Testosterongeschüttelte Jugendliche aus Problemvierteln und wüst schimpfende tätowierte Kapuzenträger: "Die Klasse" zeigt die französische Schule als lebendige pädagogische Notfallambulanz.
Die Schule gilt in Frankreich noch immer als heilige Institution, als säkulares Fundament, auf dem die Grande Nation ruht, als der Ort, an dem aus einer buntscheckigen Schar von Kindern mündige Franzosen werden. Dass 2002 der kleine Dokumentarfilm "Être et Avoir" über eine Dorfschule in der Auvergne so erfolgreich war, hing auch damit zusammen, dass da ein Lehrer in einem winzigen Weiler tatsächlich noch diese Utopie vorlebte: Der sanfte Grundschulpädagoge, der da durch ein Schuljahr begleitet wurde, verkörperte in seinem hartnäckigen Humanismus das Ideal der alten republikanischen Schule, eingebettet in die wechselnden Jahreszeiten und eine wunderschöne französische Landschaft.
War selbst mal Lehrer: Schauspieler und Autor der Romavorlage François Bégaudeau. (© Foto: Filmverleih)
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In Laurent Cantets neuem Film "Die Klasse" muss nun ein Lehrer ein Jahr lang klarkommen mit testosterongeschüttelten Jugendlichen aus einem Pariser Problemviertel, mit tätowierten Kapuzenträgern, die ihn wüst beschimpfen, mit Halbwaisen, die teils kaum lesen oder einen einfachen Satz bilden können, und die ihm einmal auf die Frage, ob sie denn keine Franzosen seien, antworten: "Nein. Ich bin schon irgendwie Französin, aber ich bin nicht stolz darauf."
Gerade das aber macht "Die Klasse", mit der Cantet in Cannes die Goldene Palme gewann, zu solch einem hervorragenden Film. Schließlich gibt mittlerweile selbst der Erziehungsminister Xavier Darcos zu, dass die Schule in Zeiten zerfallender Familien, interkultureller Probleme und großer Armut als kulturelle Integrationsmaschine überfordert ist und eher einer pädagogischen Notfallambulanz gleicht.
So sagt denn auch in einer der ersten Szenen, am Schuljahresbeginn, einer der Lehrer bei der Vorstellungsrunde zu den neuen Kollegen: "Hallo, ich unterrichte hier das Einmaleins - und nebenbei bin ich Mathematiklehrer."
Der Mann weiß, wovon er spricht, er unterrichtet im wahren Leben, genau wie all die anderen Lehrer, die in dem Film mitspielen, an der Françoise-Dolto-Schule, im betongrauen 20. Arrondissement von Paris. Auch die Schüler kommen von dieser Schule, ja es spielen sogar deren leibliche Eltern mit, ohne dass man auch nur einmal das Gefühl hätte, peinlichem Laientheater beizuwohnen. Die Hauptfigur des Films, Klassenlehrer François Marin, wird ebenfalls von einem ehemaligen Lehrer gespielt: von François Bégaudeau.
Bégaudeau hat jahrelang an einer schwierigen Schule unterrichtet und nebenher Filmkritiken und Bücher geschrieben. Von ihm stammt die Romanvorlage, er hat am Drehbuch mitgearbeitet - und jetzt spielt er sich auch noch in der Figur des Monsieur Marin selber. Das könnte schnell in narzisstische Selbstbespiegelung ausarten.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der siegreiche Dialog eines Französischlehrers 2008 aussehen könnte.
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Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Danke, Ionetal, dafür, daß Sie den restringierten Code angesprochen haben. Auf der Liste der Faktoren, die Kinder aus der Unterschicht beim Erwerb von Bildung behindern, steht der restringierte Code, der von ihren Müttern, in ihren Familien, Stadtvierteln, Freundeskreis etc gebraucht wird, ganz oben. Sämtliche Ergebnisse der Bildungsforschung weisen darauf hin, daß es vor allem der in gebildeten Schichten benutzte elaborierte Code ist, der bei Kindern Abstraktions- und Differenzierungsfähigkeit sowie logisches Denken befördert bzw. für die Entwicklung derselben nahezu unerläßlich. Um Kindern aus der Unterschicht eine ähnliche intellektuelle Entwicklung wie bei ihren Altersgenossen aus der Mittel- und Oberschicht zu ermöglichen, kommt es darauf an, den Einfluß des restringierten Codes zurückzudrängen und sie möglichst häufig und intensiv dem elaborierten Code aussetzen, und zwar von frühester Kindheit an. Wie Untersuchungen zeigen,bestehen Unterschiede in der Lernfähigkeit durch den verschiedenen Sprachgebrauch bereits im Alter von einem Jahr, also noch bevor Kinder selbst sprechen !
