Im Kino: "State of Play" So old school, dass es weh tut

Jung, billig, Texte im Stundentakt: Im neuesten US-Erfolgsthriller "State of Play" geht es um eine Online-Redakteurin, einen Saabfahrer und die Zukunft der Presse.

Von Fritz Göttler

Sie ist hungrig, sie ist billig, und sie spuckt jede Stunde einen Text aus. Mit so einem Zeugnis wird man leicht zum Liebling krisengebeutelter Chefredakteure und Zeitungsverleger. Della Frye ist zudem jung und attraktiv und kampfeslustig, Rachel McAdams spielt sie in "State of Play - Stand der Dinge", von Kevin Macdonald, der am Wochenende in den USA anlief (deutscher Start 18. Juni). Es geht um die Recherche in einer Reihe von Mordfällen in Washington, und wie man ihre Ergebnisse am besten verkauft.

Die hungrige Della Frye verkörpert die neue Generation im Zeitungswesen, das heißt sie arbeitet für die Online-Ausgabe des Washington Globe. Und wäre also die perfekte Heldin für einen dynamischen Journothriller, in der Tradition von "His Girl Friday/Sein Mädchen für besondere Fälle" von Howard Hawks oder "Die Unbestechlichen", dem Watergate-Stück von Alan J. Pakula - die Washington Post gibt natürlich das Vorbild für den Globe ab. Aber Della Frye wird hart ausgebremst von Cal McAffrey, der so unverschämt old school ist, dass es manchmal weh tut.

In den vergangenen Monaten haben sich die düsteren Wolken um die Zukunft der amerikanischen Printmedien nachdrücklich vermehrt, das Unvorstellbare, eine Zeit ohne gedruckte Zeitung, ist in den Bereich des Möglichen gerückt, und die Krise kann ganz selbstverständlich den Hintergrund liefern für einen Hollywoodthriller. Redaktionen werden verkleinert, Mitarbeiter entlassen, das Korrespondentennetz wird ausgedünnt. Große Städte in den USA müssen vielleicht bald ohne eigene Zeitung auskommen. Selbst die New York Times, Inbegriff amerikanischer Publizistik, hat lästige Finanzprobleme.

"State of Play" hat beim Wochenend-Einspiel den zweiten Platz belegt, mit 14,1 Millionen Dollar, hinter "17 Again" mit dem Teenie-Idol Zac Efron. Der Film operiert mit allen Elementen und Figuren des Genres - das Drehbuch ist von Matthew Michael Carnahan, Billy Ray und Tony Gilroy, drei Meistern des Doppelspiels, aber auch Peter Morgan hat daran gebastelt, der trickreiche Autor von "Frost/Nixon". Man erlebt hilflose Junkies, eherne Auftragskiller, korrupte und in Liebesaffären verstrickte Politiker, betrogene Ehefrauen, und alle sind sie auf verschiedenen Ebenen verwickelt ins schmutzige Spiel um die blackwatereske Firma PointCorp, die groß ins Geschäft kommen will, wenn - das scheint schon beschlossene Sache zu sein - in den USA die Inland Security privatisiert wird.

Kellnerin tischt Schmutz auf

All diese hochpolitischen Thrills haben aber die Kritiker - allen voran die der Internetmagazine wie Salon - beim Start des Films nicht so sehr verunsichert wie die Zukunftsaussichten, die hier, im Verlauf der Recherche, für die amerikanische Presse gezeichnet werden. Der Washington Globe wurde eben von einer neuen Gesellschaft übernommen und soll nun erst mal Geld machen. Erbittert präsentiert die Chefin, Helen Mirren, ihrem Starermittler Russell Crowe die Schlagzeile der Konkurrenz, es ist die New York Post, die eine unappetitliche Sex-Nebenlinie der großen Verschwörung herausstellt: "Kellnerin tischt Schmutz auf." Sie wussten davon, warum also haben wir das nicht, fragt Mirren.

Sie ist nicht glaubhaft, verteidigt sich Crowe. Was leider überhaupt nicht der Punkt ist: "Eine Kellnerin kommt mit einem Sexskandal raus. Das ist eine erstklassige Story ... Dann kommt jemand und stellt das in Frage. Das ist eine andere Story ... Dann bricht einer der Leute zusammen. Das ist noch mal eine Story ... Das lesen die Leute, und sie lesen es bei uns - weil wir es zuerst haben. Nein, sie tun das nicht, weil es unter unserer Würde ist." Nun ist auch Crowe wütend: "Aber die wirkliche Story, die wahre Story, das ist PointCorp ..." "Die wirkliche Story", ruft Mirren, "ist der Untergang dieser Zeitung."

Die Presse: Dein Freund und Helfer

Wie ein schwerer Tanker kommt einem die Zeitung vor, wenn sich die Kamera durch ihr Großraumbüro bewegt, und man fragt sich wirklich, wer dieses Vehikel in die Zukunft manövrieren soll. Der Film zeigt die Zeitung als eine Maschine, in der eine Moral fabriziert wird und die dazu gehörigen Geschichten. Er zeigt, dass das eine nicht geht ohne das andere - weil man sonst in den Bereich des Zynismus kommt. In "State of Play" ist die Presse nicht unabhängige Instanz, sie ist Teil der Gesellschaft, ihrer Wirklichkeit. Sie ist in Kontakt mit den Menschen, bedient sich ihrer, versucht ihnen manchmal zu helfen.

Es ist diese Basis, die die Formen der klassischen Reportage produziert hat, und der Film zeigt, dass Formen nie unabhängig sind von dem, was mit ihnen erzählt wird. Die neuen Online-Formen, das Blogging, das ist dann ein Reflex der neuen Gesellschaft, die kein Interesse für den Menschen, keine Solidarität, kennt. Man kann das eine nicht retten ohne das andere. Da ist auch ein bisschen Nostalgie erlaubt: "Die Leute sollen, wenn sie diese Story lesen, Druckerschwärze an den Fingern haben."

Russell Crowe - der für Brad Pitt eingesprungen ist - ist der Reporter von gestern, und man sieht es ihm an. Cal hat Bücher auf seinem Schreibtisch, er macht Notizen mit dem Stift, verlangt mehr Zeit. Ein Saabfahrer. Er ist zottelig und hat weiter Gewicht zugelegt seit "Body of Lies". So wie Cal hat man sich vor ein paar Jahren noch die Internet-Nerds ausgemalt. Die kommen heute elegant daher wie Della Frye.