Im Kino: "Adaption" Dahinter steckt immer ein kahler Kopf

"Adaption.", ein Film über Anpassungsprobleme von Jonze, Kaufman und Cage

Von FRITZ GÖTTLER

Gut, dass es noch ein paar Sachen gibt, auf die Verlass ist. Über die Einigkeit besteht, seit langem und überall. Fixpunkte in unserem chaotischen, zur Verzweiflung neigenden Leben. "Casablanca" zum Beispiel ist so ein verlässliches Stück Kino- und Kulturgeschichte.

Nicolas Cage, Meryl Streep in ADAPTION.

(Foto: SZ v. 12.03.2003)

"Casablanca" ist eins der besten Filmscripts überhaupt, das wird uns in diesen Film nachdrücklich versichert, darin sind sich die Herren Kaufman und McKee einig. Zwei Vertreter jener Zunft, um die es in "Adaptation." geht - um amerikanische Drehbuchschreiber. Charlie Kaufman ist der schusselige Autor, der gewissermaßen den Film angezettelt hat, er sollte das Buch "The Orchid Thief" von Susan Orlean für den Film bearbeiten und hat nach fünf Monaten schweißtreibender Versuche aufgegeben - eine Kapitulation, die kreativ gemacht wurde, indem Kaufman einfach seine Adaptionsprobleme selbst zu erzählen begann. Ein nicht ganz alltäglicher Fall von Selbstreferentialität, ungewöhnlich im Hollywood-Betrieb, der sich auf seine Professionalität so viel zugute hält. Als Versager muss den Kümmerling Kaufman auch Robert McKee sehen, der legendäre Drehbuch-Lehrer, der viele Jahrgänge von Hollywood-Autoren instruiert hat. Der Script-Guru tritt natürlich nicht in persona auf, sondern wird, mit einer Ladung spontaner fuckings in seiner freien Rede, von Brian Cox gespielt. Charlie - auch er nicht in persona, sondern gespielt von Nicolas Cage - besucht eins seiner Massenseminare und geht mit dem Mentor danach noch in eine Bar. Was nicht unbedingt der Beginn einer intensiven Freundschaft ist, aber ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum Erfolg.

Die Drehbuchschreiber sind die armen Schweine in Hollywood, das ist eine Binsenweisheit, sie sind verklemmte Wesen, die das Rampenlicht scheuen, und haben alle möglichen Komplexe, weil immer zu wenig zu sehen ist von ihrer Arbeit im fertigen Film. Kreativitätsstau, Schreibstörungen, Anpassungsschwierigkeiten ... was für eine qualvolle, einsame Arbeit. Und wenn man Charlie glauben darf, die reine Wichserei. Der "Orchid Thief", entstanden aus einem Beitrag von Orlean für den New Yorker, als Buch dann ein Bestseller, sträubt sich gegen die Strukturierung, wie McKee sie predigt. Was auch mit dem Helden zu tun hat, dem leidenschaftlichen Orchideenjäger John Laroche, gespielt von Chris Cooper, der die Everglades unsicher macht auf der Jagd nach seltenen Stücken - die selbstredend unter Naturschutz stehen.

Ein Meta-Film, hat die amerikanische Kritik in einer Mischung aus Perplexität und Entzücken registriert, der alle Beteiligten über diverse Schauplätze jagt, zwischen den Sümpfen von Florida und dem Tempel des New- Yorker-Büro, der Orlean - fröhlich, berauscht gespielt von Meryl Streep - mit Laroche paart, der schaurige Zahnlücken hat, aber das Herz auf dem rechten Fleck. Zusätzlich zu seinen Komplexen hat Charlie noch einen Zwillingsbruder, für den Film ausgedacht, ebenfalls dargestellt von Cage. Bei dem es sehr viel reichlicher strömt, beim Schreiben und auch auf anderem Gebiet. Er bastelt an einem Serial-Killer-Genre-Film, der ihm richtig Spaß macht und für den er locker eine sechsstellige Summe erhalten wird. Er wäre der Typ, für den man sich - so der Kaufman-Wunsch - Depardieu als Darsteller vorstellen könnte.

Mit einer Orgie der Weinerlichkeit legt Charlie los, die an Woody Allens mittlerweile überwundene schlimme Periode erinnert. "Habe ich überhaupt einen originellen Gedanken in meinem Kopf? ... In meinem kahlen Kopf? . .. Wenn ich glücklicher wäre, würde ich vielleicht nicht meine Haare verlieren. Wenn mein Hintern nicht so fett wäre, wäre ich vielleicht glücklicher. Und ich müsste nicht die ganze Zeit meine Hemden offen über dem Hosenbund hängen lassen." Kommen Sie mir nicht mit so was Abgedroschenem wie einem inneren Monolog, wird später McKee seine Studenten anraunzen, und man ist ihm dankbar dafür.

Pathos wird zum Problem für Charlie, dass er auf alles so pathetisch reagiert. Pathos als Gegensatz zum wirklichen Leben. Charlie Kaufman ist der Mann, dem wir die Einblicke in den Kopf von John Malkovich verdanken, in dem Film "Being John Malkovich". Spike Jonze, der auch damals der Regisseur war, ist einer der Produzenten von "Jackass: The Movie". Mit diesem Film teilt "Adaptation." die Lust am Experiment, an der Gefährdung der eigenen Existenz.

Man darf sich nicht täuschen lassen, die Bücher von Charlie Kaufman sind keine Kopfgeburten. Und an Metafilm-Kapriolen hat sowieso jeder Film aus der Soderbergh-Ecke mehr drauf, was bald eine weiteres Kaufman-Script demonstrieren wird, "Confessions of a Dangerous Mind", das George Clooney verfilmt hat. "Adaptation." ist im Grunde seines Herzens antidramatisch. Das heißt, er ist an Abläufen mehr interessiert als an Dramatik, weshalb als Antipode zu Mr. Mckee auch Mr. Darwin einen Gastauftritt hat. Seine Evolution gibt es, zur Einstimmung gleichsam, im Zeitraffer.

Bei mir, sagt Robert McKee, geht es immer um die Realitäten, nicht die Mysterien des Schreibens, und das gleiche gilt auch von diesem Film. Es ist ein rührender Film über Anziehung und Abstoßung, Näherung und Distanz, Glück und Einsamkeit. Als Charlie sich mit seiner Produzentin, Tilda Swinton, in einem Lokal trifft zum Arbeitsgespräch, will sie ihn spontan umarmen, er hält ihr nur die Hand hin. Die Angst vor Körperkontakt, vor Nähe. Natürlich ist, bei näherer Betrachtung, auch das "Casablanca"-Buch ein dramaturgischer Verhau. Ein Zwillingswerk, von den Brüdern Julius J. & Philip G. Epstein.

ADAPTATION., USA 2002 - Regie: Spike Jonze. Buch: Charlie Kaufman, Donald Kaufman, nach dem Buch "The Orchid Thief" von Susan Orlean. Kamera: Lance Acord. Schnitt: Eric Zumbrunnen. Musik: Carter Burwell. Mit: Nicolas Cage, Meryl Streep, Chris Cooper, Tilda Swinton, Cara Seymour, Brian Cox, Maggie Gyllenhaal. Columbia, 112 Minuten.