Im Interview: Dustin Hoffman Wie viel Prozent unserer Seele nutzen wir eigentlich?

Ausgesprochen lässig: Dustin Hoffman, der den Shifu spricht in "Kung Fu Panda", über Jugend, Himmel und Hölle - und ein gutes Essen nach dem Tod.

Interview: Anke Sterneborg

Dustin Hoffman ist ausgesprochen lässig - die Werbetour für den "Kung Fu Panda", in dem er den Meister Shifu spricht (in der deutschen Version: Gottfried John), macht ihm Spaß. Und mit siebzig kann man schon mal die ersten Momente von Altersweisheit für sich reklamieren.

Dustin Hoffman: "Wenn Buddhismus bedeutet, dass man ein feines Essen angeboten bekommt, nachdem man gestorben ist, dann möchte ich Buddhist sein."

(Foto: Foto: Reuters)

SZ: In den Dreamworks-Zeichenfilmen prägen die Sprecher das Temperament und den Charakter der animierten Figuren auf der Leinwand. Sie müssten sich also freudig wiedererkennen in dem alten, weisen Kung-Fu-Meister Shifu ...

Dustin Hoffman: Für einen Schauspieler ist es schwer das zu beurteilen - weil man ja in jeder Rolle man selbst ist. Mir war auch gar nicht klar, dass wir Sprecher nicht alle zusammen "spielen" und direkt aufeinander reagieren konnten - man ist ganz allein im Aufnahmeraum, während der Regisseur, der Autor, der Produzent, die Tontechniker hinter Glas sitzen. Der Produzent Jeffrey Katzenberg hat uns gefragt, ob es uns was ausmachen würde, während der Aufnahmen gefilmt zu werden, weil man ja auch beim Synchronisieren spielt, mit den Händen, mit dem Gesicht und der Körperhaltung. Es gab also diese Kamera über uns an der Decke, und die Animatoren haben das, was sie beobachteten, später eingearbeitet ...

SZ: Manche Schauspieler genießen es ja sehr, allein und ohne Druck in der Kabine zu sein ...

Hoffman: Das verstehe ich überhaupt nicht. Es ist, als würde ich dieses Interview ohne Sie machen, als hätte ich nur eine Liste mit Fragen, einen Kassettenrekorder und einen leeren Stuhl. Selbst die gleichen Fragen verändern sich mit dem Menschen, der sie stellt - was ich hier zu Ihnen sage, ist durch Sie beeinflusst.

SZ: Fühlten Sie sich durch den Buddhismus der Geschichte inspiriert?

Hoffman: Ich kenne die Religion nicht gut genug, aber wenn Buddhismus bedeutet, dass man ein feines Essen angeboten bekommt, nachdem man gestorben ist, dann möchte ich Buddhist sein ... Nun, ich würde gerne an die Reinkarnation glauben. Mein Vater war Atheist, ich bin religionslos aufgewachsen. Aber die Idee einer Religion gefällt mir, ich denke nur, dass die Leute die Sache mit dem Himmel und der Hölle falsch verstehen. In meinen Augen ist der Himmel der langweiligste Ort der Erde, da gibt es nichts zu lachen, es gibt keine Ironie, es fehlt das teuflische Element. Wenn ich mir Gedanken darüber mache, was nach dem Tod kommen sollte, dann würde die Belohnung für mich in der schlichten Erleuchtung bestehen, dass man versteht, wann und warum man falsch lag, wie man sich selbst belogen hat, denn wir sind per definitionem unvollkommen.

SZ: Wie sieht es denn bei Ihnen mit Erkenntnis und Lebensweisheit aus?

Hoffman: Nun, George Bernard Shaw hat mal gesagt, wie schade es sei, dass die Jugend an die Jungen verschwendet wird: Wenn wir gerade mal den zweiten Akt abschließen, bekommen wir vielleicht eine Ahnung davon, wer wir sind. Es heißt, dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen, vielleicht nutzen wir ja ohne es zu wissen auch nur zehn Prozent unserer Seele.

SZ: Gehören Sie eher zu denen, die glauben, oder zu denen, die wissen?

Hoffman: Es war mir gar nicht klar, dass es in dem Film auch darum geht, aber es gefällt mir sehr: Ich würde wohl eher glauben wollen. Da denke ich sofort an Gertrude Stein, die auf dem Sterbebett von ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas gefragt wurde: Bevor du stirbst, sag mir - was ist die Antwort? Gertrude Stein soll sie angeschaut und gesagt haben: Nein Alice! Was ist die Frage?

SZ: Ihre Rollen hatten immer auch eine komische Note, selbst der ernste "Tod eines Handlungsreisenden", und doch sieht es aus, als wären Sie in Komödien wie "Meet the Fockers" oder "Stranger than Fiction" zunehmend entspannt?

Hoffman: Natürlich verändern wir uns mit den Jahren, - das ist im Grund eine Form der Reinkarnation. Natürlich gibt es dabei gewisse Konstanten. Komische Momente gibt es ja auch in "Die Reifeprüfung" und in "Midnight Cowboy", und wenn ich da statt der Regisseure die Kontrolle gehabt hätte, wäre es wohl noch sehr viel komischer geworden. Dass man nicht wegkommt von dieser Diskussion, liegt daran, dass die meisten Leute in diesem Geschäft nur das wollen, was sicher funktioniert. Statt eines kleinen Restaurants am Highway, von dem man noch nie gehört hat, führen sie uns lieber zu McDonald's: Das mögen sie, also geben wir es ihnen, statt etwas Ungewohntes zu riskieren. Paul Simon hat recht, nach all den Jahren hat es noch niemand geschafft mich zu zähmen, ich bin noch immer ein bisschen verrückt. Ich war ein schrecklicher Schüler, weil ich immer alle zum Lachen brachte, aber ich habe ein bisschen Kierkegaard gelesen, der übrigens einen wunderbaren Sinn für Humor hatte ...

SZ: ... was ja nicht das Erste ist woran man bei ihm denkt ...

Hoffman: Man denkt ja auch immer, es gäbe im "Tod eines Handlungsreisenden" nicht viel zu lachen, dabei sagte Arthur Miller, wenn man das richtig macht, lachen die Zuschauer ununterbrochen. Und je mehr sie lachen, desto mehr weinen sie, wenn Willy Loman stirbt. Und Kierkegaard sagte, das Leben ist so, als wäre man an dünnen Drähten über einem endlosen und unvorstellbar tiefen Ozean aufgespannt, mit auseinandergespreizten Armen und Beinen, und man weiß nicht, wann man fällt und stirbt.

SZ: Sie sind mit den klassischen Disney-Zeichenfilmen aufgewachsen: Was denken Sie von der modernen Computeranimation, bei der alles machbar ist?

Hoffman: Mir gefällt das sehr, schon weil ich der Meinung bin, dass die Animation noch immer in den Kinderschuhen steckt, genau wie das Kino überhaupt, das gerade mal hundert Jahre alt ist. Es gibt keine Kunstform, die so jung ist, doch ihre Möglichkeiten sind grenzenlos. Das ist wie in der Malerei, da heißt es immer, der Kubismus sei eine Reaktion auf die Fotografie gewesen. In dem Moment in dem es möglich war, Porträts mit einer Kamera aufzunehmen, mussten die Maler neue Wege gehen und sie erfanden den Kubismus, die Gleichzeitigkeit verschiedener Blickwinkel.