Kindischer.

SZ: Wäre es zu indiskret zu fragen, warum Sie keine Kinder haben?

Robert Smith: Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich meinen Eltern gesagt, dass ich keine Kinder haben würde. Das war das einzige Mal, das mein Vater mich geschlagen hat.

SZ: Was man mit zwölf sagt und vielleicht am Ende provozierend meint, muss man aber mit 30 nicht genauso sagen.

Robert Smith: Da sehen Sie es wieder, manche Dinge verändern sich eben nicht mehr. Ich könnte es nicht aushalten, Vater zu sein. Das hört sich trocken und herzlos an, aber ich habe einfach nie diesen Drang in mir gespürt, ein Kind zu haben.

SZ: Und Ihre Frau?

Robert Smith: Es gab eine Zeit, da waren wir beide so Anfang 30, da schwankte Mary und dachte, sie wolle vielleicht doch Kinder. Ich hätte sie mit ihr bekommen, wenn sie sie wirklich gewollt hätte. Ich meine, um Mary zu behalten.

SZ: Sie würden alles für sie tun?

Robert Smith: Well, so schwer wäre es nun auch wieder nicht gewesen, Kinder zu bekommen.

SZ: Sie sind ein sehr netter Mann.

Robert Smith: Nein, nein, nein . . .

SZ: Doch, ich meine es ernst. Alles, was Sie über Ihre Frau sagen, klingt sehr liebevoll. Dachten Sie, das wäre ironisch?

Robert Smith: Es klang ein bisschen zynisch: nett!

SZ: Es sollte ein Kompliment sein. Mary wollte dann aber doch keine Kinder.

Robert Smith: Nein. Und wir haben auch reichlich Kinder um uns herum: 21 Neffen und Nichten. Mary kommt aus einer großen Familie, ich habe drei Geschwister und alle haben mindestens drei Kinder, manche sogar fünf. Nur wir haben keine Kinder. Wenn wir also alle zusammen sind, ist das schon fast surreal. Die Kinder betrachten uns beide weder als Kinder noch als Erwachsene. Wahrscheinlich, weil wir ihnen nie etwas vorschreiben, sondern ihnen Dinge beibringen, die ihre Eltern ihnen nicht beibringen.

SZ: Da werden sich die Eltern ja freuen.

Robert Smith: Wir sind nicht verantwortungslos dabei. Manchmal denke ich, wir hören den Kindern einfach besser zu. Eltern hören ihren Kindern oft nicht richtig zu.

SZ: Also haben Sie Kinder ganz gern.

Robert Smith: Ich habe Kinder irrsinnig gern! Es ist so leicht, mit Kindern zusammen zu sein. Sie stellen nur Fragen, die sie beantwortet haben wollen, nicht diese Fragen, auf die niemand eine Antwort erwartet. Man muss nachdenken, um ihnen zu antworten. Auf dem Cover der neuen Platte sehen Sie übrigens die Zeichnungen von meinen Neffen und Nichten.

SZ: Hm, vielleicht wären Sie ein guter Vater.

Robert Smith: Aber Kinder machen so müde! Haben Sie welche?

SZ: Einen Sohn.

Robert Smith: Dann müssen Sie es ja wissen. Alle Leute um mich herum, die Kinder haben, können nichts mehr unternehmen. Sie sind immer müde. Man hat den Eindruck, als würden sie die ersten Jahre mit ihren Kindern in einer Art Trance verbringen!

SZ: Stimmt: Schlaf wird plötzlich zu einem Riesenthema.

Robert Smith: Ich gehe jetzt dauernd mit Leuten aus, die 15, 20 Jahre jünger sind als ich. Einfach, weil sie noch keine Kinder haben.

SZ: Gibt es irgendetwas, das Sie gerne an ihrem Leben verändern würden?

Robert Smith: Weniger trinken wäre nicht schlecht. Aber ich mache das, was ich mache, sehr gern. Ich bin gern mit der Person zusammen, mit der ich zusammen bin, und ich lebe gern dort, wo ich lebe. Ich bin viel unterwegs, und mein Zuhause gibt mir Normalität. Ich kann mir kein besseres Leben vorstellen. Langweilig, oder? Ich setze mich jedes Jahr hin und überlege, was ich dieses Jahr anders machen könnte. Dann fällt mir wieder nichts ein.

SZ: Aber einen Wunsch hatten Sie ganz sicher, auch wenn er nichts mit Ihrem Leben zu tun hat: Dass England weiter kommt gegen die Portugiesen.

Robert Smith: Nein, ich finde Portugal am besten.

SZ: Fühlen Sie in einem solchen Moment nicht mit David Beckham?

Robert Smith: Mit Beckham? Nein! Er ist eine Flasche. Er sieht nur noch Dollars und versucht, sich in der Welt seiner Frau zurecht zu finden, anstatt seinem Instinkt zu folgen. Aber sagen Sie mal: Leben Sie hier in der Nähe? Es ist spät, und Sie haben doch gesagt, Sie müssen noch nach Hause fahren.

SZ: Ja, ich muss nach München.

Robert Smith: Sind Sie glücklich in Süddeutschland?

SZ: Es ist okay. Haben Sie etwas gegen Süddeutschland?

Robert Smith: Ich würde den Norden besser finden. Aber Sie sollten dort sein, wo Sie das Gefühl haben, hinzugehören. Sie bekommen keine zweite Chance.

Robert Smith, 45, gründete 1977 die Band "The Cure" in klassischer Drei-Mann-Besetzung. Die Anfänge waren punk-orientiert, mit "Seventeen Seconds" veröffentlichte die Band dann 1980 ihr Meisterwerk. In jener Zeit veränderte sich das Aussehen der Bandmitglieder: Aus den Schuljungen wurden Rocker mit hochtoupierten Haaren, Make-Up und schwarzer Kleidung.

Obwohl "The Cure" von den Gothic-Fans als ihre Band betrachtet wurde, hatten sie große Hits, die weit über die Szene hinaus erfolgreich waren, zum Beispiel "Boys Don't Cry", "Lovecats" und "Lullaby". Die neue, schlicht "The Cure" betitelte und ziemlich rockige Platte ist gerade erschienen.