Im Kino: "Die Klasse" Hausaufgabe: Denken!

Testosterongeschüttelte Jugendliche aus Problemvierteln und wüst schimpfende tätowierte Kapuzenträger: "Die Klasse" zeigt die französische Schule als lebendige pädagogische Notfallambulanz.

Von Alex Rühle

Die Schule gilt in Frankreich noch immer als heilige Institution, als säkulares Fundament, auf dem die Grande Nation ruht, als der Ort, an dem aus einer buntscheckigen Schar von Kindern mündige Franzosen werden. Dass 2002 der kleine Dokumentarfilm "Être et Avoir" über eine Dorfschule in der Auvergne so erfolgreich war, hing auch damit zusammen, dass da ein Lehrer in einem winzigen Weiler tatsächlich noch diese Utopie vorlebte: Der sanfte Grundschulpädagoge, der da durch ein Schuljahr begleitet wurde, verkörperte in seinem hartnäckigen Humanismus das Ideal der alten republikanischen Schule, eingebettet in die wechselnden Jahreszeiten und eine wunderschöne französische Landschaft.

War selbst mal Lehrer: Schauspieler und Autor der Romavorlage François Bégaudeau.

(Foto: Foto: Filmverleih)

In Laurent Cantets neuem Film "Die Klasse" muss nun ein Lehrer ein Jahr lang klarkommen mit testosterongeschüttelten Jugendlichen aus einem Pariser Problemviertel, mit tätowierten Kapuzenträgern, die ihn wüst beschimpfen, mit Halbwaisen, die teils kaum lesen oder einen einfachen Satz bilden können, und die ihm einmal auf die Frage, ob sie denn keine Franzosen seien, antworten: "Nein. Ich bin schon irgendwie Französin, aber ich bin nicht stolz darauf."

Gerade das aber macht "Die Klasse", mit der Cantet in Cannes die Goldene Palme gewann, zu solch einem hervorragenden Film. Schließlich gibt mittlerweile selbst der Erziehungsminister Xavier Darcos zu, dass die Schule in Zeiten zerfallender Familien, interkultureller Probleme und großer Armut als kulturelle Integrationsmaschine überfordert ist und eher einer pädagogischen Notfallambulanz gleicht.

So sagt denn auch in einer der ersten Szenen, am Schuljahresbeginn, einer der Lehrer bei der Vorstellungsrunde zu den neuen Kollegen: "Hallo, ich unterrichte hier das Einmaleins - und nebenbei bin ich Mathematiklehrer."

Der Mann weiß, wovon er spricht, er unterrichtet im wahren Leben, genau wie all die anderen Lehrer, die in dem Film mitspielen, an der Françoise-Dolto-Schule, im betongrauen 20. Arrondissement von Paris. Auch die Schüler kommen von dieser Schule, ja es spielen sogar deren leibliche Eltern mit, ohne dass man auch nur einmal das Gefühl hätte, peinlichem Laientheater beizuwohnen. Die Hauptfigur des Films, Klassenlehrer François Marin, wird ebenfalls von einem ehemaligen Lehrer gespielt: von François Bégaudeau.

Bégaudeau hat jahrelang an einer schwierigen Schule unterrichtet und nebenher Filmkritiken und Bücher geschrieben. Von ihm stammt die Romanvorlage, er hat am Drehbuch mitgearbeitet - und jetzt spielt er sich auch noch in der Figur des Monsieur Marin selber. Das könnte schnell in narzisstische Selbstbespiegelung ausarten.

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