Interview mit dem neuen "Tatort"-Kommissar "Ich bin nicht gecastet worden"

Mehmet Kurtulus ist der Neue beim "Tatort". Der Nachfolger von Manfred Krug und Robert Atzorn erklärt, warum er Pionierarbeit leistet - und warum er besonders viel Verantwortung übernimmt.

Von Christopher Keil

Mit dem Regisseur Fatih Akin drehte Mehmet Kurtulus bereits vier Filme, u.a. "Kurz und schmerzlos" oder "Gegen die Wand". Kurtulus, der am Freitag dieser Woche 35 Jahre alt wird, ist im norddeutschen Salzgitter aufgewachsen. Nach dem Abitur war er am Staatstheater Braunschweig und lernte in Hamburg Schauspiel. Doris Dörrie besetzte ihn 2002 für ihre Beziehungsstudie "Nackt" ausdrücklich ohne Referenz auf seine Herkunft. Von Herbst 2008 an wird Kurtulus als Hamburger "Tatort"-Kommissar Cenk Batu in der ARD zu sehen sein.

mehmet kurtulus

Mehmet Kurtulus ist der neue "Tatort"- Kommissar.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Kurtulus, Nachfolger von Manfred Krug und Robert Atzorn zu werden, haben Sie sich das auch gut überlegt?

Mehmet Kurtulus: Sicher. Mich reizt die Aufgabe schauspielerisch. Es ist eine besondere Herausforderung, im Rahmen eines etablierten Formats - und das ist der "Tatort" seit 35 Jahren - an einer künstlerischen, politischen und ästhetischen Weiterentwicklung mitzuwirken.

SZ: Haben Sie Mitspracherechte bei der Entwicklung Ihrer Figur und Fälle?

Kurtulus: Der NDR hat mir alle Türen geöffnet. Er hat mir vermittelt: Wir zählen auf dein Wort, auf deinen Einfluss auf das Gesamtprojekt "Tatort Hamburg". Der NDR legt großen Wert auf die Zusammenarbeit mit mir bezüglich der Themenauswahl und der zu gestaltenden Rolle. Das hat mit Verantwortung zu tun, beiderseitiger Verantwortung, was wir in Form eines Exklusivvertrages zum Ausdruck bringen. Ich mache wenig, ich liebe die Klarheit in meiner Arbeit. Und Kinoprojekte kann ich trotz des "Tatortes" übernehmen.

SZ: Gibt es schon ein Exposé Ihrer Figur? Vermutlich ist der Kommissar Deutschtürke wie Sie.

Kurtulus: Ich leiste "Tatort"-Pionierarbeit, dessen bin ich mir bewusst, als deutscher Schauspieler mit Migrationshintergrund. Das hat sicher auch eine gesellschaftspolitische Tragweite. Ich bin nicht gecastet worden. Der NDR wollte unbedingt, dass ich das übernehme. Und allein durch meine Präsenz trägt der NDR zur Integrationspolitik in Deutschland bei.

SZ: Das ist mal ein Statement.

Kurtulus: Verunsicherten Zuschauern kann ich versichern, dass der "Tatort Hamburg" mit mir zwar ein Forum für Migrationsthemen findet, aber sich nicht ausschließlich darin erschöpft. Es wird keine Multikultisoße ausgegossen. Es handelt sich um eine Option. Persönlich fürchte ich mich mehr vor Einfältigkeit, nicht vor Vielfältigkeit.

SZ: Sie arbeiten bisher zwischen Los Angeles, Berlin, Rom und Istanbul - auf vielfältige Weise zwischen den Welten.

Kurtulus: So verstehe ich es. Man spricht mit mir in der Besetzung sofort mehrere Themen an.

SZ: Kriegen Sie eine Kommissars-Kollegin oder einen Kollegen?

Kurtulus: Der "Tatort Hamburg" ist mir allein angeboten worden.

SZ: Wenn Hauptrollen ausgetauscht werden, ist das immer auch die Chance, eine Reihe zu verändern. Was wollen Sie konzeptionell verändern?

Kurtulus: Vielleicht ist der Kommissar bereits am Tatort. Keine Anrufe mehr, keine Ortsangabe, ich fahre da nicht mehr mit dem Wagen vor, sondern bin schon da. Die Ermittlung steht sichtbar im Vordergrund. Das wäre denkbar, oder auch etwas, das in Richtung Undercover geht. Das hat den NDR sehr interessiert.

SZ: Sie wuchsen in der niedersächsischen Stadt Salzgitter auf. Wurden Sie dort "Tatort"-sozialisiert?

Kurtulus: Ein bisschen. Wir haben sehr viel DDR-Fernsehen geschaut. Salzgitter ist ja ehemaliges Zonenrandgebiet.

SZ: Dann eher "Polizeiruf-110"-sozialisiert?

Kurtulus: Die DDR habe ich durchs Fernsehen ganz gut kennengelernt, von Adi bis Arthur.

SZ: Das ist ziemlich sophistisch: Der Deutschtürke aus dem Zonenrandgebiet wächst mit DDR 1 und DDR 2 auf.

Kurtulus: Auf DDR 1 und DDR 2 kamen oft die besseren Filme. "Fantômas" beispielsweise habe ich so kennengelernt. Da gab's nicht nur Babuschka und Märchen, die hatten ein gutes Spielfilmangebot.

SZ: Haben Sie mitbekommen, dass Götz "Schimanski" George, im weitestgehenden Sinne Ihr "Tatort"-Kollege aus Duisburg, geäußert hat, heute - angesichts von weit über 30 "Tatort"-Erstausstrahlungen im Jahr - könne jeder "Tatort"-Kommissar werden, früher sei das eine Auszeichnung gewesen?

Kurtulus: Ich weiß davon. Ich respektiere seine Meinung.