Internetvideo der Woche Guru und Mantra-Gang

Irres Sektenritual oder Glücksgesang? "Jede Zelle meines Körpers ist glücklich", der "Körperzellen-Rock" des Gurus Mosaro, sorgt für ganzheitliche Bewusstseinserheiterung.

Von Christian Kortmann

Es ist Herbst, und die Preise fallen von den Bäumen. Sei es exotisches Nobelpreisgewächs oder Fernsehpreiskompost, all die Erntedankfeste inspirieren dazu, selbst einen Preis zu verleihen. Nämlich den Karaoke-Award für den kürzesten Songtext - und der geht so: "Jede Zelle meines Körpers ist glücklich, jede Körperzelle fühlt sich wohl. Jede Zelle, an jeder Stelle, jede Zelle ist voll gut drauf."

Es handelt sich hierbei um ein Mantra, das den Zustand zu erreichen sucht, den es beschreibt. Der Text stammt aus einem Videoclip, in dem Menschen das Mantra intonieren und mit einer bemerkenswerten Choreographie auf die Bühne bringen. Nun, da auch letzte schöne Herbsttage nicht darüber hinwegtäuschen, dass uns die dunkle Jahreszeit belauert, und jeder eine prophylaktische Dosis Stimmungsaufhellung gebrauchen kann, folgen wir dem Wunsch einiger Leser und machen den Videoclip "Jede Zelle meines Körpers ist glücklich" zum Gegenstand unserer wöchentlichen Bewusstseinserweiterung.

Der Clip zeigt drei tanzende Vorsinger und erwachsene Menschen zwischen 25 und 90 Jahren, die sich in diversen Mehrzweckhallen versammelt haben, um mitzusingen und nachzutanzen. Kollektiv geben sie zu, dass das Leben da draußen eine Überforderung für sie ist. Sie wünschen sich kindliche Naivität zurück, wollen einfach nur glücklich sein.

Das schließt einen Verzicht auf komplexe grammatische Strukturen und komplizierte Wortwahl ein. Mit der Versicherung, "voll gut drauf" zu sein, dieser 80er-Jahre-Spätausläufer-Formulierung, meinen sie, sich nonchalant auszudrücken. Man steht mitten im Leben, ist in der bewusst hergestellten Naivität nicht etwa rückwärtsgewandt, sondern modern.

Deshalb bezeichnet der Mann im hellen Anzug, der zu Beginn rechts auf der Bühne tanzt und sich diese Nummer ausgedacht hat, sein Werk als "Körperzellen-Rock" und hat die in den Himmel gereckte Siegerfaust als jugendliche Geste in die Choreographie integriert. Seinen Künstlernamen wählte er ganz bescheiden: Mosaro, eine Verballhornung von Mozart. Michael Scheickl, so sein richtiger Name, will nicht weniger erreichen als das, was Wolfgang Amadé gelungen ist: "Mosaro möchte die Schwingung der Liebe auf die Erde bringen und die Menschen auf ihrem Weg bestärken."

Scheickl begann seine Karriere bei den Wiener Sängerknaben, 1982 nahm er für Österreich am Grand Prix Eurovision de la Chanson teil. Auch das ist ja kein Musizieren im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Spielart der "Sing-Workshops für Nichtsängerinnen und Nichtsänger", die er nun auf seiner Website bewirbt. Zusammen mit seiner Duettpartnerin Astrid Kuby befreit Mosaro seine Kunden von den ästhetischen Fesseln des Alltags: "Hier singen Menschen, die gerne singen möchten, dies aber nie konnten oder durften."

Alle, die im Clip endlich singen dürfen, haben dafür zwischen 100 und 220 Euro bezahlt. Glauben sie etwa an Mosaros Behauptung, sein Song könne die "Selbstheilungskräfte mobilisieren"? Das wäre der Punkt, an dem der Sänger zum Guru wird, und das Publikum zur Sekte. Oder wissen sie, dass sie sich hier zwar noch so leidenschaftlich mit den eigenen Händen betatschen und die Arme über dem Kopf schwenken können, die Kinderlied-Choreographie sie aber weder glücklicher noch gesünder, sondern nur ärmer macht?

Jenseits allen esoterischen Unsinns vesetzt das Lied die Gehirnzellen des Hörers in einen stadlhaften Schunkelzustand, und das Mantra hallt lange nach. Dagegen kann sich auch kaum wehren, wer meint, einen anderen und selbstredend viel besseren Musikgeschmack zu besitzen. Der Erfolg von "Jede Zelle meines Körpers ist glücklich" bei YouTube ist vor allem dieser ironischen Lesart eines jüngeren Publikums zu verdanken, das die eigenen Vorlieben vom Clip abgrenzt, ihn aber als Entertainment-Singularität und Fenster in eine Welt begreift, die sonst verschlossen bleibt.

Auch die schwarzgekleideten Heavy-Metal-Fans, die den Song beim Open-Air-Festival in Wacken abspielen, finden Mittänzer. Sie versprechen sich zwar keine Selbsterfahrung davon, sind in der gelösten Festivalatmosphäre aber durchaus für außeralltäglichen Gemeinschaftserlebnisquatsch empfänglich.

Man erkennt eine gewisse Nachlässigkeit in der Choreographie, doch die Gesichtsausdrücke gleichen erstaunlicherweise denen der Teilnehmer von Mosaros Workshop: Ob man nun an das Mantra glaubt oder nicht, in jedem Fall sorgt das Tanzlied für gute Laune. Das Ironische und das Naive stehen in einem lebendigen Austauschverhältnis: Die Körperzellen-Seminaristen haben die Hardrockfaust für ihren Glückstanz geklaut, also beanspruchen die Festivalcamper jetzt die glücklichen Zellen für sich.

Lustige Übungen und Spiele gefällig?

Mögen noch so viele November kommen, vor der geballten Positivität des Körperzellen-Rocks nimmt jede Herbstdepression Reißaus. Denn wir wissen jetzt, dass jede Zelle ein Gefühlsleben hat, und wie wir sie beglücken. Für den Nachweis dieser Theorie ist mindestens ein Fernsehpreis, wenn nicht gar der Nobelpreis drin.

PS: Hat immer noch jemand Angst zu singen? Wäre es nicht schön, wenn wir die Kälte und Anonymität der Leser-Autor-Beziehung abbauen und uns "in einem Ein-Tages-Workshop durch lustige Übungen und Spiele einmal einander kennenlernen, damit wir dann gemeinsam im Kollektiv tönen und singen können"? Weißt du, wir werden sehr, sehr, sehr viel Spaß haben.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen