Ein Schuft, wer Böses dabei denkt: Eine Band zensiert die Nackten in ihrem Musikvideo. Doch dadurch wird es erst richtig aufregend. Mit zensierter Bildergalerie.
Wie sieht es aus, wenn das, was gesehen werden soll, nicht gesehen wird? Über diese Frage, die komplizierter klingt als sie ist, wurden große komische Filmszenen gedreht: Da gibt es etwa Mr. Bean, der am Strand die Badehose über die Hose zieht, um diese dann unter der Badehose hinweg auszuziehen. Oder Austin Powers, der sich nackt um den Frühstückstisch bewegt, ohne dass der Zuschauer die Entblößung sieht, weil immer etwas dazwischen kommt: Als Austin die Arme in die Luft und die Hüften genüsslich nach vorne streckt, lehnt sich seine Freundin in seine Richtung und beißt ein Stück vom Frühstückswürstchen ab.
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Prüde unterm Strich
Im Vergleich dazu sind schwarze Zensurbalken ein rabiates Mittel, um intime Elemente wie Augen oder Geschlechtsteile unkenntlich zu machen. Von ihnen geht eine repressive Gewalt gegen den Blick aus, die eindeutige Undurchsichtigkeit erteilt ein resolutes Verbot: Das dürft ihr auf gar keinen Fall sehen! Doch im Clip "Toe Jam" der Band The Brighton Port Authority erleben die Zensurbalken, diese humorlosen Bürokraten und Betonköpfe des grafischen Gestaltens, ihre sexuelle Revolution und beginnen befreit zu tanzen.
Wir sehen eine Party, die, wie der Songtext ahnen lässt, in New York City stattfinden könnte. Interieur und Frisuren sehen nach Mitte der 1970er aus. Das Lied vermittelt ein Freitagabendgefühl: Man ist fest entschlossen, die Gesetze nicht allzu ernst zu nehmen und das Leben bis zur Neige auszukosten, wobei um 20 Uhr noch nicht klar ist, wie diese Neige um 4 Uhr morgens aussehen wird.
Es beginnt jedenfalls als eine sehr lockere Zusammenkunft auf Flokatiteppich: Alle Gäste ziehen sich aus und werfen die Kleidung auf einen Haufen. Bald stehen sie nur noch in Unterwäsche da, dann ganz nackt. Es handelt sich um die Variante einer Kostümpartie, die Gäste tragen keine venezianischen Masken über den Augen, sondern schwarze Zensurbalken im Schritt. Die Balken sind die Stars der rhythmischen Choreographie dieses Musikvideos und spielen ihr eigenes Spiel, mal Pong, mal Limbo, das in rosig-beigen Hautfarben gestaltete Wohnzimmer ist ihr ideales Bühnenbild.
Als im Song das Wort "fucking" fällt, zeigt eine Frau den Mittelfinger, der sofort mit einem schwarzen Punkt überdeckt wird. Die Darsteller haben ein Bewusstsein von ihren verbotenen Entblößungen und gruppieren sich so, dass die Balken den Songtitel "TOE JAM" formen. Die Schere im Kopf wird zum kreativen Gestaltungsmittel. Durch die Verhüllung wird ein Freiraum für die Phantasie eröffnet: Am Ende lässt ein Mann seinen Balken rotieren, als sei dieser sein tatsächliches Gemächt.
The Brighton Port Authority ist ein Projekt der Musiker David Byrne und Fatboy Slim. Mit "Toe Jam" haben sie ein professionell produziertes Musikvideo ins Netz gestellt, das die Darstellung von Nacktheit spielerisch untersucht. Beim Videoportal YouTube ist Pornographie verboten, und diese Grenzziehung ist anregender als das Anything goes auf anderen Filmportalen: Selbstverständlich kann man im Netz alles sehen (darunter vieles, von dem man nicht wusste, dass es existiert), doch bei YouTube wird durch das konstante Hochladen, Bemängeln und Löschen von Filmen ein Konsens für die bildliche Darstellung von Körperlichkeit etabliert.
Honi soit qui mal y pense
Bisweilen behält die Prüderie hier die Oberhand, doch The BPA haben mit ihrem Clip ein Mittel gefunden, der Prüderie Sex und Witz einzuflößen. "The only time censorship should be applauded", kommentiert ein User namens Musicvideojunkie: Dies sei die einzig begrüßenswerte Art von Zensur.
Denn man kommt gar nicht auf die Idee, im Netz nach einer "unzensierten" Fassung von "Toe Jam"zu suchen. Die Balkenverhüllung ist faszinierender als kollektive Nacktheit. Denn nackte Körper sind eben nicht per se Kultur, sondern werden erst durch einen ästhetischen (und damit ist keine Chirurgie gemeint) Eingriff zu Kunst.
Wie der beabsichtigte Effekt von Zensur, die Gedanken "sauber" zu halten, in sein Gegenteil umschlägt, zeigt der Clip "The Count Censored". Ein Lied des Grafen Zahl aus der "Sesamstraße" wurde mit Piep-Geräuschen, dem akustischen Äquivalent des schwarzen Balkens, zensiert und bekommt dadurch einen völlig anderen Sinn: "Ich ***** die Spinnen an der Wand", singt der Graf mit melancholischem Tremolo, und die Spinne ergreift die Flucht. Aber keine Sorge: "Wenn ich alleine bin, ***** ich mich selbst".
Die Auslassung steht für das Wort "count" (zählen): Erst durch das grelle Piepen bekommt der Graf einen lüstlinghaften Zug. "Once I am starting *****ing it's very hard to stop", begeistert er sich für sein Hobby: "Faster, faster, it's so exciting".
Graf Zahl zählt einfach nur vor sich hin, doch in unseren Köpfen tanzen schon wieder die schwarzen Balken.
Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen
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(sueddeutsche.de/mri)
Single Awareness Day
an den Autor, 2, 3 Sätze in dem Artikel fand ich sehr schön formuliert.
Das Video wurde offenbar gerade noch geladen, und ich konnte es in diesen Artikel eingebettet abspielen - klickt man das Fenster aber an, um die Original Youtube-Seite zu öffnen, steht da:
This video or group may contain content that is inappropriate for some users, as flagged by YouTube's user community.
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Ich glaub's nicht! Das Problem: Zensur nach deutschem Verständnis würde nach Körperteilen suchen, deren Zurschaustellung laut irgendeinem Paragraphen öffentliches Ärgernis erregen könnte. Zensur der amerikanisch-christlich geprägten Art interessiert sich weniger für zählbare (oh Verzeihung, ******bare) Fakten als für die unterstellte Absicht - und wenn sie glauben, es sollten "unmoralische Gelüste" geweckt werden, dann wird das halt zensiert, auch wenn nur schwarze Balken tanzen...
Arm!
http://www.afk.de/detail.php?afk_id=4&kat_id=14&ukat_id=23&id=5221