Holocaust und Kolonialgeschichte: Luc Tuymans bringt auf die Leinwand, wovor andere zurückschrecken. Im Interview spricht der Maler über die Manipulierbarkeit von Bildern und den nötigen Voyeurismus.
Während des Interviews lächelt er kein einziges Mal, statt dessen heftet er den Blick aus blauen Augen unverwandt auf sein Gegenüber. Dann, endlich, zündet sich Luc Tuymans, einer der großen Maler der Gegenwart, in der Goldenen Bar des Münchner Hauses der Kunst die erste Zigarette an. Wohlverdient nach einem zweistündigen Gespräch. Er trinkt einen Espresso - bitte kein Wasser dazu - und erzählt, dass er sich freut, am Abend mit seiner Band aufzutreten, den Monkey Pussys. Das wird ein Spaß, sagt er ernst.
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Legt den Finger in die Wunde: der belgische Maler Luc Tuymans. (© Foto: ddp)
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Süddeutsche Zeitung: Herr Tuymans, Sie gelten als Macho. Vor einiger Zeit meinte die berühmte österreichische Künstlerin Maria Lassnig, alle Künstler seien Machos. Geben Sie ihr recht?
Luc Tuymans: Das ist eine richtig gute Bemerkung. Ich kenne und schätze Maria Lassnig. Feiert sie nicht bald einen runden Geburtstag?
SZ: Den neunzigsten nächstes Jahr.
Luc Tuymans: Eine tolle Frau. Macho zu sein, ist ja nicht an sich schlecht. Erst der Zwang zur politischen Korrektheit hat auch diesen Begriff negativ besetzt. Die Dogmen der Political Correctness sind unser Fluch. Sie zensieren uns ohne Ende. Inzwischen gilt es schon als unethisch, in der Öffentlichkeit zu rauchen, bald darf man wahrscheinlich nicht mehr trinken, nicht mehr laut lachen, und so weiter. Wenn das weiter eskaliert, mit diesen staatlich kontrollierten Auflagen und Verboten, wo enden wir dann? Die Freiheitsidee des Westens wird immer beklemmender.
SZ: Verlieren wir Freiheit?
Luc Tuymans: Das ist die Frage aller Fragen. Jeder weiß, wie ungesund es ist zu rauchen. Das ist medizinisch eindeutig bewiesen. Aber warum darf es nicht mein Schicksal sein, warum kann ich nicht wählen? Rauchen ist Teil jeder Kultur. Ohne sich von der Stelle zu rühren, bewegt man sich dennoch geistig in andere Dimensionen. Der Rauch transportiert das. Diese Kultur wird jetzt ausgelöscht. Und ganz nebenbei: Wer zahlt eigentlich für all die pensionsberechtigten Nichtraucher?
SZ: Dazu befragen wir besser die Minister. Kann es sein, dass Rauchen nicht nur inspirierend ist, sondern auch eine Art Schleiergrenze zwischen Personen und Dingen zieht? Es fällt mir ein, weil Sie so oft über Distanz sprechen, vor allem die Distanz, die Sie zu Bildern brauchen. Weshalb ist sie so wichtig?
Luc Tuymans: Es gibt zwei einschneidende Erlebnisse. Das erste geht auf das Jahr 1977 zurück. Ich war 19, hatte mein erstes Selbstporträt gemalt und dafür einen Preis der Brüsseler Kunstakademie gewonnen, dazu einen Bildband über den belgischen Symbolisten James Ensor. Als ich das Buch aufschlug, erlebte ich einen Schock. Denn ich entdeckte ein Jugendbildnis des Künstlers, das meinem auffallend glich, obwohl ich es nie zuvor gesehen hatte! Schlagartig wurde mir damals klar, dass es kein Original gibt, sondern nur authentische Fälschungen. Und seitdem male ich kein einziges erfundenes Bild mehr. Imagination ist der Wirklichkeit immer unterlegen.
SZ: Und die zweite prägende Erfahrung?
Luc Tuymans: Hängt mit der ersten zusammen. Ich ertrug es einfach nicht mehr, mich wie am Anfang weiter existentiell in meine Gemälde zu verstricken. 1982 habe ich deshalb einen Stopp eingebaut und die nächsten zwei Jahre Super-Acht-Filme gemacht anstatt zu malen. Auf diese Weise konnte ich mich Bildern nähern, ohne von ihnen emotional zu sehr berührt zu werden. Seitdem treibe ich meine Strategie der Distanz immer weiter. Bis ins Extrem meiner aktuellen Ausstellung.
SZ: Schon 1985, als Sie Ihre Gemälde anlässlich Ihrer ersten Einzelausstellung in einem leeren Swimmingpool im Thermenpalais in Ostende präsentierten, zeigten Sie diesen Hang. Aber weshalb? Wozu?
Luc Tuymans: Weil ich mich nicht als ein Ich mit einer Botschaft sehe oder als Ego, das ein Thema kommentiert. Malerei darf nicht eindeutig sein, sonst wäre sie nur Illustration. Stattdessen soll sie ambivalent sein, eine diffuse, vielschichtige Leerstelle, in der sich der Betrachter spiegelt. Ich habe diese Grundidee der stillen Bilder. Sie sagen nichts aus, sondern schweigen. Und sie zeigen sich nicht von vorneherein, sondern sind maskiert.
SZ: Damit sie was auslösen?
Luc Tuymans: Denken. Und eine andere Zeitdimension. Jedes Bild besitzt ja eine bestimmte Physikalität, eine Körperlichkeit. Deshalb hinterlässt es Spuren. Wollen Sie wissen, wie ich arbeite?
SZ: Aber ja!
Luc Tuymans: Es gibt weder Musik noch Telefon und schon gar kein Fernsehgerät. Ich isoliere mich völlig im Atelier. Jedes Bild entsteht in vier, acht, manchmal vierzehn, achtzehn Stunden.
SZ: Also sehr schnell?
Luc Tuymans: Ja, aber die Hauptarbeit ist vorher passiert. Für manche Bildzyklen recherchiere ich monatelang, sammle Fotos und andere Dokumente, zeichne und skizziere - so lange, bis ich das Bild fast totanalysiert habe. Ich brauche diese Intensität, aber sie ist keine Qual, sondern Vergnügen. Ich muss mich konzentrieren und fokussieren, anders funktioniere ich nicht. Dieser Zustand enthält auch ein sexuelles Moment, das der Betrachter als eine Art von aufgefüllter Leere spürt. Um diese Ästhetik der Indifferenz geht es mir.
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