Wo die Krise der Autoindustrie weit weg ist: Bei ihren Fans sind die vier Ludolf-Brüder aus dem Westerwald längst Kult, jetzt kommen die Schrotthändler ins Kino.
Es ist der ganz normale Belagerungszustand, draußen vor der Autoverwertung in Dernbach. Ein grauhaariger Kunde ist wegen der Abwrackprämie da, für die er den entscheidenden Stempel benötigt; andere stehen an, weil sie Ersatzteile brauchen, außerdem parken gerade drei Trabbis vor der Tür, deren Besitzer unbedingt ein Souvenir wollen. Ein Fernsehteam von RTL benötigt noch passende Bilder von Deutschlands berühmtester Autoteile-Handlung. Insgesamt warten zwei Dutzend Fans darauf, dass einer der Ludolfs endlich wieder aus dem grünen Gebäude heraustritt und sich den Menschen zuwendet, die Tag für Tag ins nördliche Rheinland-Pfalz fahren, um sich auf besondere Weise berühren zu lassen.
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Auch im größten Chaos verlieren sie nie die Nerven: Peter, Uwe und Manfred Ludolf. (© Foto: filmverleih)
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Willkommen in Ludolf-Land im Westerwald, einer Enklave der menschlichen Zuversicht, in der die Krise der Autoindustrie weit weg zu sein scheint. Auch Alexander, André und Kevin, drei junge Kfz-Mechaniker aus Andernach am Rhein, suchen die Nähe der vier Brüder, nicht zum ersten Mal sind sie über die A3 gefahren, in den Westerwald. Kevin hat eine Fensterkurbel für einen Fiesta gekauft, er hält sie fest wie eine Reliquie, fünf Euro, fairer Preis. Eine Fensterkurbel von den Ludolfs ist eine Devotionalie, vor allem wenn sie von Uwe Ludolf an der Haustür mit einem strahlenden Lächeln überreicht wird: "Schönen Tag und mach's gut, mein Kleiner!"
So echt hier alles
Alles begann damit, dass ein Redakteur vom SWR einen Film über das Ortsjubiläum von Dernbach machen sollte und vom Bürgermeister der 1000-Einwohner-Gemeinde den Tipp erhielt: Gehen Sie doch mal zu den Ludolfs. Die Fernsehleute waren beeindruckt von der Schrotthandlung, aber noch mehr vom skurrilen Wortwitz der Brüder Uwe, Peter, Günter und Manfred. Bald darauf hatte ein Produzent die Idee, daraus eine ganze Serie zu machen. Alltagsgeschichten mit Anti-Helden in karierten Hemden und blauen Arbeiterhosen, die das genaue Gegenteil sind von hochgezüchteten Superstars, Topmodels und eitlen Dschungel-Bewohnern.
Sie sitzen nun in ihrem halbdunklen Wohn- und Arbeitszimmer, das inzwischen auch als Drehort für eine Art Realitätsfernsehen dient, wie es kein TV-Mensch jemals erfinden könnte. Alles ist echt hier: die geblümten Tapeten aus den siebziger Jahren, der Staub, die alten Fotos und Maskottchen an der Wand. "Wir merken ja auch gar nicht mehr, dass das Fernsehen dabei ist", sagt der dicke Peter, der im Theater einen wunderbaren Falstaff abgeben würde, gerne laut lacht und sich wie seine Brüder den Ruhrpott-Dialekt aus der Kindheit bewahrt hat. Uwe, mit 57 der älteste der Brüder und der Einzige mit einer eigenen Familie, schweigt lieber an diesem Nachmittag, während die anderen ins Plaudern geraten. Auch Günter nickt gerne kurz weg, wenn er nicht gerade das Firmentelefon bedient und die Aufträge dann an seinen Bruder Peter weiterleitet. Peter wiederum versichert, er könne jedes gewünschte Autoteil aus dem Haufen hervorziehen - "fotografisches Gedächtnis".
"Die Ludolfs" sind nun seit drei Jahren ein Quotengarant im Münchner Spartensender DMAX, in dem man vor allem schwitzende Männer mit schnellen Maschinen und zu viel Freizeit erleben kann. Das Erstaunliche an der Doku-Soap ist, dass in den knapp 45-minütigen Folgen eigentlich gar nichts passiert, außer dass die Brüder beieinander sitzen, an Autos herumschrauben und immer mal wieder auf verrückte Ideen kommen. Im Dernbacher Schrottmilieu gibt es keine Gefühlsdramen, keine Gewalt, keine erotischen Verwicklungen, ja nicht einmal die Andeutung von Sex, sieht man von den leicht verblichenen Pin-up-Girls ab, die an der Wand neben der Hebebühne hängen. Irgendwann haben Frauen im Leben der Brüder eine größere Rolle gespielt, aber die Männer reden eher abstrakt und mit kindlicher Bewunderung über sie - immerhin weiß der Zuschauer, dass der in sich gekehrte Günter mal mit einer Frau zusammen war, die ihn betrogen hat, er betäubt seinen Schmerz immer noch mit viel Koffein und Zigaretten, das ist sein Part.
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