Im Kino: Zwei Filme, ein Thema Wundersame Waschkraft

Wie sich die Lebenswelten von deutschen und polnischen Wäscherinnen doch gleichen: Zwei Filme würdigen Einzelschicksale - und den Zusammenhang von ökonomischen Interessen und Philosophie.

Von Rainer Gansera

Wenn der Manager der deutschen Großwäscherei "Fliegel" im polnischen Gryfino zum Philosophen wird, klingt das so: "Der eine ist mit dem, was er hat, und wenn's nur 1500 Zloty sind im Monat, viel glücklicher als ein anderer, der 5000 verdient und immer noch unglücklich und unzufrieden ist. Ich denke, jeder muss so seinen persönlichen Grad der Zufriedenheit finden. Und das ist auch bei unseren Mitarbeitern so." Eine waschechte Glücksphilosophie der Bescheidenheit im Geiste der altgriechischen Stoa. Man sollte sie einmal den deutschen Investoren vortragen. Denn deren Handeln folgt der gänzlich unbescheidenen Philosophie neoliberalen, globalisierten Wirtschaftens, also dem Ziel maximaler Ressourcenausbeutung.

Lohndumping in Polen

Die Ressource, um die es hier geht, ist die polnische Billig-Arbeitskraft. 400 Beschäftigte, meist Arbeiterinnen, hat die hochmoderne, ihren Dampf vom benachbarten Kraftwerk beziehende Textil-Waschfabrik, die Berliner Nobelhotels mit einem 24-Stunden-Service bedient und sich dabei die Marktführerschaft erobert hat. Der Durchschnittslohn einer Arbeiterin beläuft sich auf 1500 Zloty, was etwa 400 Euro entspricht. Dass solch ein Niedriglohn im strukturschwachen polnischen Grenzgebiet verhandelbar ist, macht die Investoren gewiss glücklich.

Das glücksphilosophische Manager-Statement findet sich in Hans-Christian Schmids Dokumentation "Die wundersame Welt der Waschkraft", die keine Abhandlung über die Ökonomie in Zeiten der Globalisierung sein will, sondern sich auf zwei Arbeiterinnen der Großwäscherei konzentriert, um deren Lebensalltag in einer behutsam respektvollen Annäherung zu schildern. Der Zufall will es, dass ein weiterer Dokumentarfilm, der Wäscherinnen porträtiert, aktuell in den Kinos läuft: Susan Gluths "Wasser und Seife".

Ein glücklicher Zufall, denn die Zusammensicht beider Filme ermöglicht die erhellendsten Einsichten und Vergleiche. "Wasser und Seife" blickt in die dampferfüllten Räume einer kleinen, traditionsreichen Hamburger Wäscherei, die etwa ein Dutzend Mitarbeiter beschäftigt. Einer jener Betriebe, denen durch Großunternehmungen wie in Gryfino das Wasser abgegraben wird.

Die Erzählstrategie beider Dokumentationen ist erstaunlich ähnlich: kein Kommentar, Bilder und Situationen sollen für sich sprechen. Die Wäscherinnen stehen im Zentrum, ihnen wird geduldige Aufmerksamkeit geschenkt. Sie werden nicht zu Objekten abstrakter Diskurse gemacht, sondern in der Würde ihrer Einzelschicksale erkennbar. Ein Stil und Ethos des Filmemachens, dem Hans-Christian Schmid auch in seinen Spielfilmen ("Lichter", "Requiem") folgt, und dem die Dokumentaristin Susan Gluth ("Buthan, ein Land im Himalaya", "Mit den Augen eines Flüchtlingskindes") gleichermaßen verpflichtet ist.

Proletarische Lebenswelten

Es überrascht, wie sich die Lebenssituationen der polnischen und deutschen Wäscherinnen im Kern doch gleichen. Gar nicht selten drücken sie ihre Nöte und Träume in ähnlichen Formulierungen aus: dass man mit dem Lohn "nur so irgendwie über die Runden" kommen kann, dass man sich für die Kinder ein "besseres Leben durch die Chancen einer besseren Bildung" erhofft. In Erzählgestus und Rhythmus aber unterscheiden sich die beiden Filme deutlich.

Während Hans-Christian Schmid reportagehaft und anekdotisch schildert, findet Susan Gluth mit ihren ruhig komponierten, atmosphärisch starken Bildern (sie hat die Kamera selbst geführt) zu einem Tonfall der Vertrautheit, der - dramaturgisch geschickt gebaut - mit jedem Kapitel immer noch inniger wird. Sie begegnet den drei Frauen, die sie sich aus dem Personal der Hamburger Wäscherei ausgewählt hat, wie eine gutnachbarschaftliche Freundin, der man bedenkenlos von den intimsten und traurigsten Schicksalsschlägen erzählen kann. Auch von den Glückserfahrungen. So entstehen anrührende, existentiell eindringliche Momente. Im Vergleich dazu bleiben Hans-Christian Schmids Begegnungen mehr auf Distanz.

Ihm gelingen die stärksten Szenen dann, wenn er die Stimmung in Gryfino einfangen kann: Situationen zwischen Trostlosigkeit (die meisten Jugendlichen sind abgewandert, suchen ihr Glück im Ausland), unbeirrbarem Überlebenswillen und vagen Hoffnungen.

Nicht nur wegen der thematischen Zusammengehörigkeit sollte man die Chance nutzen, beide Filme zu sehen. Sie erschließen Lebenswelten und Schicksale, an denen man gemeinhin achtlos vorübergeht - und sie geben, ganz nebenbei, den schönsten Anschauungsunterricht zum Zusammenhang von ökonomischen Interessen und Philosophie.

WASSER UND SEIFE, D 2009 - Buch, Regie, Kamera: Susan Gluth. Schnitt: Ulrike Tortora, Jean-Claude Piroué, u.a. Verleih: Susan Gluth, 85 Minuten.

DIE WUNDERSAME WELT DER WASCHKRAFT, D 2009 - Buch, Regie, Ton: Hans-Christian Schmid. Kamera: Bogumil Godfrejów. Schnitt: Stefan Stabenow. Piffl Medien, 97 Minuten.