Im Kino: "Sommersturm" Lockruf vom anderen Ufer

Robert Stadlober gerät in "Sommersturm" in einen homosexuellen Gefühlsstrudel.

Von Von Bernhard Blöchl

Trau keinem über 30. Bei den Dreharbeiten, etwa am Starnberger See, wäre wohl jeder aufgefallen, der die oft bejammerte Grenze überschritten hat. Selten ist das junge deutsche Kino so jung wie im Falle von Marco Kreuzpaintners Film Sommersturm. Der Regisseur ist 27; Schauspieler, Maskenbildner und Techniker liegen mehrheitlich um ein paar Jahre darunter. Und Roman Fischer, Liedschreiber aus Augsburg, der zwei Songs zum verträumt-rockigen Soundtrack beisteuerte, ist noch ein Weilchen keine 20.

Irgendwie ermutigend, dass sich ein Team wie dieses in Zeiten wie diesen an einen Film wagen durfte, in dem es ums Erwachsenwerden unter erschwerten Bedingungen geht. Die Tragikomödie um pubertäre Irrungen, Gefühlswirbelstürme und die Entdeckung homosexueller Empfindungen ist deshalb so schön ungeschönt geworden, so leicht dahingeworfen und gleichzeitig reif, weil die Beteiligten genau wissen, worum es geht.

Kreuzpaintner, Autodidakt und "naives Kind vom Land", wie der gebürtige Rosenheimer sich nennt, ist bekennend schwul. "Ich hatte mich oft darüber geärgert, dass im kommerziellen Kino immer nur über Schwule gelacht wird, aber nicht mit ihnen", sagt der Regisseur (Ganz und gar), der auch die Vorlage zum Drehbuch verfasste. Und Robert Stadlober (Verschwende deine Jugend), der in der Rolle als Teenager, der sich gerade selbst entdeckt, über sich hinauswächst, betont in Interviews gerne, dass er Frauen und Männer liebe. Der blonde Wuschelkopf mit den femininen Zwischenwesenszügen passt denn auch perfekt ins Bild.

Sommersturm erzählt von Tobi und seinem besten Freund Achim (Kostja Ullmann). Im Zeltlager, in dem sich ihre Rudermannschaft auf einen Wettkampf vorbereitet, findet Tobi heraus - ermutigt durch das selbstbewusst schwule Team "QueerSchläger" vom anderen Ufer des Sees -, dass er mehr für Achim fühlt als für Anke (Alicja Bachleda-Curus), die ihn umschwärmt. Ein Sommersturm der Gefühle bricht über ihn herein, ein reinigendes Gewitter, wie sich herausstellt.

Es passt

Es gibt diese Filme, da passt einfach alles. Die Schauspieler, der Erzählton, die Musik, der Humor, die Dramaturgie. Sommersturm, beim Filmfest München Anfang Juli mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, ist so ein Film. Ein offenherziges Sück junges Kino zum Verlieben.

Die Bilder etwa, wenn sich Tobi und Leo (Marlon Kittel) auf dem Steg körperlich erfahren, sich gleichgeschlechtliche Lust und Neugier paaren, sind mutig und deutlich zugleich - und in ihrer Intensität wohl einzigartig im deutschen Film. Und dieses Lächeln, wenn sich Stadlobers Mundwinkel am Ende der kurzweiligen Geschichte nach oben ziehen, trägt man gerne mit ins Leben hinaus. Wohl auch dann, wenn man die 30 bereits überschritten hat.