Man kann natürlich beide Codes gleich bewerten, wenn man Bildung keinerlei Wert beimißt. Ist man daran interessiert, daß alle Kinder gut lernen können, muß man beide Codes unterschiedlich bewerten, wobei der restringierte Code hier eindeutig schlecht abschneidet.
Den restringierten Code nicht abwerten, aber gleichzeitig für die Bildung von Unterschichtkindern zu sein, ist inkonsistent.
Natürlich kann man mit "Leck mi am Arsch" die ganze Palette menschlicher Gefühle zum Ausdruck bringen. Für die Bildungsfähigkeit ist es aber eindeutig besser, wenn man diese auch mit verschiedenen Worten zum Ausdruck bringen kann.
Übrigens: Gebildete Menschen beherrschen in der Regel sowohl den elaborierten als auch den restringierten Code, ungebildete i nder regel nur den restringierten. Deswegen verfügen gebildete Menschen über mehr Ausdrucksmöglichkeiten als ungebildete und nicht über gleich viel (oder wenig) nur andere.
"Wenn die Sprache das Haus des Menschen ist, dann leben die meisten dieser Jugendlichen in windschiefen Hütten." Irrtum, sie sprechen nur ihre eigene Sprache, den so genannten restringierten Code: "Bezeichnung für die sprachlichen Ausdrucksmittel von Angehörigen unterer sozialer Gruppierungen; im Gegensatz zum elaborierten Code," heißt es dazu in Meyers Lexikon online. (http://lexikon.meyers.de/wissen/Restringierter+Code)
Zu erstenma Mal beschrieben wurde er bereits in in den 1950ern von Basil Bernstein. Ein restringierter Code, schreibt er, enthält ein riesiges Potential von Bedeutungen. Er stellt eine Form von Sprache (form of speech) dar, die eine auf Gemeinschaft gegründete Kultur symbolisiert. Er hat seine eigene Ästhetik. Er sollte nicht abgewertet werden.
Genau aber das geschieht in Schulen der beschriebenen Art täglich ( bi uns vor allem in der Hauptschule) landauf landab, weil Lehrkräfte ihr Handwerkszeug weder kennen noch gar beherrschen und so ihre Schüler/innen weder verstehen noch sich mit ihnen verständigen können. Eigentlich bräuchten sie einen Dolmetscher.
Es ist halt wie im Dialekt: Mit einem "Leck mi am Arsch" können Bayern
und Schwaben die ganze Breite, Tiefe, Empfindsamtkeit und auch Gemeinheit ihres Gefühlslebens offenbaren. Wer dabei nur auf die gesprochenen Worte achtet, wird sie nie verstehen.
Ich wohne direkt neben der Schule, und möchte mal mit einem Klischee aufräumen dass alle Kritiken zu dem Film begleitet: das Viertel ist weder betongrau, noch ghettohaft, noch übermässig problembeladen. Es ist ein sehr multikulturelles Wohn- und Geschäftsviertel mit einer bunten maghrebinisch-französisch-europäisch-chinesisch-afrikanischen Mischung, bietet tolle Cafés und sehr viel "commerce de proximité" und man befindet sich vor allem noch in Paris innerhalb der Peripherie. Die soziale Mischung der Klasse spiegel den ganz normalen Metropolenjugendlichen ab, und auch die "exotische" Herkunft vieler Kinder ist keinesfalls auffällig. Es ist eine ganz normale Pariser Schulklasse mit den typischen Charakteren. Die Schüler haben sich ja auch nicht selbst gespielt, sondern jeweils einen Charakter entwickelt, der ihnen mehr oder weniger fern sein konnte.