Im Kino: "Gomorrha" Killer im Sonnenstudio

Ein Tatsachenroman wie eine Fieberphantasie, jetzt verfilmt: Das brutale System der italienischen Mafia wird in Matteo Garrones "Gomorrha" zornig und poetisch verdeutlicht.

Von Martina Knoben

Wer es mit der Camorra aufnehmen will, braucht so etwas wie eine Pfahlwurzel. Eine Kraftquelle und einen tiefreichenden inneren Halt, wie Roberto Saviano in seinem Anti-Mafia-Bestseller "Gomorrha" sagt, für einen Kampf, der nicht gewonnen werden kann. Bei Saviano muss es Wut sein, die ihn sein Buch hat schreiben lassen, einen Tatsachenroman, der sich liest wie eine Fieberphantasie. Über Jahre hat er dafür recherchiert, sich in den kriminellen Untergrund seiner Heimatregion gewühlt. Nach der Veröffentlichung vor zwei Jahren musste der Autor untertauchen.

Wut treibt nun auch Matteo Garrones grandiose Verfilmung des Bestsellers an, die als Musterbeispiel dafür gelten kann, wie sich das Dokumentarische und die Fiktion im Weltkino gerade so aufregend aufeinanderzubewegen. Der Regisseur selbst, der in Cannes für "Gomorrha" den Großen Preis der Jury bekommen hat, vergleicht seine Arbeitsweise mit dem Prozess der Ölmalerei. Auf einer Graugrundierung - dem Dokumentarischen - leuchtet, um im Bild zu bleiben, das Blutrot seines Filmes um so greller.

"Gomorrha" spielt zu großen Teilen in Scampìa, einem Vorort nördlich von Neapel, dem größten offenen Drogenumschlagplatz der Welt. Nur eine Busfahrt und doch Welten vom Stadtzentrum entfernt, scheint die Hochhaussiedlung mit ihren Bandenkriegen zwischen verwitterten Betonskeletten, mit ihren Wohnhöhlen und labyrinthischen Gängen in einen vorzivilisatorischen Zustand zurückgefallen zu sein. Wer hier ein Mann werden will, der muss lernen zu sterben. In einen alten Bunker wird der 13-jährige Totò (Salvatore Abruzzese) geführt, gehüllt in eine kugelsichere Weste, die viel zu groß ist für den Kinderkörper.

Dort, wo kaum noch Tageslicht in den Bunker fällt, wo das Dunkel ganz dicht wird, zielt der örtliche Camorra-Kapo auf ihn. Ein Schuss - die Wucht des Aufpralls reißt den Jungen von den Füßen. Später, vor dem Spiegel, entdeckt er das pflaumengroße Mal, das der Druck der Kugel hinterlassen hat, der in seiner Brust Kapillargefäße zerstörte. Sein Leben, signalisiert dieses Mal, gehört nun nicht mehr ihm - eine Initiation als Todesurteil.

Garrone hat in Scampìa tatsächlich gedreht, eineinhalb Monate lang, mit Statisten, die im Viertel leben. Möglich war das nur mit Einwilligung der Camorra. Diese Arbeitsweise reichert seinen Film mit viel Atmosphäre an - Wut und Abscheu aber lassen ihn auch immer wieder schrille, ja spekulative Bilder finden. Das passt zum Roman, der als Recherche in Wallraff-Manier beginnt und zur Höllenfahrt gerät. Aus dem Gewebe dieses Buches, dessen Faktendichte sich im Film nicht wiederholen ließe, hat ein Team von Drehbuchautoren, unter ihnen Saviano selbst, fünf Geschichten herausgelöst.

Und auch im Film tun sich immer wieder Tore zur Unterwelt auf. Einer, der sich besonders gewandt dort bewegt, ist der Giftmüllhändler Franco, ein aalglatter, menschenverachtender Typ, der gespielt wird von Toni Servillo, dem einzigen international bekannten Darsteller des Films. Bei einer aufgelassenen Tankstelle öffnet sich unvermittelt eine Luke - und Franco, der einen geeigneten Untergrund für eine neue Deponie gesucht hatte, kriecht aus der Erde wie ein Reptil oder eine Ratte.

Mord zu Italo-Pop

"Gomorrha" ist als Mafia-Film einmalig, weil er den schmutzigen Krieg der Camorra genau so darstellt - und sich vor allem auf die Fußsoldaten und Opfer konzentriert. Da sind Totò, der ein Boss werden will um jeden Preis; die halbwüchsigen Marco und Ciro, die zu viel "Scarface" gesehen haben und den Clans in die Quere kommen mit ihren Spinnereien, oder der Auftragsschneider Pasquale, der, ohne es zu wissen, am Oscar-Kleid von Scarlett Johansson arbeitet.

