Internetvideo der Woche Wenn Götter zu Besuch kommen

... dauert es eine Ewigkeit: Wie sich zwei Best Agers durch ein Hochzeitslied von Bob Dylan spielen - und mit Bauchgefühlplatscher im Mythos landen.

Von Bernd Graff

Was ist die blöde Welt schon gegen die Liebe! Doch hier kommt keiner heil raus. Und wir nennen es Leben. Dabei: Wir haben den Krieg doch gar nicht angefangen und wir sind nicht gefragt worden, ob wir ihn führen wollen. Doch: Was ist die blöde Welt schon gegen die Liebe!

Das ist die Essenz ungezählter Bob-Dylan-Songs, keine Lehre, eine Haltung - sie ist auch der Motor für Dylans unterhörten "Wedding Song", das Rausschmeißerlied der 74er-Platte "Planet Waves".

Ein Lied, das nicht Hochzeitslied im schwärmerischen Sinn sein will, sondern daherkommt wie ein bürokratisch notiertes Liebesvorhaben. Dylan fordert darin mehr, als er beschreibt, dass sich seine Liebe gegen die Widerständigkeit der Realität behauptet. Eine Liebe mit unbefristetem Passierschein, zweifellos, fast zu groß für diese Welt und vermutlich auch für den Liebenden, der so eifrig Komparative schmiedet.

Dass Liebe überhaupt möglich ist, ist die erste Behauptung dieses Songs. Die zweite, dass sie eine Ewigkeit und darüber hinaus andauern wird. Das Lied ist geradezu apodiktisch in seinem Durchhaltewillen - und deshalb ein verehrungswürdiges Wunder. Denn aufgerufen wird von Mr. Dylan nicht weniger als ein "amo quia absurdum", ein "Ich liebe, obwohl es absurd ist" - oder gerade: "Ich liebe, weil es absurd ist."

Keine Strophe drückt dies besser aus als die, in der Dylan von der Lebensmelodie singt, die er und seine Geliebte immer weiter spielen werden (spielen müssen?) ohne Ausgang oder Sinn und Zweck des Spiels zu kennen: "The tune that is yours and mine to play upon this earth, / We'll play it out the best we know, whatever it is worth, / What's lost is lost, we can't regain what went down in the flood, / But happiness to me is you and I love you more than blood."

Was verloren ist, bleibt verloren. Doch gegen Flut und Blut und Sinnlosigkeit stemmt sich ein Glück, das immer mehr sein wird. Sollte es also eine Ewigkeit geben, dann liebt diese Liebe dort unvermindert weiter: "If there is eternity I'd love you there again." Pereat Mundi - soll die Welt doch zugrunde gehen!

Unser Video der Woche hat, das sieht man beim Blick auf seine Abrufzahlen, auch einen Kampf aufgenommen: Es stemmt sich tapfer gegen die Einsortierung unter die erfolglosesten YouTube-Videos aller Zeiten. Diese beiden Menschen sind auf verlorenem Posten. Und spielen tatsächlich immer weiter, whatever it is worth. Ihren "Wedding Song" interpretieren sie denn auch eher aus der Goldhochzeitsperspektive der Best Agers.

Wir befinden uns in dem recht kümmerlichen, spartanisch gedrängten Atelier eines Bildhauer-Eleven, eines noch tastenden Künstlers, dessen Schaffen von der Nachkriegs-Moderne, etwa den Skulpturen Henry Moores, beeinflusst zu sein scheint. Wir sehen kleinere Studien bewegter Frauentorsi, man erkennt ein Wippen ins Reich der gerundeten Abstraktion. Dazwischen eine realistische Büste und - vor allem - ein Röhrenradio, das aus dem Pleistozän stammen muss. Dieses plastische Gewirk ist auf ein Regal drapiert, das auf einem massiven Holztisch ruht.

Daneben, sehr unpassend, ein CD-Ständer, davor ein mit Schafsfell behängter Sessel, im linken Hintergrund eine schlichte, naturbelassene Holztür und ganz links eine weißlackierte Tür mit antik-schwerem Schloss und Fenstereinlassung. Das Licht kommt vermutlich aus einer Leuchte über dem Regal und einer schwächeren frontalen Quelle, während unsere Barden vor Möbeln und Kunstanstrengung sitzen und in die Kamera schrammeln.

Es handelt sich um Cathy Judge und Johnny Francis. Googelt man die beiden, kommt man schnell darauf, dass Cathy wohl die plastischere Kraft ist. So singt sie auch - anpackend, ohne Schnörkel, konzentriert, aber mit Freude und vor allem: mit Seele bei der Sache. ("Burning in my Soul!") Sie also ist die Bildhauerin, es ist ihr Atelier.

Ihren Sanges-Partner Johnny Francis stellt Cathy als Lebensfreund vor, als jemanden, mit dem man Erleben teilen kann und "lots of laughs". So wirkt Johnny auch. Wie der Good Companion, der dienstbare Geist, der im Duett wie im Leben so mitschrummelt, ein bisschen stoffelig vielleicht, ein bisschen versteckt auch hinter seinem Künstlerschal, ein bisschen unterm Pantoffel, der jedoch eine spöttische "Ich lasse sie machen, dafür weiß sie nicht, dass ..."-Mentalität unter dem ergrauten Schopf zu tragen scheint.

Was man ihm nicht zutraut, ist, dass er das von einem Mann komponierte Lied selber singt. Da muss, nein, da will Cathy ran. Und sie tut es mit der Hingabe des reiferen Erdenbürgers. Vulkane mögen erloschen sein, die Leidenschaft erfahrungsgetränkt - Cathy bereut nichts. Und Johnny? Wird am Ende des Vortrags wie ein Bräutigam von Cathy angestrahlt. Johnny sitzt auf weichem Schafsfell und kann froh sein, dass er Cathy hat. Und er ist es wohl auch. Kein Wunder also, dass Cathy den Song neu enden lässt. Während Dylan die Vergangenheit für besiegt hält, singt Cathy, dass ihre auf ewig terminierte Liebe noch nicht einmal begonnen habe.

Und während man noch diesen anrührenden Ewigkeitswillen belächelt, fällt plötzlich etwas auf: Wohl ohne es zu merken, flirtet die Ikonographie dieser munteren Tristesse-Version des Dylan-Songs noch mit ganz anderen Überzeit-Genossen. Hier schnippt im Takt ein Mythos mit!

Ovid hat in seinen "Metamorphosen" ein altes Paar beschrieben, das Besuch erhält von den verkleideten Göttern Zeus und Hermes. Weil Philemon und Baucis die unerkannten Gottheiten in ihrer ärmlichen Hütte bewirten, belohnt Zeus die beiden: Er verwandelt ihre Hütte in einen goldenen Tempel und bestellt das Paar zu seinen Priestern.

Und weil sich die Alten immer noch lieben wie am ersten Tag und am Tag ihrer Hochzeit, verspricht Zeus ihnen, dass sie sich niemals trennen müssen: Beide sterben gleichzeitig. Philemon wird nach dem Tod in eine Eiche, Baucis in eine Linde verwandelt. Und wenn es eine Ewigkeit gibt, dann lieben sie sich dort weiter.

Johnny und Cathy sind also in bester Gesellschaft - und scheinen auf bestem Wege.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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