Nirgendwo ein "Pate", dessen düsteres Charisma das Morden ein wenig überstrahlen könnte. Auch den engagierten Kämpfer gegen das Verbrechen, mit dem sich mitfiebern ließe, gibt es nicht. Die einzige Figur, die sich der Camorra offen widersetzt, Francos junger Assistent Roberto, ist gleichzeitig die schwächste des Films. Und wenn sich doch einmal Glamour über die Szenen legt, ist dieser Glanz so falsch wie die Sonnen im Solarium, in dem zu Beginn des Films ein Gemetzel stattfindet. Routiniert und professionell wird da zu Italo-Pop gemordet.

In Scampìa tobt ein Bandenkrieg, dessen Frontverlauf lange nicht klar wird. Undurchdringlich erscheint das Geflecht aus Gewalt, Angst und Ausbeutung - die aufklärerische Kraft des Buches, das eine Fülle von Namen nennt und aus einem scheinbar unentwirrbaren Gewebe viele einzelne Tatsachenfäden herauslöst, erreicht der Film nicht.

Mafia-Mechanismen fühlbar gemacht

Auch nicht Savianos apokalyptische Wucht - Garrones Ziel ist ein anderes. Einzelschicksale illustrieren das System Camorra. Begreifbar, nachfühlbar vor allem werden die Mechanismen, die eine ganze Region unterwerfen - ein Netz des Todes scheint von Anfang an über allem zu liegen. Geknüpft wird es durch Geldscheine, die den Besitzer wechseln, beim Drogenkauf, oder wenn Don Ciro (Gianfelice Imparato), genannt "das U-Boot", ein Geldbote der Camorra, an die Angehörigen toter oder inhaftierter Clanmitglieder ihren monatlichen Unterhalt auszahlt.

Wie ein Buchhalter des Todes schleicht dieser Mann durch die Gänge der Hochhaussiedlung, ein Rentner in beiger Windjacke mit dem verkniffenen Gesicht des Ängstlichen und Magenkranken. Die Klagen seiner Kunden, dass das Geld nicht ausreiche, überhört er routiniert. Mehr noch als alle anderen Protagonisten scheint dieser leblose blasse Mann das System Camorra zu verkörpern.

Die Barbarei in Scampìa bildet nur die Grundlage für ein hochprofessionell organisiertes, global orientiertes Geschäft. Dies zusammenzubringen, die äußerste moralische, geistige und materielle Armut der Slumbewohner mit dem globalisierten Kapitalismus, ist die eigentliche Leistung des Buches, die Garrone durch die Auswahl seiner Protagonisten kongenial übersetzen kann. Kinder wie Totò, die keine Perspektive haben, sind ideale Rekruten für ein System, das mit dem Müllhändler Franco seine weltgewandte, menschenverachtende Fratze zeigt.

Grelle Horrorphantasie

In Scampìas Bandenkrieg wird Totò seine eigene Tante verraten, die von der neapolitanischen Sängerin Maria Nazionale gespielt wird: Es ist wie Vaterlandsverrat. Und eine der schauerlichsten Szenen des Films zeigt einen Giftmülltransport durch Kinder. Weil sich die eigentlichen Lastwagenfahrer weigern, den gefährlichen Job zu übernehmen, engagiert Franco Roma-Jungen, schiebt ihnen Kissen unter die Hintern und lässt sie die Wagen mit ihrer lebensgefährlichen Fracht zu einer Grube bugsieren. Da münden die sich dokumentarisch gebenden Handkamerabilder wie von selbst in eine grelle Horrorphantasie.

Das dürfte ganz im Sinne Savianos sein, in dessen Buch nie ganz klar ist, wo die Fakten enden und die Fiktion beginnt. "Die Wahrheit ist parteiisch", schreibt er. "Könnte man sie auf eine objektive Formel reduzieren, dann wäre sie synthetisch."

GOMORRHA, I 2008 - Regie: Matteo Garrone. Buch: Maurizio Braucci, Ugo Chiti, Gianni Di Gregorio, M. Garrone, Massimo Gaudioso, Roberto Saviano. Kamera: Marco Onorato. Schnitt: Marco Spoletini. Mit: Salvatore Abruzzese, Gianfelice Imparato, Maria Nazionale, Toni Servillo, Carmine Paternoster, Salvatore Cantalupo. Marco Macor, Ciro Petrone. Verleih: Prokino, 135 Minuten.